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"Auf dem Weg einen Toten knipsen": Die Polizei hat eine emotionale Botschaft an alle Unfall-Gaffer

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GAFFER
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  • Polizeipräsidien warnen: Während der Urlaubszeit behindern Gaffer immer öfter Rettungsarbeiten
  • Zwar sollen sie durch ein geplantes Gesetz nun härter bestraft werden
  • Bislang allerdings fehlt es an Personal, um die Vorfälle aufzunehmen

In den meisten deutschen Ländern sind im Moment Ferien, die Urlaubszeit ist auf dem Höhepunkt – und damit auch ein widerlicher Trend .

Während die Deutschen mit dem Auto in den Urlaub fahren oder von dort zurückkehren, ereignen sich deutlich mehr Unfälle auf den Straßen. Und wenn es kracht, sind auch meist die dabei, die voll draufhalten: Schaulustige, die mit ihrer Kamera das Unglück fotografieren und im schlimmsten Fall die Arbeit der Rettungskräfte behindern.

Und von denen gibt es derzeit deutlich mehr, bestätigt Polizeigewerkschafts-Chef Rainer Wendt der Huffington Post. "Im Sommer treiben sich nochmal deutlich mehr Gaffer an den Unfallstellen rum", sagt er.

"Da wollen Menschen auf dem Weg in den Urlaub noch schnell einen Toten knipsen und es in den sozialen Medien hochladen", so der DPolG-Chef. Den meisten sei nicht bewusst, dass sie so "ohne Skrupel in die Privatsphäre der Opfer eindringen und konkret Menschenleben gefährden, weil sie unsere Einsatzkräfte bei der Arbeit behindern".

DPolG-Chef Wendt: "Mentale Verrohung"

Es gebe kaum noch einen Polizeieinsatz, der nicht von Schaulustigen beobachtet und im schlimmsten Fall aufgezeichnet werde. "Die Leute haben überhaupt keine Hemmungen mehr. Dort spielen sich Szenen ab, die einer mentalen Verrohung gleichkommen", sagt Wendt.

Tatsächlich hat die Zahl der Toten, Schwer- und Leichtverletzten in den Monaten Juni, Juli und August seinen traurigen Höhepunkt erreicht. So kamen 2015 alleine in diesen drei Ferienmonaten fast 1000 Menschen ums Leben.

Die Zahl der Gaffer-Fälle wird aber derzeit nicht statistisch erfasst. Das liegt daran, dass die Fälle als Behinderung der Polizeiarbeit oder Verletzung der Privatsphäre zur Anzeige gebracht werden.

Allerdings bestätigen Polizeipräsidien, dass das Problem in den vergangenen Monaten zugenommen hat. "Es ist ein unschönes Phänomen, das vermehrt vorkommt“, sagte ein Sprecher des Polizeipräsidiums Dortmund der Huffington Post.

In der Urlaubszeit seien deutlich mehr Menschen mit Smartphones auf den Straßen, die dann auch Fotos und Videos von Unfallstellen machen.

Die Polizei Dortmund warnt deswegen alle Urlaubsreisenden: "Werden Sie nicht zum Gaffer! Das Fotografieren und Filmen mit dem Handy ist nicht nur verboten, sondern hochgradig gefährlich. Fahren Sie so schnell wie möglich an Unfallstellen vorbei!"

Am 4. August etwa fuhr auf der Autobahn A1 Richtung Bremen ein LKW auf einen Sattelzug auf. Die Strecke musste eine Stunde gesperrt werden. Auf der gegenüberliegenden Fahrbahn hielten immer wieder Menschen an, um die Rettungsarbeiten zu fotografieren. 20 von ihnen droht jetzt eine Anzeige durch die Polizei Dortmund.

"Gaffen nimmt flächendeckend zu"

Ein ähnlicher Fall ereignete sich in Karlsruhe. Dort kam es zu einem sechs Kilometer langen Stau, weil auf der Gegenfahrbahn Menschen langsamer fuhren, um Fotos zu machen.

"Das Gaffen nimmt flächendeckend zu, vor allem in der Urlaubszeit", sagte Joachim Zwirner, Referatsleiter Verkehr beim Polizeipräsidium Karlsruhe, der Huffington Post. "Auch ich bin ab und zu bei Einsätzen vor Ort und sehe, wie der Verkehr auf der Gegenseite fast zum Stillstand kommt, weil Menschen Fotos schießen und am Leid der anderen Menschen Gefallen finden", so Zwirner.

Zwar soll Gaffen künftig härter unter Strafe gestellt werden. Im Bundestag wird ein Gesetz beraten, nach Schaulustigen hohe Geldstrafen oder sogar Gefängnis droht, wenn sie Einstätze behindern oder Opfer fotografieren.

"Es fehlt an Personal, Beweisfotos von Gaffern zu machen"

Das kann aber nur funktionieren, wenn die Polizei diese Fälle auch zur Anzeige bringen kann. Und dazu kommt es noch zu wenig – massenhafte Anzeigen wie in Dortmund sind eher die Ausnahme.

"Wenn wir an einer Unfallstelle eintreffen, hat die Gefahrensicherung und Lebensrettung vor allem anderen Vorrang", sagt Zwirner. "Da fehlt es schlicht an ausreichendem Personal, um noch Beweisfotos von Gaffern zu machen.“ Gleichwohl denke man darüber nach, wie man zumindest nach der ersten Einsatzphase die Gaffer auch gerichtsverwertbar zur Anzeige bringen könne.

Dieser Eindruck bestätigt sich auch in Gesprächen der Huffington Post mit Polizeipräsidien in Mannheim und Osnabrück. Selbst in Innenministerien ist man sich des Problems bewusst.

Aus Bayern heißt es auf Anfrage: "Bereits jetzt bestehen ausreichende rechtliche Möglichkeiten, Schaulustige des Platzes zu verweisen und ggf. auch ein Zwangsgeld auszusprechen. Die Identifizierung der sogenannten 'Gaffer' gestaltet sich in der Praxis häufig schwierig, da die Einsatzkräfte vordringlich mit der eigentlichen Einsatzbewältigung beschäftigt sind."

So haben Gaffer dann bislang doch, leider, leichtes Spiel.

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(lk)