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Die Generation-Y verrät ihre Ideale mit dem ersten Gehaltsscheck

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GENY GELD
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Keine Generation ist so frei wie meine. Das wird uns zumindest immer gesagt, wenn wir uns mal wieder über irgendwas beschweren. Wir können unseren Beruf vollkommen frei wählen, ohne Probleme fast jedes Land der Welt bereisen und schlafen, mit wem wir wollen. Soweit zumindest in der Theorie.

Die Realität sieht doch ein wenig anders aus. Denn frei sind wir noch lange nicht. Und einiges von dem, was wir vor anderen so gern als Freiheit verkaufen, ist in Wirklichkeit doch einfach Geldnot.

Auch wenn wir das nicht gerne zugeben. Sobald die ersten Menschen im Freundeskreis anfangen, Geld zu verdienen, zeigt sich schnell, dass das Gerede über die Freiheit, die man empfindet, wenn man sein Hostelzimmer mit elf weiteren, unfassbar aufregenden Menschen teilt, doch nur eine Farce war.

In Wahrheit fehlte es einfach an Geld für das Hotel mit Swimmingpool. Oder die Designermöbel, deren Nicht-Vorhandensein gerne damit begründet wurde, dass Sperrmüll als Couchtisch ja ein Ausdruck der Einzigartigkeit der eigenen Persönlichkeit sei.

Bevor Geld da war, trank man Sterni laut eigener Aussage nicht, weil es so billig ist, sondern weil es cool ist, rebellisch, irgendwie anders, und so schlecht schmeckt es ja nun wirklich nicht. Den Kater am nächsten Tag trug man voller Stolz mit sich herum.

Mit dem ersten Gehaltsscheck wanderten jedoch auch die ersten Flaschen Craftbeer ins Haus, natürlich nur, um es mal auszuprobieren, oder die kleinen Brauereien zu unterstützen, die schließlich auch etwas verdienen müssen.

Unser Verhältnis zum Geld ist sehr gespalten

In Wirklichkeit bedeuten Sätze wie diese jedoch: "Ich habe jetzt Geld und kann mir endlich etwas Besseres als diese Plörre leisten." Über Gastgeber, die zu Partys ein oder zwei Kästen Sternburg Bier spendieren, wird gerne hinter vorgehaltener Hand gelästert, was für ein Geizkragen er doch sei.

2016-06-30-1467284094-5249842-masra.jpgUnser Verhältnis zum Geld ist sehr gespalten. Wir wissen, dass wir auch ohne ganz gut auskommen, aber mit ist eben besser. So manch einer von uns hat seine Ideale schon für einen Gehaltsscheck verraten. Die Selbstverwirklichung endet da, wo Geld im Spiel ist.

Für Geld gibt man die sogenannte Freiheit auf, beschwert sich vielleicht sogar noch darüber, wie doof das ist, dass man jetzt wirklich arbeiten muss – und verschweigt ganz gerne mal, dass Geld, so traurig dieser Fakt auch ist, einem Freiheiten ermöglicht, von denen man vorher nicht einmal zu träumen gewagt hätte. Und wenn es nur ist, nicht jeden Cent umdrehen zu müssen, bevor man seinen Einkaufskorb im Supermarkt mit Speisen und Getränken füllt.

Spätestens mit dem ersten Gehalt endet auch die Lust auf Interrail, dem Symbol für die Freiheit und Unabhängigkeit der Generation Y. Statt billigen Zügen werden Flüge gebucht, und auch All-Inklusive-Urlaub scheint plötzlich okay zu sein, immerhin muss man sich so nicht mehr selbst um alles kümmern, und das ist ja auch irgendwo eine Freiheit, die man sich mal eben so „leistet“. Weil man kann.

Verrat an einer ganzen Generation

Zeit ist eben doch auch Geld, und jede Minute, die man nicht selbst mit der Planung einer Reise oder dem Sitzen in einem heruntergekommenen Zug verbringt, kann man nutzen, um weitere Moneten für noch mehr Dinge, die man verurteilt hat, bevor man arbeitstätig war, zu verdienen. Geld regiert die Welt. Und wir, die das System aus vollem Herzen ablehnten, weil wir nicht so sein wollten wie die anderen, ziehen mit. Es ist ein Verrat an einer ganzen Generation. Ein Verrat an uns selbst.

Es wäre alles halb so schlimm, wenn wir dazu stehen könnten, dass wir Geld lieben. Und wir tun es. Niemand ist mehr bereit, seinen Netflix-Account für ein selbstgekochtes Abendessen mit dem Nachbarn zu teilen, wenn er von einem anderen die Hälfte des Abo-Preises dafür bekommt. Oder sein WG-Zimmer kostenfrei an Couchsurfer zu vergeben, wenn er bei Airbnb für ein einziges Wochenende so viel verlangen kann, dass das Geld für die gesamte Monatsmiete wieder drin ist.

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Und statt den Nachtbus nehmen zu müssen, gönnen wir uns alle lieber ein Taxi von der Party nach Hause. Der, auf der es statt Sternburg Bier guten Gin Tonic zu trinken gab. Ab einem bestimmten Alter ist auch für uns „billig“ irgendwann einfach nur „billig“ und nicht „vintage“ und „rebellisch“.

Vielleicht ist es an der Zeit, dass wir einfach mal offen zugeben, dass wir es auch beim Thema Finanzen mit Marcus Wiebusch halten. Geld alleine macht unsere Generation nicht glücklich, aber eben doch ein Stück weit freier, als wir uns selbst eingestehen wollen. Und es ist definitiv besser, im Taxi zu weinen, als in der Straßenbahn.

Jana Seelig ist Autorin des Buchs "Minusgefühle". Hier könnt ihr das Buch kaufen.

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Jana Seelig ist Teil der HuffPost Voices. Einem Kolumnisten-Team, das aus unterschiedlichen Blickwinkeln Antworten auf die Frage gibt: Was passiert gerade in Deutschland?

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