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Wie eine SPD-Bürgermeisterin seit 15 Jahren dagegen kämpft, dass Nazis ihre Stadt unterwandern

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PEOPLE STREET
IakovKalinin via Getty Images
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  • In einer Stadt in Mecklenburg-Vorpommern siedeln sich seit Jahren Neonazis an
  • Sie machen sich seither im Zivilleben und in der Wirtschaft breit
  • Eine SPD-Bürgermeisterin kämpft seit 15 Jahren gegen sie an

Wer die Nazis von Lübtheen in Mecklenburg-Vorpommern treffen will, muss in das Herz der Stadt fahren.

Das Bürgerbüro, ein Wohnhaus und ein Hotel stehen hier, alles in der Hand der Nazis und das auch noch am zentralen Ernst-Thälmann-Platz, dem eigentlich schönsten Platz im Ort. In "Adolf-Hitler-Platz" wollen ihn einige Anwohner schon umbenennen.

Die Kleinstadt steht exemplarisch für das, was im ganzen Bundesland passiert. Es ist das einzige, in dem die NDP noch im Landtag sitzt.

Die Zeit hat die Partei genutzt, um eine Parallelwelt zu erschaffen, die sich nirgends sonst in Deutschland beobachten lässt. Sie hat sich tief in den Alltag eingegraben. Und wenn die Partei bei den Wahlen im September wieder ins Schweriner Schloss gewählt wird, dürfen sie fünf Jahre weitermachen.

thälmann platz
Thälmann-Platz in Lübtheen

Lübtheen ist für sie so etwas wie ihre Homebase.

Der ehemalige NPD-Chef und jetzige Landtagsabgeordnete Udo Pastörs zog Ende der 90er hierhin, baute ein riesiges Landhaus, seither zieht es Nazi-Größen aus ganz Deutschland in die Region. Mit ihnen kommen ihre Familien, deren Kinder in die Schule gehen und wiederum Familien gründen.

Sie haben Siedlungen und Unternehmen – "in so einer Region ist Rechtsextremismus normal", sagt Dierk Borstel, Professor an der Fachhochschule Dortmund und Experte auf dem Gebiet. Und das ist nicht nur in Lübtheen so.

"In Mecklenburg-Vorpommern bauen Rechtsextreme seit Jahren autarke Strukturen auf. Sie wollen eine Verbindung zwischen Wohnen, Arbeiten, Erziehung und Landwirtschaft erreichen", sagt Borstel.

Das öffentliche Leben ist ohne die NPD nicht mehr vorstellbar. Der Ernst-Thälmann-Platz ist vielleicht der sichtbarste Teil in diesem Netzwerk.

Im Bürgerbüro will ich mit einem NPDler über die Aktivitäten reden. Ich komme unangemeldet.

Hier ist wenig Licht, niedrige Decken, der Zeiger der Wanduhr steht still. Auf dem Tisch liegen Wahlplakate und Flyer. Vor mir steht Andreas Theißen, rote Haare, helles Hemd, dunkle Hose. er hat sich hier heute die Sorgen und Nöte der Lübtheener angehört.

Theißen ist ein deutschlandweit bekannter Neonazi.

Ich frage ihn, ob er mir ein paar Fragen beantworten kann. "Möchte ich lieber nicht", sagt er. Aber Theißen ist hilfsbereit. Er greift zum Hörer und ruft im Schweriner Schloss an. Er bittet um einen Termin bei Pastörs, den ich auch im Vorfeld angefragt hatte.

Vielleicht ein Weg, um mich loszuwerden. Oder einfach Hilfsbereitschaft, ich weiß es nicht. Jedenfalls bekomme ich wenige Minuten später telefonisch die Absage aus dem Büro von Pastörs, die ich auch schon erwartet hatte.

Die NPDler geben sich der Presse gegenüber verschwiegen, ihr Treiben aber ist offensichtlich.

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NPD-Bürgerbüro

Gleich nebenan laden NPD-Aktivisten Plakate aus einem Kombi in das ehemalige "Hotel Stadt Hamburg". Sie tragen weiße Hose und weißen Pulli, auf dem Rücken das Partei-Logo in grellem Rot.

Den Ort nutzt die Partei für politische Veranstaltungen, das Singen von volkstümlichen Liedern. Und das gleich am Ortseingang.

"Wer in die Stadt fährt, sieht als erstes ein NPD-Plakat. Das tut mir im Herzen weh", sagt Ute Lindenau. Die SPD-Politikerin ist seit fast 15 Jahren Bürgermeisterin und versucht, den Braunen etwas entgegenzusetzen.

Sie hat den Aufstieg von Pastörs von Beginn an miterlebt. Wir treffen sie in ihrem backsteinverzierten Rathaus, etwa einen Kilometer vom Ernst-Thälmann-Platz entfernt.

Das Treiben der NPD ist für sie eine Katastrophe.

"Das Image ist enorm beschädigt. Urlauber bleiben weg. Leute ziehen woanders hin oder nicht hierher", sagt Lindenau. "Die Menschen glauben, dass die Nazis hier jeden Tag durch die Stadt ziehen."

Aber das ist natürlich nicht so. Lübtheen ist auf den ersten Blick eine wunderschöne, ruhige Kleinstadt. Hier gibt es viele Backsteinhäuser, Kopfsteinpflaster, rundherum tolle Natur.

"Brauner Sturm"

Als Lindenau 2002 antrat, eröffnete Pastörs seinen Schmuck- und Uhrenladen. Die NPD-Größe beschreibt sie als "24-Stunden-Nazi", mit dem sie es ablehnt, zu sprechen. Ansprachen von ihm erinnern sie an Goebbels.

"Damals verhielt er sich noch unauffällig", sagt Lindenau. Erst ein Jahr später erzählte man sich, dass er in seinem Laden rechtsextreme Flyer verteilt. "Ich war schockiert, dass so etwas in meiner Stadt passierte."

Damals lernte sie auch, welcher Hass da in ihrer Stadt heranwuchs.

Im Landtagswahlkampf meldete sich die SPD-Politikerin heftig zu Wort. Die Weltpresse klingelte bei ihr an, Artikel über sie erschienen in ganz Europa.

So konzentrierte sich der ganze Ärger der Nazi-Welt plötzlich auf Lübtheen. Sie bekam Hassmails, Hassbriefe, Hasskommentare im digitalen Gästebuch - und das aus der ganzen Welt: Schweden, Österreich, Brasilien.

"Verankerung, die Richtung Normalität ging"

Lindenau nennt diese Zeit einen "braunen Sturm", die ihr vorkommt wie ein Alptraum.

Die spannende Frage ist: Wie konnte es soweit kommen? Auch Forscher Borstel hat das analysiert. Wegen der sehr günstigen Immobilien und der Lage zwischen Hamburg und Berlin hätten sich Funktionäre wie Pastörs dort angesiedelt, sagt er – und darauf Verbindungen in die Unternehmerwelt geknüpft.

"Pastörs hat sich früh in die Stadtgemeinschaft eingebracht und etwa an Unternehmerstammtischen teilgenommen", sagt Borstel.

"Er, ein vermögender Goldhändler, lieh anderen Geld und baute so Vertrauen auf. Damit hat er eine Verankerung geschaffen, die Richtung Normalität ging." Der NPD-Politiker habe auf andere den Eindruck von jemandem, der mit anpackt. "Die Bürger vor Ort haben nicht sofort begriffen, dass sie instrumentalisiert wurden", sagt der Experte.

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NPD-Flyer, im Bild: Theißen

So lief es auch in anderen Orten in Mecklenburg-Vorpommern. "Rechtsextreme machen sich im Zivilleben und der Wirtschaft breit", sagt er.

Das gehe bis zu dichten, unternehmerischen Netzwerken. "Viele führen mittelständische Unternehmen: Straßenbau, Dachdecker, Maurerbetriebe, Maler, Entrümpelung und Tankstellennetze.

"Sie nehmen etwa an öffentlichen Ausschreibungen teil, sponsern Sportmannschaften, finanzieren Trikots des Kindersportvereins“, sagt Borstel. Dort klebe nirgends ein dickes Hakenkreuz drauf, aber jeder in der Stadt wisse, aus welcher Ecke es komme.

Das Unternehmertun sei nicht bloß Fassade, sondern ein Lebensentwurf unter den Nazis. "Rechtsextreme geben sich als ordentliche Geschäftsmänner, die ihre Familie ernähren, sich engagieren - und aus ihrer politischen Einstellung kein Geheimnis machen."

Nach fast Jahrzehnten der Unterwanderung sei es "unmöglich, Rechtsextreme aus dem Zivilleben zu verbannen". Es sei unmöglich, ihnen aus dem Weg zu gehen oder keine Geschäfte mit ihnen zu machen. "Wer da nicht mitspielt, ist der Außenseiter."

Auch Bürgermeisterin Lindenau kann den Nazis nicht aus dem Weg gehen. Im Stadtrat sitzt die NPD, rechte Familien machen bei Schützenfesten mit, im Ringer-Verein, der in der Bundesliga sehr erfolgreich ist, haben auch schon Kinder von NPD-Größen vorgesprochen. Und wenn sie die NPD kritisiert, bekommt sie das auch zu spüren.

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Nachbarschaft von Pastörs

Als sie deren Methoden mit denen des Rattenfängers von Hameln verglich, bekam sie Post vom NPD-Anwalt. Ihr wurde unterstellt, sie hätte die Anhänger mit Ratten verglichen. "Was für ein Unsinn", sagt sie. "Dieses Vorgehen hat Methode. Man schickt dort gerne mal Anwälte vor, um die Dinge zu regeln."

Lindenau hat sich schon früh entschieden, dem NPD-Treiben etwas entgegenzusetzen.

Sie hat das Verbotsverfahren unterstützt. Wahlplakate entfernt, die zu früh aufgehängt wurden. Und sie macht sich bei jeder Gelegenheit gegen die Nazis stark, die sich ihr bietet.

Vor mehr als zehn Jahren hat sie das Bündnis "Wir für Lübtheen" gegründet, das 2013 mit dem Paul Spiegel Preis für Zivilcourage ausgezeichnet wurde. In dem Verein sind rund 2000 Mitglieder organisiert, fast alle Vereine, die Kirche, Schule, Kita und Ortshandwerkschaften sind vertreten.

"Wenn wir uns verkriechen, geht es schief"

Das Logo prangt auf Briefköpfen der Vereine und bei Sportveranstaltungen. Es steht für ein buntes Lübtheen, richtet sich gegen Rechtsextremisten – und hilft, so gut es geht. Zum Beispiel in der Flüchtlingskrise. Mitglieder boten Deutschunterricht, Kinderbetreuung, Kleider- und Sachspenden an.

"Wenn wir alle Angst haben und uns verkriechen, geht es schief", sagt Lindenau. Das Weltbild der NPD passe nicht in unsere Zeit. "Es war für mich sogar lange Zeit unvorstellbar, dass irgendjemand dieser Ideologie überhaupt nachhängen konnte."

Sechs Prozent hatte die NPD bei den Landtagswahlen vor fünf Jahren. Dieses Mal könnte es die Hälfte werden – die NPD wäre dann raus aus dem Schweriner Schloss. Das wäre aus finanzieller Sicht ein schwerer Schlag für die Neonazis.

Und vielleicht der Anfang von ihrem Ende und damit die Chance auf einen Neuanfang für die Stadt.

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(lk)