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Unheilbar kranke Frau feiert zweitägige Party und bringt sich anschließend um

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BETSY DAVIS
dpa
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Das Lachen, das Grinsen und die Gelassenheit auf diesem Bild täuschen über die Traurigkeit hinweg, die bei einer zweitägigen Feier herrschte.

Anfang Juli lud Betsy Davis ihre engsten Freunde und Verwandte zu einer Feier ein. In ihrer E-Mail schrieb sie: "Die Umstände sind vermutlich anders als bei allen anderen Feiern, die ihr besucht habt. Sie erfordern emotionales Durchhaltevermögen und Offenheit."

Es gab eine Regel: Kein Weinen.

Die 41-jährige Künstlerin litt unter amyotropher Lateralsklerose (ALS), eine nicht heilbare Erkrankung des motorischen Nervensystems. Sie wollte, dass die wichtigsten Personen zu dieser Feier kamen, um sich von ihr zu verabschieden: Denn Davis war die erste Patientin im US-Bundesstaat Kalifornien, die legal eine tödliche Dosis an Medikamenten nehmen konnte, um ihrem Leben ein Ende zu setzen.

"Für mich und alle anderen, die eingeladen wurden, war es sehr schwer. Aber es war klar, dass wir alle für sie da sein werden", sagte Niels Alpert, ein Kameramann aus New York.

"Die Idee dahinter, ein schönes Wochenende zu verbringen, das in einem Selbstmord endet, ist nicht normal und alltäglich. Wir hatten Spaß und haben gelacht, aber wir hatten immer im Hinterkopf, wie das Wochenende enden würde."

betsy davis

Davis wollte keine Trauerfeier

Davis arbeitete einen detaillierten Plan für das Wochenende vom 23. und 24 Juli aus, darin hatte sie auch die Stunden festgelegt, in denen sie die Medikamente nehmen wollte – den Plan teilte sie mit ihren Gästen.

Mehr als 30 Menschen aus den unterschiedlichsten Städten kamen in die südkalifornische Bergstadt Ojai, um sich zu verabschieden.

betsy davis

Eine Frau brachte ein Cello mit. Ein Mann spielte eine Mundharmonika. Es gab Cocktails, Pizza aus ihrem Lieblingsrestaurant und ihr Lieblingsfilm, "The Dance of Reality", wurde in einem Zimmer gezeigt.

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Als sich das Wochenende dem Ende neigte, gaben ihr ihre Freunde einen Abschiedskuss und versammelten sich ein letztes Mal für ein Foto. Anschließend wurde Davis in ein Himmelbett auf einem Hügel gelegt, wo sie die Medikamente, die ein Arzt für sie zusammenstellte, nahm.

Für die Angehörigen war der Abschied schwer

Kelly Davis sagte, dass sie die Idee ihrer Schwester mochte – es war wie eine "Wiedergeburt".

"Natürlich war es schwer für mich. Es ist immer noch schwer für mich", sagte Davis, die für das Online-Nachrichtenmagazin "Voice of San Diego" einen Artikel über das Wochenende schrieb.

"Ich musste hin und wieder den Raum zu verlassen, weil ich das Gefühl hatte nicht mehr atmen zu können. Aber die Leute haben es verstanden. Sie verstanden, wie sehr sie litt und warum sie diese Entscheidung traf. Sie respektierten das. Sie wussten, dass sie es als ein freudiges Ereignis haben wollte."

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Das Gesetz könnten Angehörige missbrauchen

Davis setzte weniger als einen Monat, nachdem das kalifornische Gesetz eine solche Möglichkeit für unheilbare Patienten legalisiert hatte, ihrem Leben ein Ende.

Gegner des Gesetzes argumentieren, dass ein beschleunigter Tod moralisch falsch sei und er so durch Angehörige erzwungen werden könnte.

betsy davis

Marilyn Gold von "Disability Rights Education & Defense Fund" sagte, dass sie mit dem Herzen bei allen Menschen sei, die unheilbar krank sind, aber "es gibt immer noch Millionen von Menschen in Kalifornien, die durch das Gesetz in Gefahr sind."

Davis hatte mehrere Monate damit verbracht, das Wochenende zu planen, nachdem sie über die letzten drei Jahre akzeptieren musste, dass sie immer mehr die Kontrolle über ihren Körper verlor. Die Malerin und Performance-Künstlerin konnte nicht mehr stehen, sich die Zähne putzen oder sich selbst kratzen - ihre Pfleger mussten für andere ihre unverständlichen Worte übersetzen.

Davis hatte eine schöne Zeit mit ihren Freunden und Verwandten

"Liebe Wiedergeburt-Teilnehmer, ihr seid alle sehr mutig mich bei dieser Reise zu begleiten", schrieb sie in ihrer Einladung. "Es gibt keine Regeln. Tragt was ihr wollt, sagt was euch in den Kopf kommt, tanzt, hüpft, singt, betet – aber weint bitte nicht. DAS ist die einzige Regel."

Während der Feier traf sie alte Freunde wieder und fuhr mit ihrem elektrischen Rollstuhl von Raum zu Raum, um mit den Gästen zu sprechen.

Sie lud einige ihre Freunde dazu ein, sie in ihr Zimmer zu begleiten, wo sie ihre Kleidung anprobieren konnten und eine schöne Zeit miteinander verbrachten. Die Gäste durften ein "Betsy Souvenir" mitnehmen – ein Gemälde oder ein anderes Andenken.

Um 18:45 Uhr schaute sie in den Sonnenuntergang, trug ihren japanischen Kimono und nahm die tödliche Dosis – begleitet wurde sie von einem Arzt, einem Masseur, ihrer Schwester und von Pflegern. Vier Stunden später starb sie.

Ihr letztes Kunstwerk

Freunde sagten, dass das die letzte Performance der Künstlerin war, die einst ein Bild mit Schlagsahne malte.

"Was Betsy getan hatte, war die schönste Möglichkeit einer Sterbehilfe", sagte Alpert. "Weil sie die Verantwortung dafür übernommen hatte, verwandelte sie ihren Tod in ein Kunstwerk."

Die Gäste wollen sich alle im Juni zu ihrem Geburtstag wieder treffen, um ihre Asche zu verstreuen.

Der Artikel erschien in der Huffington Post UK und wurde von Samantha Meier aus dem Englischen übersetzt.

Hinweis der Redaktion: Es handelt sich bei diesem Suizid um den ersten, ärztlich begleiteten Selbstmord in Kalifornien.
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(juk)