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Arbeitsmarkt-Revolution: Grünen-Politiker Janecek fordert 30-Stunden-Woche (Exklusiv)

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Grünen-Politiker Janecek fordert 30-Stunden-Woche (Exklusiv) | Getty/HuffPost
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  • Der wirtschaftspolitische Sprecher der Grünen, Dieter Janecek, fordert eine 30-Stunden-Woche
  • Er sieht darin ein "Zukunftsmodell für den deutschen Arbeitsmarkt"
  • Als Vorbild diene Schweden, wo das Modell bereits im Kleinen getestet wird

Es ist ein Vorschlag, der Deutschlands Arbeitswelt radikal verändern könnte. Der wirtschaftspolitische Sprecher der Grünen, Dieter Janecek, hat eine 30-Stunden-Woche gefordert.

Der Huffington Post sagte er: "Wir sollten darüber nachdenken, ob wir ein neues Leitbild von Vollzeit-Arbeit in Deutschland benötigen."

Demnach würden Deutsche nicht mehr acht, sondern knapp sechs Stunden pro Tag arbeiten müssen - und dabei im Optimalfall sogar gleich viel verdienen. "Eine Wochenarbeitszeit von 30 Stunden halte ich für zeitgemäß", so Janecek.

Sein Vorschlag wäre eine Vollbremsung, eine radikale Entschleunigung.

Fakt ist: Laut einer Studie des Statistischen Bundesamtes ist die Arbeitsbelastung in den vergangenen zehn Jahren stark gestiegen. Im Vergleich zum Jahr 2002 arbeiteten demnach die Deutschen 2013 im Schnitt zwei Stunden mehr pro Woche.

Janecek: "Arbeitnehmer werden seltener krank"

Burnout, Überlastung und Unzufriedenheit sind die Folge. Angestellte, die überarbeitet sind, bringen dem Arbeitgeber wenig. "Laut arbeitspsychologischen Studien sind die meisten Menschen nur bis zu fünf Stunden zu konzentrierter Arbeit pro Tag in der Lage“, sagte Janecek. "Außerdem zeigen Studien, dass Arbeitnehmer bei kürzeren Arbeitszeiten seltener krank werden."

Um herauszufinden, ob das Modell taugt, schlägt der Grünen-Politiker ein Pilotprojekt vor. Die öffentliche Verwaltung könne als Beispiel Voran gehen.

"Sollte sich das Konzept in der Praxis bewähren, kann ich mir die 30-Stunden-Woche sehr gut als Zukunftsmodell für den deutschen Arbeitsmarkt vorstellen", sagte Janecek.

Dazu passend: Schweden testet 6-Stunden-Modell: Warum auch wir eine Revolution auf dem Arbeitsmarkt brauchen

Doch was passiert mit dem Lohn? "Wenn ein Arbeitnehmer nachgewiesen in 30 Stunden genauso produktiv ist wie in 38, gibt es keinen Grund, ihn hierfür schlechter zu bezahlen", urteilt Janecek.

Auch das müsse das Pilotprojekt zeigen. "Flankierend sollte man darüber nachdenken, den Mindestlohn anzuheben."

Der Vorschlag käme vor allem Familien zu Gute. "Vollzeit 30 Stunden bedeutet, dass Partner für ihre Familien endlich die Erziehungs- und Betreuungsarbeit gerecht untereinander aufteilen können", sagte Janecek. Und Mütter in Teilzeit müssten sich nicht mehr diskriminiert fühlen, "wenn 30 Stunden der neue Standard für alle werden".

Schweden gilt dem Grünen-Politiker dabei als Vorbild für seinen Vorstoß. Dort wird das Modell bereits seit einigen Jahren im Kleinen getestet.

"In Schweden gibt es viele Beispiele, wo das Modell gut funktioniert: In Unternehmen, Krankenhäusern und der öffentlichen Verwaltung“, sagte Janecek.

Als Beispiel nennt der Grünen-Politiker den Autohersteller Toyota, der bereits vor 13 Jahren eine 30-Stunden-Woche eingeführt hat. Und im schwedischen Startup Barth arbeiten Angestellte seit 2013 in einem ähnlichen Rhythmus. "Bei beiden Firmen sind dadurch sowohl die Produktivität der Mitarbeiter als auch der Gewinn gestiegen", sagte Janecek.

dieter janecek
Dieter Janecek

In der Pflegebranche sieht Janecek ähnliche Vorteile. Als Beispiel nennt er das Svartedalens-Heim in Göteburg. Dort arbeiten Pfleger nur noch sechs Stunden bei vollem Lohn. "Da gerade krankheits- und stressbedingte Ausfallzeiten in Plegeberufen hoch sind, eine interessante Perspektive für die Zukunft", sagte Janecek der Huffington Post.

14 neue Mitarbeiter musste die Stadt dafür einstellen und rund 860.000 Euro ausgeben. Bis Ende 2016 soll das Projekt dauern. Zwar haben erste Studienergebnisse zu dem Experiment in Göteburg bislang nicht das erwartete Ergebnis nachweisen können. Die Krankenrate fiel gerade mal um 0,6 Prozent. Aber das kann auch dran liegen, dass die Pflegekräfte weiterhin acht Stunden täglich arbeiteten, dafür aber nur vier Tage pro Woche.

Janecek: "Veränderte Führungskultur in Unternehmen"

Der Grünen-Politiker bezieht sich in seinem Vorschlag auf den Beschluss der Grünen zum Thema Arbeitszeitpolitik Ende 2015.

Darin enthalten ist die Forderung nach einem neuen Verständnis von Arbeitszeit: "Wir wollen die Vorstellung überwinden, dass alleine ein Vollzeit-Arbeitsplatz mit 5-Tage-Woche und einer 40-Stunden-Woche ein vollwertiger Arbeitsplatz sein kann", heißt es.

Das Thema Arbeitszeit wird in Deutschland seit Jahren diskutiert. Die deutschen Arbeitgeberverbände forderten bereits, den Acht-Stunden-Tag abzuschaffen. Ihr Vorschlag: Statt einer täglichen solle es künftig eine wöchentliche Höchstarbeitszeit geben, fordern sie.

Und Unternehmen merken, dass jungen Arbeitnehmern das Thema Arbeitszeit wichtig ist. "Es tut sich in Unternehmen derzeit eine Menge, gerade weil viele merken, dass junge Mitarbeiter andere Erwartungen haben. Sehr viele Unternehmen agieren mittlerweile in Richtung flexibler und mobiler Arbeitsorte und –zeiten“, sagte Josephine Hoffmann vom Fraunhofer-Institut Für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) der Huffington Post.

Sie nennt das der 30-Stunden-Woche durchaus interessant, würde aber in Praxis nichts am Stress im Job ändern. "Das Problem der Entgrenzung und der Überlastung wird nicht dadurch gelöst sein, dass auf dem Papier die Arbeitszeit gekürzt wird“, sagte sie.

Janecek fordert angesichts dessen eine "veränderte Führungskultur im Unternehmen und ein Überdenken von Arbeitsprozessen".

Er sagte der Huffington Post: "Eine Voraussetzung dafür, dass zum Beispiel ein 6-Stunden-Tag tatsächlich funktioniert ist nach Meinung des Wiener Neurologen Dr. Lalouschek, dass wir es schaffen, die Komplexität der Arbeitswelt und das Multitasking zu reduzieren und uns stattdessen wieder fokussiert auf die wirklich wichtigen Tätigkeiten konzentrieren bei der Arbeit."

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(lk)