Huffpost Germany

Bundesländer gehen auf Distanz zu Ditib - und Ditib keilt zurück

Veröffentlicht: Aktualisiert:
DITIB
Bundesländer gehen auf Distanz zu Ditib - und Ditib keilt zurück | dpa
Drucken

Es waren kleine Schritte. Mühsame Schritte. Aber es ging voran, immer aufeinander zu.

Verglichen damit geht es jetzt mit Siebenmeilenstiefeln - voneinander weg.

Islamverbände und Politik in Deutschland haben in den vergangenen Jahren mit einigem Rumpeln Kooperationen angestoßen, es ging um religiöse Bildung, um interreligiösen Dialog, um rechtliche Anerkennung. Es ging letztlich um das ganz Große: um Integration.

Jetzt haben mehrere Bundesländer die Zusammenarbeit eingestellt, vorerst jedenfalls.

Niedersachsen: Islamvertrag auf Eis

Am heutigen Freitag hat Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) bekannt gegeben, dass die rot-grüne Landesregierung auf Kritik der CDU hin den unterschriftsreifen Islamvertrag wohl nicht mehr wie geplant in diesem Jahr unterzeichnet werde.

Er sollte Regelungen etwa zum islamischen Religionsunterricht, zur Seelsorge in Krankenhäusern und Gefängnissen sowie zum Moscheebau und Bestattungswesen enthalten.

NRW: Zweifel an Ditib als Religionsgemeinschaft

Am gestrigen Donnerstag sagte Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung": "Es verstärken sich die Zweifel, dass die Ditib den Kriterien zur Einstufung als Religionsgemeinschaft entspricht.“

Ditib und drei andere islamische Verbände hatten vergangenes Jahr beantragt, als Religionsgemeinschaft mit entsprechenden Rechten anerkannt zu werden. Damit bekämen sie in Deutschland besondere Rechte, die sie als reine Vereine nicht haben. Sie könnten etwa direkter Einfluss auf den islamischen Religionsunterricht nehmen.

Rheinland-Pfalz: Verhandlungen ausgesetzt

Am Freitag vergangener Woche hatte Rheinland-Pfalz’ Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) angekündigt, Verhandlungen mit Islamverbänden etwa zum Religionsunterricht auszusetzen.

Spannungen nicht erst nach dem Putschversuch

Der Grund für diese heftige Wende: Sowohl nach der in der Türkei höchst umstrittenen Armenien-Resolution des Bundestages als auch nach dem Putschversuch in der Türkei hatten sich einige Islamverbände deutlich hinter den aggressiv auftretenden türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan gestellt und indirekt oder direkt gegen die Linie von SPD und Union.

Insbesondere der größte Moscheeverband in Deutschland, die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion, Ditib, steht in der Kritik. Zum ihm gehören etwa 900 Moscheegemeinden in ganz Deutschland, seine Imame werden direkt aus der Türkei geschickt und finanziert.

Ditib reagiert scharf

Ditib äußerte sich auf Anfrage der Huffington Post nicht zu den jüngsten Ereignissen. Am Montag hatte der Verband zum Thema allerdings eine ebenso lange wie scharfe Erklärung veröffentlicht.

Der Verband habe mit "großer Sorge und Enttäuschung“ beobachtet, wie weltpolitische Ereignisse instrumentalisiert würden, um Ditib zu diskreditieren. "Unsere Gemeindemitglieder fühlen sich falsch verstanden, falsch wahrgenommen und unfairen Vorwürfen ausgesetzt.“

Die begründete oder unbegründete Ablehnung der Türkei oder der türkischen Politik werde unzulässig auf die Ditib-Gemeinden übertragen, es werde ein "gefährliches Feindbild“ konstruiert, Mitglieder würden "quasi zu fremdstaatlichen Gefährdern“. So etwas kenne man "sonst nur von antidemokratischen, rechtsextremen Gruppierungen“.

Verband wehrt sich gegen Vorwurf der "Fremdsteuerung"

Unterstellung der "der Fremdsteuerung, der politischen Einflussnahme aus der Türkei, der politischen Agitation und der Gefährlichkeit unserer Religionsgemeinschaft weisen wir aufs Schärfste zurück“.

Die Imame kämen aus der Türkei, weil das dortige Religionspräsidium Diyanet für eine lange Wissenstradition stehe. "Diese Verbindung beschränkt sich aber auf den Inhalt unserer religiösen Dienste.“

Die Moscheegemeinden hier würden von Menschen geleitet, die hier verwurzelt seien. Ihre Vorstände würden demokratisch gewählt, es sei vorgeschrieben, dass mindestens zwei Frauen im Vorstand säßen.

"Niemand, weder im Inland, noch im Ausland hat sich in unsere Vereinsarbeit einzumischen. (...) Dies immer wieder in Frage zu stellen und uns vorzuwerfen, Politiker aus der Türkei würden uns vorschreiben, wie wir arbeiten, empfinden wir als Entmündigung unserer Mitglieder und gerade auch der Menschen, die in ehrenamtlichen Diensten sich in ihrer Freizeit für unser Vereins- und Gemeindeleben einsetzen.“

Beobachter uneins über Ditib

Beobachter sind sich in der Einschätzung Ditibs nicht einig. Kritiker nennen Ditib einen verlängerten Arm des Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Tatsächlich hatten einige Ditib-Imame hatten angebliche Putschisten als "Volksverräter“ verunglimpft. In der bundesweit einheitlichen Freitagspredigt war der Putsch scharf verurteilt worden.

Der Verband hatte sich jedoch von Gewalt distanziert und schreibt nun, politischer Meinungsstreit habe nichts in einer Moschee zu suchen. Der Islamwissenschaftler Michael Kiefer aus Düsseldorf sagte dem WDR: "Nun zu behaupten, dass hier eine Veranstaltung aus Ankara vorläge - das halte ich für überzogen.“

Zentralrat der Muslime plädiert für Islamausbildung in Deutschland

Spannend ist auch, was Aiman Mayzek, Vorsitzender eines Zentralrats der Muslime (ZDM), am Mittwoch in der Tagesschau zum Thema sagte: Kritiker hätten Recht, wenn sie sagten, dass Muslime hier noch zu stärk von Position im Ausland abhängig seien. Aber um das abzustellen, müsse man hier zusammenarbeiten und hier Menschen religiös ausbilden.

Erstmal die Füße stillhalten

Wer in diesem Streit Recht hat, das ist eine wichtige Frage. Der deutsche Staat muss genau prüfen, mit wem er da zusammenarbeitet. Deswegen ist es in Ordnung, wenn verschiedene Bundesländer jetzt ihre Zusammenarbeit prüfen.

Aber verbal draufhauen – davon müssen beide Seiten unbedingt absehen. Weil jahrelange Integrationsarbeit damit zerstört wird. Oder, um im Anfangsbild zu bleiben: Weil sie sich dann nicht nur mit riesigen Schritten voneinander entfernen. Sondern auch noch die Brücke einreißen, über die man langsam wieder aufeinander zugehen könnte.

Besser jetzt erstmal die Füße still halten. Und reden.

Auch auf HuffPost:

Warum Erdogan immer gewinnen wird

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2016-07-11-1468249306-1333267-umfrage.jpg

Hier geht es zur Umfrage.


Jedes Kind braucht die Chance auf Bildung

Egal wo auf der Welt: Ohne Bildung haben Kinder aus armen Familien in der Regel keine Chance. Doch die ist mitunter teuer - und so vergrößert sich vielerorts das Ungleichgewicht. Dieses Problem versuchen Organisationen in aller Welt zu lösen.

Eine ebenso simple wie geniale Idee steckt hinter dem Projekt World Bicycle Relief. Diese nämlich lautet: "Fahrrad = Mobilität = Bildung". So einfach kann Hilfe tatsächlich sein.

World Bicycle Relief stellt Menschen in Entwicklungsländern Fahrräder zur Verfügung, damit sie ihr Leben aus eigener Kraft verändern können. Denn in ländlichen Regionen Afrikas bedeutet ein Fahrrad ein großes Maß an Lebensqualität: Es verkürzt die Transportwege und erleichtert seinem Besitzer den Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung.

Mit über 200.000 Fahrrädern, die in Afrika montiert werden, und 1000 ausgebildeten Mechanikern hilft WorldBicycleRelief vor Ort dabei, Armut zu bekämpfen und fördert Bildung und die wirtschaftliche Entwicklung in Gegenden, die sonst von der Infrastruktur abgeschnitten wären.

Unterstütze sie jetzt bei dieser Arbeit und spende auf betterplace.org.

Willst auch Du Spenden für Dein soziales gemeinnütziges Projekt sammeln? Dann registriere Dich und Dein Projekt jetzt auf betterplace.org.

(lp)