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Viele Jugendliche hätten nichts dagegen, von einem Diktator regiert zu werden - und daran sind wir alle schuld

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JUGENDLICHE
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Manche fragen sich in diesem völlig wahnsinnigen Sommer 2016, wie es so weit mit unserer Demokratie kommen konnte.

Warum die AfD bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt auf 24 Prozent kam und weswegen sie im September bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern zweitstärkste Kraft werden könnte.

Wieso die Rhetorik von Fremdenhassern und Demokratiefeinden in Teilen der Gesellschaft so gut verfängt.

Weshalb ein gar nicht so kleiner Teil der Deutschen glaubt, dass Angela Merkel eine Diktatur aufgebaut habe, um das deutsche Volk zu unterjochen.

Die Antwort ist sicherlich komplex.

Aber ein wichtiger Teil könnte lauten: Weil wir Deutschen gerade dabei sind, uns von der Demokratie zu entwöhnen. Wir wissen nicht mehr, was Freiheit ausmacht. Und wir haben keine Ahnung über die Folgen von Diktatur und Unterdrückung – auch, weil besonders die Jüngeren in unserem Land darüber kaum noch etwas in der Schule lernen.

Nur 45 Prozent der Europäer halten es für wichtig, in einer Demokratie zu leben

Eine im Juli 2016 im „Journal of Democracy“ veröffentliche Studie ergab, dass nur noch knapp 45 Prozent der nach 1980 geborenen Europäer glauben, es sei wichtig, in einem Land mit Demokratie zu leben. Dem Rest scheint es zumindest hinnehmbar, von Autokraten und Diktatoren regiert zu erden.

Besonders bemerkenswert sind die Unterschiede zwischen den Geburtsjahrzehnten: Unter den 1930 geborenen Europäern sind 75 Prozent von der Wichtigkeit der Demokratie überzeugt.

Folgt man dieser Spur, stößt man auf weitere eher verstörende Erkenntnisse.

Für viel Aufsehen sorgte im Jahr 2012 eine Studie unter 7.500 deutschen Schülern des "Forschungsverbundes SED-Staat" an der Freien Universität Berlin. Das auf drei Jahre angelegte Forschungsprojekt brachte eine erstaunlich hohe Akzeptanz gegenüber deutschen Diktaturen und ihren Herrschaftsinstrumenten ans Tageslicht.

Jeder dritte Jugendliche glaubt, es gebe auch in Demokratien eine "Stasi"

Zehn Prozent der Jugendlichen sahen den Nationalsozialismus positiv, 25 Prozent standen dem NS-Staat neutral gegenüber. Jeder Dritte hielt die Gestapo für eine Art "Spezialpolizei", wie es sie auch in demokratischen Staaten gibt. Die Stasi hielten gar 35 Prozent für ein Organ, dass es auch in Demokratien gebe.

Unterschiede ergeben sich auch auf dem ersten Blick, wenn man die Herkunft der Befragten betrachtet.

Insgesamt 18,5 Prozent der Schüler mit DDR-Eltern waren der Ansicht, dass man unter Hitler seine Meinung frei äußern durfte, 25 Prozent der Befragten aus dieser Gruppe glaubten, dass "nur bestimmte Personengruppen" verfolgt wurden. Auch Migrantenkinder standen der NS-Diktatur überdurchschnittlich positiv gegenüber.

Die Studie legt jedoch nahe, dass der Grund für diese positiven Aussagen über die beiden deutschen Diktaturen vor allem in der mangelnden politischen Bildung von Schülern zu suchen ist, und nicht in deren Herkunft.

Mangelnde politische Bildung als Ursache für die positive Haltung gegenüber der Diktatur

Die meisten Schüler schätzten nach eigener Aussage die freiheitlich-demokratische Grundordnung. "Viele von ihnen sind jedoch nicht in der Lage, Einschränkungen oder Bedrohungen dieser Freiheit in der (historischen) Realität zu erkennen. Damit einher geht das Phänomen, dass für viele die Trennlinien zwischen Demokratie und Diktatur verschwimmen", so das Fazit der Forscher.

Dass es tatsächlich am Allgemeinwissen über die deutschen Diktaturen fehlt, zeigte 2014 eine Umfrage von Infratest Dimap im Auftrag der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Nur 32 Prozent der unter 30-Jährigen bringt demnach das Datum "13. August" noch mit dem Mauerbau zusammen.

In der gleichen Umfrage wurde auch nach der politischen Einordnung der Geschehnisse vom August 1961 gefragt. Etwa ein Viertel der Jüngeren vertrat die Meinung, dass der Mauerbau die "Einmischung des Westens in die Angelegenheiten der DDR" unterbinden sollte, und damit einen "Beitrag zur Entschärfung des Ost-West-Konflikts" leistete.

"Kaum mehr in der Lage, zwischen Demokratie und Diktatur zu unterscheiden"

Manfred Prenzel, Vorsitzender des Deutschen Wissenschaftsrats, sagte damals dem Magazin "Wirtschaftswoche", dass viele Schüler mittlerweile Probleme hätten, zwischen Gesellschaftsmodellen wie Demokratie und Diktatur zu unterscheiden. "Das sind abstrakte Begriffe, die im Unterricht mit Leben gefüllt werden müssen", so Prenzel. "Die Demokratieerziehung funktioniert hier nicht."

Ähnliche Vorwürfe kamen im Januar 2016 von Deutschen Lehrerverband. Dessen Vorsitzender, Josef Kraus, sagte dem "Handelsblatt" nach einer Serie von fremdenfeindlichen Übergriffen in Sachsen: "Unabhängig von den aktuellen Vorfällen ist es freilich ärgerlich, dass die historisch-politische Schulbildung hinsichtlich der Zahl der Schulstunden und des Umfangs an verbindlichen Inhalten oft stiefmütterlich behandelt wird." Dies führe unter anderem dazu, dass "zu viele Jugendliche keinerlei Unterschied zwischen Demokratie und Diktatur benennen können".

Man könnte auch sagen: Schüler haben womöglich verlernt, sich gegen totalitäre Ideen zu wehren - weil sie oft nicht mehr in der Lage sind, diese auch zu erkennen. Hinzu kommt eine erschreckende Unbefangenheit im Umgang mit jenen, die gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung eintreten.

"Diktatur" als gleichwertige Option

Bei einer Tagung von Zukunftsforschern an der Freien Universität Berlin etwa stellten Mitte Juli diesen Jahres zwei Wissenschaftler unabhängig voneinander fest, dass Schüler ihnen bei der Diskussion um Utopien ganz selbstverständlich die "Diktatur" als gleichberechtigte Option neben der Demokratie vorgeschlagen haben. Sehr zum Erstaunen der Forscher.

Und in Mecklenburg-Vorpommern gibt es mittlerweile Schüler, die gegen die Nicht-Einladung der NPD zu einem Wahl-Podium an ihrem Gymnasium protestierten. Auch hier zur Überraschung der anwesenden Menschen über 30 Jahren.

Lange Zeit galt die demokratische Sozialisation der Deutschen durch Schule und andere Bildungsinstitutionen als selbstverständlich. Aber das ist sie nicht mehr. Schuld daran ist womöglich auch unsere Einstellung zur politischen Bildung in Schulen. Die Ausbildung eines staatsbürgerlichen Bewusstseins war den meisten Vätern und Müttern in den vergangenen zwei Jahrzehnten ziemlich egal. Sie waren geprägt von den eigenen und bisweilen anstrengenden Erfahrungen mit den politisch emanzipierten 68er-Lehrern und forderten andere Prioritäten.

Jeder wollte am meisten "profitieren"

Liberale Eltern forderten, dass ihre Kinder auf die "tatsächlichen Herausforderungen des Alltags" vorbereitet werden sollen und deshalb statt der Geschichte des Holocausts lieber Wirtschaftskunde unterrichtet werden solle.

Praktisch orientierte Eltern waren der Meinung, dass die Naturwissenschaften zu kurz kämen – und dass Mathematik, Chemie und Physik die bessere Vorbereitung auf das Berufsleben seien als die Beschäftigung mit dem Erbe der SED.

Bürgerliche Eltern sämtlicher politischer Konfessionen waren dagegen überzeugt, dass eine musische Ausbildung ihren Kindern bessere Startvorteile ins Leben geben könnte als die Auseinandersetzung mit demokratietheoretischen Grundlagen. Cello lernen macht ja angeblich kreativ und klug.

Die Schule als "Dienstleister"

Seit knapp zwei Jahrzehnten wird die Schule immer stärker als "Dienstleister" gesehen. Und dieser marktwirtschaftlichen Logik folgend sind Familien Kunden, die sich das Angebot auswählen, von dem sie am ehesten zu profitieren glauben. Die Vorbereitung auf die Konkurrenzsituation im Berufsleben schien wichtiger als die Ausprägung eines Gemeinschaftsgefühls, ohne das Gesellschaft nicht funktioniert.

Und womöglich ist dies erst nur der Anfang. Unser Egoismus droht unsere Gesellschaft an vielen Ecken zu zerfressen.

Lange Zeit haben wir gedacht, wir könnten uns das erlauben. Dieses: "Ich zuerst!" So wie Menschen noch in den 60er-Jahren ihre Farbeimer und Ölflaschen einfach in den nächst gelegenen See kippten.

Viel länger werden wir uns diese Ich-Fixiertheit in Bezug auf unseren Staat nicht mehr leisten können. Es steht viel auf dem Spiel.

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