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Kampf gegen Altersarmut: Was Deutschland von der Schweiz lernen kann

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ALTERSARMUT NEU
Was wir im Kampf gegen Altersarmut von der Schweiz lernen können | Getty/HuffPost
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  • Das Schweizer Rentenmodell wird von Teilen der Politik, aber auch Ökonomen, immer wieder als Modell für Deutschland beworben
  • Doch wie gut ist die Altersvorsorge der Eidgenossen im Vergleich zu Deutschland wirklich?
  • Die Huffington Post zeigt, was Berlin tatsächlich von der Schweiz lernen kann und wo die Grenzen des Schweizer Modells liegen

Lange wurde die Rentendebatte nicht so vehement geführt wie in den vergangenen Wochen. So warnte etwa Verdi-Chef Frank Bsirske: "Ein Babyboomer des Jahrgangs 1964, der 2012 2500 Euro brutto verdiente, kann nach 40 Arbeitsjahren 2030 nur mit einer Rente von 786 Euro rechnen."

Elf bis zwölf Millionen Arbeitnehmer liefen "auf Hartz-IV-Anspruch im Alter und Altersarmut zu", mahnte er. Hier ticke "eine soziale Zeitbombe".

Manche Ökonomen halten dieses Horror-Szenario für realistisch, andere Experten warnen vor Panikmache.

Doch Reformen fordern fast alle. Arbeitgeber, viele Ökonomen und Gewerkschaften plädieren unisono für eine bessere Kinderbetreuung und eine bessere Ausbildung von Langzeitarbeitslosen, damit es erst gar nicht zu jahrelangen Beitragsausfällen kommt.

SPD, Linke und Gewerkschaften wollen zudem ein höheres Rentenniveau verankern, was Arbeitgeber und Union jedoch ablehnen.

Von links bis rechts hat das Schweizer Modell Anhänger

Bei der Suche nach dem richtigen Rezept gegen Altersarmut blickten zuletzt aber immer mehr Politiker über unsere Landesgrenze. Der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) etwa forderte, einen Teil des deutschen Rentensystems dem eidgenössischen Modell anzupassen.

Auch manche linken Politiker, Ökonomen und sogar wirtschaftsliberale Kapitalanlage-Experten präferierten zuletzt die Schweizer Ruhegeld-Variante oder zumindest einzelne Aspekte davon.

Die AfD setzt sogar schon länger darauf. "Die derzeit kursierenden Reformvorschläge gehen allesamt in eine vollkommen falsche Richtung“, sagte Parteichef Jörg Meuthen bereits im April und ergänzte: "Ein besserer Weg wäre das Schweizer Modell.“ Davon würden vor allem "die kleinen Leute" profitieren und die Rentenkasse hätte mehr finanziellen Spielraum.

Grund genug, sich das Modell mal genauer anzusehen.

Auch Beamte und Selbständige zahlen in der Schweiz ins gesetzliche Rentensystem ein

Das Rentenmodell der Eidgenossen steht auf drei Säulen: Die erste Säule ist eine gesetzliche Rentenversicherung, in die alle Schweizer verpflichtend einzahlen müssen.

"Anders als hierzulande werden auch für Selbständige und Beamte Beiträge fällig", sagt Jochen Pimpertz, Rentenexperte beim arbeitgebernahen Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln.

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Bei der Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV) teilen sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer die Beiträge:

Eine Beitragsbemessungsgrenze, also eine Einzahlungsgrenze ab der Gehälter nicht mehr rentenversicherungspflichtig sind, gibt es nicht. Deshalb müssen Topverdiener im Verhältnis zu Deutschland deutlich mehr einzahlen.

Dies loben linke Ökonomen, aber auch SPD und Linke. Auch IW-Mann Pimpertz, der das deutsche dem Schweizer Modell vorzieht, konstatiert: “Gutverdiener werden hier stärker belastet.“

Das AHV bewahrt viele alte Schweizer vor dem Gang zum Sozialamt. Denn die Rente aus der AHV beträgt mindestens 1070 Euro. Selbst in der teuren Schweiz reicht dies in vielen Regionen normalerweise für das Nötigste.

Nach Oben hin sind die Auszahlungen auf 2140 Euro gedeckelt. "Eigentlich ein sozialistisches Prinzip", sagte Vorndran Philipp Vorndran, Kapitalmarktstratege der Kölner Vermögensverwaltung Flossbach von Storch, gerade der "Süddeutschen Zeitung“.

Lob kommt auch von Konsumentschützern. Hermann-Josef Tenhagen, Geldanlage-Experte des Verbraucherportals Finanztip, sagt über das AHV-System: "Anders als unser lineares System unterstützt diese Verteilung die unteren Einkommen und bewahrt sie ein Stück weit vor der Altersarmut."

Vor allem SPD, Grüne und Linke halten dieses Modell für gut. Sie fordern seit Jahren für Deutschland eine sogenannte Bürgerversicherung. Darin sollen auch Beamte und Selbständige einzahlen.

Teile des Rentensystems sind kapitalgedeckt

So wollen sie das deutsche Rentensystem gerechter machen, da etwa Pensionäre bei der Finanzierung von vielen solidarisch durch die Rentenkasse finanzierte gesellschaftliche Aufgaben außen vor bleiben.

Sie beziehen weit höhere Ruhestandesgelder als Angestellte und Arbeiter. Zudem soll so mehr Geld in die Rentenkasse gespült werden.

IW-Mann Pimpertz würde zwar eine Einbeziehung von Beamten und Selbständigen in das gesetzliche Rentensystem begrüßen, warnt jedoch vor überzogenen Erwartungen. "Demographie-Probleme lassen sich so nicht lösen."

Wenn jedoch auf mehrere Jahre gerechnet Millionen weitere Deutsche neu in die gesetzliche Rentenkasse einzahlen, würde dies dem Umlagesystem, in dem die Jungen die Renten der Alten bezahlen, mit Sicherheit Luft verschaffen. Und wenn die erst Jahrzehnte später auszuzahlenden Renten der Staatsdiener niedriger ausfallen als die heute oft üppigen Pensionen, würde auch der deutsche Staat dauerhaft massiv entlastet. Millardensummen, die heute für die Beamtenpensionen aufgewandt werden, könnten dann an tatsächlich bedürftige Rentner ausgezahlt werden.

Dazu passend: Blog von Sahra Wagenknecht: Darum will die Regierung nichts über Armut in Deutschland wissen

Die zweite Säule sind kapitalgedeckte Arbeitnehmer-Versicherungen. Dass Gehälter zwischen 20. 000 und 77 .000 Euro obligatorisch versichert werden, wird von unabhängigen Stiftungen und Versicherern betrieben.

Wie bei der AHV ist der Arbeitgeber verpflichtet, 50 Prozent beizutragen. Ziel der zweiten Säule ist es, den "gewohnten Lebensstandard" über die Pensionierung hinaus zu sichern.

Mit diesen zwei Säulen kommen Schweizer, die ein durchschnittliches Einkommen erhalten haben, im Alter auf etwa 60 Prozent ihres Gehalts.

Tausende Euro jährlich für private Vorsorge absetzbar

Die dritte Säule besteht aus steuerlich geförderten Anlagen in Wertpapiere oder privaten Rentenversicherungen. Viele Schweizer können jährlich bis zu rund 6200 Euro an Ausgaben für eine eigene Altersvorsorge von der Steuer absetzen. Nicht wenige schöpfen dieses Angebot voll aus.

Viele Eidgenossen investieren in Lebensversicherungen, andere Aktienfonds. "Hier können große Summen steuerlich geltend gemacht werden. Dies hilft vor allem den Einkommensstarke", sagt Ökonom Pimpertz.

Manche würden gerne das Schweizer Modell auf Deutschland übertragen. Die meisten Experten würden jedoch bestenfalls einzelne Elemente übernehmen.

IW-Mann Pimpertz etwa empfiehlt, alle Berufsanfänger im Staatsdienst ab einem bestimmten Jahrgang in die staatliche Rentenkasse einzubeziehen.

Alles in allem hält er das deutsche Rentensystem "ausgesprochen gut, vor allem, weil eine Mindestsicherung hierzulande bedürftigkeitsgeprüft erfolgt".

Wie auch die meisten anderen Ökonomen und Politiker will er das das deutsche Rentensystem trotz aller Defizite im Grundsatz beibehalten.

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(lk)