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Das Märchen vom reichen Wessi: So arm sind die Menschen in München, Hamburg und Köln wirklich

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OST WEST
In Köln ist offenbar mehr als jeder Vierte armutsgefährdet oder arm. | Reuters / Getty
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  • Neue Studie: In Ostdeutschland gibt es weniger Arme als bislang angenommen
  • In Städten wie Hamburg und Stuttgart soll dagegen mehr als jeder fünfte, in Köln sogar mehr als jeder vierte Einwohner armutsgefährdet sein
  • Die CSU will den Soli-Zuschlag, von dem die neuen Länder besonders profitieren, ab 2019 abschaffen

Es ist eine enorme Summe: zwei Billionen Euro. So viel Geld ist seit der Wiedervereinigung in die neuen Bundesländer geflossen. Doch in der medialen Berichterstattung gilt der Osten unseres Landes oft noch per se als das Armenhaus der Republik.

Gefühlt dürfte sich aber so manche Familie im angeblich ach so wohlhabenden, aber extrem teuren, München schon länger ärmer gefühlt haben als so manche sächsische Familien.

Schließlich gehen an der Isar im Durchschnitt 40 Prozent des Netto-Haushaltseinkommen für die Miete drauf. Und was nützt der schönste Biergarten, wenn man sich die Maß Helles und den Leberkäse dort schlicht nicht leisten kann.

Seit dieser Woche ist dieses nebulöse Gefühl durch Fakten belegt. Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln hat die regionalen Armutsquoten nachgerechnet und dabei auch die örtlichen Lebenshaltungskosten und die regional unterschiedlichen Löhne einfließen lassen.

Statistikbehörde lässt regionale Unterschiede unter den Tisch fallen

Und die Ökonomen kommen zu erstaunlichen Ergebnissen: 18 Prozent der Bewohner der bayerischen Landeshauptstadt sind laut IW armutsgefährdet. Das sind fast doppelt so viele wie in den offiziellen Berechnungen des Statistischen Bundesamts.

Der Grund ist eindeutig: Die Zahlen der amtlichen Statistiker vergleichen nur das Haushaltsnettoeinkommen mit dem deutschlandweiten Mittelwert. Wer maximal 60 Prozent des bundesweiten Durchschnitts verdient, gilt als armutsgefährdet. Diese Schwelle lag für einen Einpersonenhaushalt 2014 bei 979 Euro.

Nach den Berechnungen des Bundesamts für Statistik fallen nur gut zehn Prozent der Münchner unter diese Grenze, in Ostsachsen hingegen ist es laut Statistikamt fast jeder Fünfte. Bei der IW-Studie ergibt sich für Ostsachsen derweil ein Armutsrisiko von nur 15 Prozent – das sind drei Prozent weniger als in München. Klar: In Ostsachsen ist beispielsweise neben der Miete auch der Friseurbesuch und vieles andere billiger als an der Isar.

Hamburg und Frankfurt haben mehr, Leipzig weniger Arme als bislang angenommen

Anderswo im Westen sieht es den IW-Berechnungen zufolge noch schlimmer aus: Den Berechnungen der Wirtschaftsforscher zufolge ist mehr als jeder vierte Kölner (fast 27 Prozent) armutsgefährdet. In Frankfurt, Hamburg oder Stuttgart liegt dieser Wert laut IW ebenfalls jeweils bei über 20 Prozent.

Anders ist die Situation etwa in Leipzig. Statt rund 25 Prozent sind der neuen Studie zufolge nur gut 23 Prozent armutsgefährdet. Das ist noch immer ein erschreckender Wert, aber eben nicht spürbar höher als in einer Vielzahl anderer deutscher Großstädte und sogar geringer als beispielsweise in Köln.

Das Klischee, der Westen sei per se reich, der Osten arm, lässt sich jedenfalls nicht halten. Die Armutsquote in den neuen Ländern sinkt, wenn man die regionalen Kaufkraft-Unterschiede berücksichtigt, von 19,9 auf 17,6 Prozent, weil man dort dank günstiger Mieten und niedrigerer Lebensmittelpreise billiger leben kann. Die westdeutsche Quote dagegen fällt in der IW-Studie mit 14,8 statt den von Amtswegen ermittelten 14,4 Prozent etwas höher aus.

Die Studie ist natürlich Wasser auf den Mühlen der Kritiker des Solidaritätszuschlags sowie des Länderfinanzausgleichs. Vor allem der Soli spülte bislang vor allem Milliarden in teils schick sanierte ostdeutsche Städte. Bürgermeister von maroden westdeutschen Kommunen, etwa in Nordrhein-Westfalen, wissen sich dagegen oft nicht mehr anders zu helfen, als Schwimmbäder zu schließen.

CSU fordert Kürzungen des Soli-Zuschlags ab 2019

Für den Parlamentarischen Geschäftsführer der CSU-Landesgruppe Max Straubinger ist aber losgelöst von der IW-Studie ohnehin klar, "dass Fördermittel dahin fließen müssen, wo sie gebraucht werden“. Es dürfe keine Rolle spielen, ob das Geld "im Osten, Westen, Norden oder Süden benötigt wird“.

Straubinger fordert in der Huffington Post: „Der Soli-Zuschlag muss ab 2019 Stück für Stück abgebaut werden. Das entlastet die Bürger überall im Land.“

Viele Politiker von SPD und Grünen wollen dagegen am Soli festhalten. Doch auch sie wollen das Geld regional differenzierter einsetzen.

Auch im Osten gibt es noch immer viele Regionen, die von Abwanderung betroffen sind

Denn klar ist auch: Nur, weil einige Regionen in Westen ihren Bewohnern immer schlechtere Perspektiven bieten, heißt dies nicht, dass in den neuen Ländern alles gut wäre. Auch dort gibt es nach wie vor Regionen, die von hoher Abwanderung gekennzeichnet sind.

Zugleich gibt es jedoch im Osten auch immer mehr Gegenden wie den Großräume Leipzig, Dresden oder Berlin, die hohe Wachstumsraten verzeichnen.

Klar ist: Die Bundesregierung muss nicht nur einzelne Regionen wie etwa den Ruhrpott besser fördern. Ganze Bevölkerungsgruppen wie Alleinerziehende bräuchten dringend mehr Unterstützung.

Wohlfahrtsverbände kritisieren, dass die Regierung Merkel vor allem im Kampf gegen die Kinderarmut mehr tun muss. Das Gründen einer Familie sollte von Garmisch bis Rostock kein Armutsrisiko sein. Schließlich sind Kinder nicht weniger als die Zukunft unseres Landes.

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Jedes Kind braucht die Chance auf Bildung

Egal wo auf der Welt: Ohne Bildung haben Kinder aus armen Familien in der Regel keine Chance. Doch die ist mitunter teuer - und so vergrößert sich vielerorts das Ungleichgewicht. Dieses Problem versuchen Organisationen in aller Welt zu lösen.

Eine ebenso simple wie geniale Idee steckt hinter dem Projekt World Bicycle Relief. Diese nämlich lautet: "Fahrrad = Mobilität = Bildung". So einfach kann Hilfe tatsächlich sein.

World Bicycle Relief stellt Menschen in Entwicklungsländern Fahrräder zur Verfügung, damit sie ihr Leben aus eigener Kraft verändern können. Denn in ländlichen Regionen Afrikas bedeutet ein Fahrrad ein großes Maß an Lebensqualität: Es verkürzt die Transportwege und erleichtert seinem Besitzer den Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung.

Mit über 200.000 Fahrrädern, die in Afrika montiert werden, und 1000 ausgebildeten Mechanikern hilft WorldBicycleRelief vor Ort dabei, Armut zu bekämpfen und fördert Bildung und die wirtschaftliche Entwicklung in Gegenden, die sonst von der Infrastruktur abgeschnitten wären.

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