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So sähe Deutschland ohne Einwanderer aus

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Participants of a rally called 'Patriotic Europeans against the Islamization of the West' (PEGIDA) demonstrate in Dresden, Germany, Monday, April 13, 2015. (AP Photo/Jens Meyer) | dpa
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Es ist einer der schlimmsten Irrtümer der deutschen Nachkriegsgeschichte. Der Satz stand 1983 im gemeinsamen Regierungsprogramm der christlich-liberalen Koalition unter Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU). Wörtlich hieß es dort: "Deutschland ist kein Einwanderungsland“.

Das war schon damals falsch.

Erstens, rein faktisch: Weil Deutschland durch seine Lage im Herzen Europas schon immer ein Einwanderungsland war – man denke an die Hugenotten und die "Ruhrpolen". Oder auch an die gelungene Integration der Vertriebenen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten nach 1945, deren Sprache und Kultur vielen Menschen im Westen und Süden des Landes aus tiefstem Herzen fremd war.

Zweitens, auch aus politischer Sicht: Weil der Satz den Blick auf die bereits bestehende gesellschaftliche Realität vernebeln sollte. Zu dieser Zeit lebten bereits etwa zwei Millionen „Gastarbeiter“ und deren Familienangehörige in Deutschland.

Noch unter Bundeskanzler Willy Brandt, kurz nach dem Anwerbestopp von 1973, wurden den „Gastarbeitern“ 10.000 Mark „Heimkehrprämie“ angeboten. Doch die Migranten aus dem Süden Europas waren mittlerweile in Deutschland heimisch geworden. Viele lehnten ab.

Die Weigerung, Deutschland als „Einwanderungsland“ zu sehen, war eine Trotzreaktion des konservativen Bürgertums. Und sie hat Folgen bis in die Gegenwart. Derzeit macht etwa die AfD mit der Forderung Wahlkampf, nur noch Menschen den Zuzug nach Deutschland zu ermöglichen, die nicht nur wohlhabend und gut gebildet, sondern möglichst auch christlichen Glaubens sind.

Der Wunsch nach Abschottung lebt also weiter.

Was wäre aber, wenn er Wirklichkeit würde? Die Huffington Post spielt in einem Szenario durch, was ein sofortiger Zuwanderungsstopp für Deutschland bedeuten würde.

Oktober 2017

Die Bundestagswahl im September hatte viele Verlierer, und nur eine große Gewinnerin: die AfD. Nach zähen Koalitionsverhandlungen erklärt Bundeskanzlerin Angela Merkel ihren Rücktritt. Der Weg ist frei für etwas, was der Publizist Wolfram Weimer als „Bahamas-Koalition“ bezeichnet hatte - der Zusammenschluss von Union, AfD und FDP zu einem rechts-bürgerlichen Bündnis.

Die AfD beansprucht das Innenministerium für sich – eine Bitte, der Kanzler Horst Seehofer angesichts des 18-Prozent-Ergebnisses der Rechtspopulisten nachkommen muss. Einige Wochen nach Unterzeichnung des Koalitionsvertrages stellt der neue Innenminister Alexander Gauland seinen Entwurf für ein Gesetz zur „Migrations-Wende“ vor. Es wird mit knapper Mehrheit in Bundestag und Bundesrat angenommen.

Kern des Vorhabens: Nach amerikanischem Vorbild werden nur noch 20.000 „Greencards“ pro Jahr ausgegeben – bevorzugt an Hochqualifizierte und Reiche. Die Auslegung des Asylrechts orientiert sich von nun an strikt an den Buchstaben des Gesetzes, Flüchtlinge aus „sicheren Drittländern“ wie Österreich und Tschechien werden noch an der Grenze abgewiesen. Selbst Studentenvisa werden nur noch von Semester zu Semester vergeben.

Ziel ist es, den Zuzug nach Deutschland von außerhalb der EU auf beinahe auf Null zu reduzieren.

März 2019

Gaulands Konzept funktioniert so, wie es gedacht war. Mehr noch: Durch die abflauende Konjunktur und das steigende Misstrauen der Anleger infolge des AfD-Triumphs gibt es laut Zahlen des Innenministeriums erstmals seit Jahren wieder mehr Wegzug als Zuzug aus dem EU-Ausland. Deutschland ist unattraktiv geworden für junge Talente aus Europa. Gauland feiert das als Triumph: „Deutschland war nie ein Einwanderungsland, und es wird auch keines werden.“

September 2019

Der Bundesverband der Digitalwirtschaft schlägt Alarm: Nicht nur, dass tausende Designer, Programmierer und Ingenieure aus dem europäischen Ausland in ihre Heimatländer zurückgezogen sind. Die Zuzugsbeschränkungen für die (meist mittellosen aber hochmotivierten) Tech-Talente seien einfach zu hoch, die Bedingungen für den Antrag auf eine Greencard unerfüllbar. Das gefährde kurz- und mittelfristig Deutschlands Chancen in der Digitalisierung.

Horst Seehofer fordert unbeirrt: „Erst wenn der letzte Arbeitslose mit Hochschulreife einen Arbeitsplatz gefunden hat, kann man darüber nachdenken, ob wir die Gesellschaft mit weiterem Zuzug belasten.“ Seine Partei, die CSU, sorgt sich vor einem noch größeren Stimmenzuwachs für die AfD.

Februar 2020

Rumänien wird Vollmitglied des Schengen-Raums. Und weil das Land bereits seit Beginn der Nullerjahre eine konsequente Förderung des High-Tech-Sektors vollzogen hat, beginnt schon Monate später ein Run der Tech-Unternehmen auf das Land im Südosten Europas. Die Löhne sind niedrig, der Ausbildungsstand hoch, und außerdem gibt es dort keine so restriktiven Migrationsbestimmungen wie in Deutschland.

Führende Startups verlegen daraufhin ihren Sitz von Berlin nach Cluj-Napoca, Brasov oder Bukarest, so wie Fin-Tech-Firmen einst im Jahr 2016 nach dem Brexit und dem Ende der Freizügigkeit für britische Staatsbürger aus dem Vereinigten Königreich geflohen waren.

In Deutschland beginnt eine Entwicklung, die als „Tech-Sterben“ in die deutsche Wirtschaftsgeschichte eingehen wird. So wie die Bundesrepublik in den 70er- und 80er-Jahren fast ihre gesamte Elektroindustrie durch die billige Konkurrenz in Fernost verloren hatte, so geht ihr nun die Digitalindustrie Stück für Stück verloren.

Juli 2020

Der „Spiegel“ berichtet in einer großen Titelgeschichte von einer neuerlichen Auswanderungswelle. Nach dem Rücktritt von Recep Tayyip Erdogan entdecken gut gebildete Migrantenkinder mit türkischen Wurzeln die Heimat ihrer Vorfahren für sich.

Sie sind es leid, nach der Debatte über die Thesen von Thilo Sarrazin, der Angst vor einer angeblichen „Islamisierung des Abendlandes“, der Diskussion um ein Burka- und Kopftuchverbot und den jüngsten islamfeindlichen Einlassungen von Innenminister Gauland sich ständig für ihre Herkunft und ihren Glauben rechtfertigen zu müssen.

Ihnen folgen bald zehntausende Familienangehörige.

Erste Stimmen fragen kritisch, ob all die Ängste vor „Überfremdung“ durch Einwanderung womöglich auf dem Irrtum beruhten, dass Deutschland auf ewig für Migranten attraktiver sein würde als der Rest der Welt. Die Bundesrepublik habe an Ausstrahlung verloren.

Januar 2021

Erstmals seit Jahrzehnten leben in Deutschland weniger als 80 Millionen Menschen. Demografen hatten schon seit Beginn der Nullerjahre darauf hingewiesen, dass die Bundesrepublik jedes Jahr mindestens 400.000 Einwanderer im berufsfähigen Alter brauche, um ihre sozialen Standards halten zu können.

Zusätzlich belastet seit 2020 die Verrentung des ersten Babyboomer-Jahrgangs (1955) die Sozialkassen. Im Schnitt wird von nun an die Zahl der arbeitsfähigen Menschen in Deutschland jährlich um 350.000 schrumpfen.

Anfangs führt das zu einem spürbaren Absinken der Arbeitslosigkeit. Doch schon bald wird klar, dass unter der steten Alterung der arbeitenden Bevölkerung auch die Innovationsfähigkeit der deutschen Wirtschaft leidet. Langfristig wird es darüber hinaus nicht mehr genügend Arbeitnehmer geben, um alle freiwerdenden Jobs zu besetzen – Aufträge müssen deshalb abgelehnt werden. Die Zeit des Wachstums ist in Deutschland geht dem Ende entgegen.

Experten warnen davor, dass es der deutschen Gesellschaft ohne Zuwanderung schon bald so gehen könne wie der japanischen. Dort stagniert seit gut drei Jahrzehnten die Wirtschaft. Und die Spaltung der Gesellschaft nach Abgehängten und Besitzstandswahrern nimmt besorgniserregende Züge an.

März 2021

Innenminister Gauland vollzieht zur Überraschung seiner Parteikollegen eine Kehrtwende: Die Zahl der Greencards soll verfünffacht werden. Das Gesetz tritt bereits am 15. April in Kraft, es soll noch bis zur Bundestagswahl im Oktober Positivschlagzeilen produzieren.

Ohne Erfolg.

Jahrelang haben Menschen in Deutschland die stete Zuwanderung aus dem Ausland als Bedrohung gesehen. Schlagworte wie „Überfremdung“ und „Islamisierung“ machten die Runde, Menschen beschwerten sich, sie fühlten sich fremd im eigenen Land.

Dass Zuwanderung auch ein Ausdruck der Wertschätzung für ein Land ist, geht den Deutschen nun langsam auf. Und dass Migranten auch eine Chance sein können.

Leider kommt das ein wenig spät. Jetzt, wo niemand mehr nach Deutschland will.

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Flüchtlingskrise: Helft den Helfern!

Die Flüchtlingskrise bewegt die Deutschen wie kein anderes Thema. Viele blicken fassungslos auf das, was sich an Europas Grenzen abspielt. Auf das Leiden und die Nöte der Hilfesuchenden.

Dabei gibt es zahlreiche Menschen und Organisationen, die vor Ort helfen, die Probleme zu lösen. Zusammen mit der Spendenplattform betterplace.org nennt die Huffington Post spannende Projekte, die ihr direkt unterstützen könnt.

In einem großangelegten Projekt hilft der Verein SyrienHilfe e.V. vor Ort Menschen in Not, die ihre Heimat nicht verlassen können oder wollen. Seit 2012 setzen sich Ärzte, Ingenieure, Archäologen, Lehrer und Künstler in dem Bürgerkriegsland dafür ein, dass die Bevölkerung in ihrem eigenen Land ein würdevolles Leben führen kann.

Der Verein betreut Waisenkinder, organisiert medizinische Versorgung für Behinderte und chronisch Kranke und finanziert Lebensmittel und Unterkünfte.

Unterstütze sie jetzt auf www.zusammen-für-flüchtlinge.de, der zentralen Plattform für Projekte in der Flüchtlingshilfe von betterplace.org.

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(pb)