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Gabriels Ausraster gegen einen Rechtsradikalen: Warum wir mehr Mittelfinger brauchen

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Glaubt man den 80 Millionen potenziellen Bundeskanzlern im Lande, dann hat unsere Demokratie ein Politikerproblem.

Die Anklagemotive variieren: Nach Ansicht der Stammtische sind die Mandatsträger "zu abgehoben", oder sie sprechen "nur Politiker-Kauderwelsch".

Das Feuilleton erregt sich regelmäßig über das wortreiche Bemühen von Politikern, in Talkshows nichts zu sagen. Und politische Idealisten seufzen den Zeiten von Willy Brandt hinterher, als Politiker angeblich noch "authentisch" und "absolut glaubwürdig" waren.

Manchmal klingen die Vorwürfe an die Politik ganz so, als seien einzig die Politiker an dem zerrütteten Verhältnis zwischen Bevölkerung und Entscheidungsträgern verantwortlich. Aber so einfach ist es nicht.

Wir sind auch Schuld an all den langweiligen Politiker-Reden

Wir tragen eine Mitschuld daran, dass Politiker sich heute bei öffentlichen Auftritten oft so anhören, als könnten sie statt ihrer Rede auch aus dem Telefonbuch von Fulda vorlesen.

Regine Hildebrandt? Wäre in Deutschland schon längst von dem Moralhütern auf Twitter und Facebook wegen ihres Hangs zu Kraftausdrücken gemaßregelt worden.

Herbert Wehner? Da weiß man gar nicht, wo man anfangen soll. Seine sehr bildreiche Gegnerschelte im Bundestag ("Sie sind ein Schwein. Wissen sie das?") wäre wohl das geringste Problem.

Warum wir uns darüber unterhalten müssen?

Derzeit steht SPD-Chef Sigmar Gabriel unter Beschuss, weil er bei einer Veranstaltung in Salzgitter rechten Pöblern den Stinkefinger gezeigt hat. Diese hatten ihn zuvor unter anderem als "Volksverräter" beschimpft.

Dazu passend: Gabriels Geste zeigt, wie groß die Kluft zwischen Politikern und Wählern ist

Die Kritik kommt auch an dieser Stelle in ganz unterschiedlicher Gestalt daher.

Gabriel muss viel Häme und Kritik einstecken

Die parteiübergreifende Spießerfraktion kreidet Gabriel ein schwieriges Verhältnis zu bürgerlichen Sitten an und klagt darüber, dass Politiker ja auch Vorbilder seien.

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Was übrigens nichts anderes ist als die kaum verstellte Forderung, dass Politiker sich generell "abgehoben" verhalten sollten, in diesem Falle also mit mehr Würde, als der durchschnittlich cholerische Bürger in einer vergleichbaren Situation zu zeigen imstande wäre.

Andere sagen, dass Gabriel mit solchen Meinungsäußerungen zur weiteren Spaltung von Gesellschaft und Politik beitragen würde. Auch das ist nicht richtig.

Erstens hat Gabriel seine Widersacher, anders als vor einem Jahr, nicht mit dem als sozial abwertend konnotierten Begriff "Pack" tituliert, sondern ihnen, als Reaktion auf wüste und direkt auf seine Person bezogenen Beschimpfungen, mit dem Zeigen des Mittelfingers zu verstehen gegeben, dass sie sich selbst penetrieren mögen. Das ist in der Aussage letztlich schon ein Unterschied.

Scheinheilige Haltung zu Politikern

Zweitens wäre es falsch, die Argumentation der rechten Wutbürger zu übernehmen, die sich ja bekanntlich für "das Volk" halten, und jede Beleidigung, die auf ihre hinausgeplärrten Verbalinjurien folgt, als eine pauschale Beleidigung "des Volkes" umdeuten. Diesen Gefallen sollten wir diesen Menschen nicht tun.

Drittens: Wer sind wir eigentlich, dass wir "menschliche Politiker" wollen, aber jede Regung menschlichen Ärgers als "Unbeherrschtheit" oder gar "Respektlosigkeit" brandmarken?

Man könnte diesen Gedanken noch weiterspinnen: Anstatt es unerträglich zu finden, dass im Jahr 2016 in trauter Regelmäßigkeit Menschen ihren Hass in die Welt hinaus schreien und den Vize-Kanzler dieser Republik mit Nazi-Begriffen titulieren, regen einige sich nun darüber auf, dass Gabriel als Opfer dieser Beleidigungen nicht so reagiert hat, wie das bestimmte Konventionen erwarten ließen.

Indirekte Morddrohung an Gabriel

Reden wir doch mal offen, über das, was da in Salzgitter geschehen ist.

Die Demonstranten haben nämlich sehr wohl gewusst, wie der Begriff "Volksverräter" in der Zeit von 1933 bis 1945 besetzt war, und welche Strafe "Volksverräter" erwartete. Das ist ja gerade die Pointe der Parole: Sie ist nichts weiter als eine verklausulierte Morddrohung.

Wie würden wir wohl reagieren, wenn uns Menschen stetig und auf offener Straße mit dem Strick drohten oder uns "vor die Wand" stellen wollten?

Wer da gelassener reagiert als Gabriel, der verfügt entweder über ein bewundernswert ausgeglichenes Gemüt oder über einen besorgniserregenden Grad an emotionaler Abstumpfung. Man darf jedoch annehmen, dass die Reaktion vieler ("Normal-") Bürger eine andere wäre.

Doppelmoral wird sichtbar

Es wird Zeit, dass wir auch unsere eigenen moralischen Standards in solchen Debatten überprüfen. Vielleicht wird in solchen Fällen auch eine ganz eigene Form von Doppelmoral sichtbar: Die derjenigen, die sich sehnlichst Authentizität in der Politik wünschen, dann aber auf Politiker in authentischen Momenten mit an Ekel grenzender Abneigung eindreschen.

Auch das kann ein Grund sein, warum in diesem Land etwas schief läuft.

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(lk)