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"Für ihn ist Gewalt eine Strategie": 6 Dinge, die Trumps Rhetorik so gefährlich machen

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TRUMP
6 Dinge, die Trumps Rhetorik so gefährlich machen | Reuters
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Kopfschütteln. Fassungslosigkeit. Aufschrei.

Das folgt auf jeden Auftritt, jede Rede, jedes Interview von Donald Trump. Milliardär, Immobilienmogul, Berufsproll, US-Präsidentschaftsbewerber.

So auch auf Trumps Rede am Dienstag. Darin sprach er so kryptisch über das Recht auf Waffenbesitz und Hillary Clintons angeblichen Versuch, den Amerikanern dieses Recht zu nehmen, dass es als Mordaufruf an seiner Konkurrentin verstanden werden konnte.

Zu Beginn seiner Kandidatur glaubten noch einige Beobachter, dass Trumps Verbalausfälle Pannen waren. Jetzt ist klar: Sie haben System.

Fachleute überall auf der Welt haben sich mit dem Phänomen Trump auseinandergesetzt. Und herausgearbeitet, was seine Rhetorik auszeichnet. Und was sie so gefährlich macht.

1. Lügen als Standardfall

Trump lügt. In einer Häufigkeit, wie sie erfahrene US-Analysten fassungslos macht.

Die mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Seite "Politi Fact" hat etwa dokumentiert, dass 78 Prozent von fast 100 überprüften Aussagen Trumps falsch waren. Hillary Clintons Lügenquote lag bei 27 Prozent. Diverse andere Rechercheure kamen zu vergleichbaren Ergebnissen.

Die Geschichte zeigt, was passieren kann, wenn Präsidenten die Wahrheit verbiegen. Der Irakkrieg begann mit der Lüge, Diktator Saddam Hussein produziere Massenvernichtungswaffen. Zehntausende Zivilisten starben im Krieg, das Land ist auch dreizehn Jahre später instabil und Hort für weltweit agierende Terrorgruppen.

2. Alles nur Gerüchte

Aber Trump hat eine noch viel perfidere Technik, Unwahrheiten zu verbreiten, als sie nur zu behaupten: Er legt Lügen und Gerüchte anderen in den Mund. Er sagt: „Viele Leute sagen, dass ...“ Reporter des Senders CNN haben viele Beispiele dieser „Viele Leute sagen ...“-Masche zusammengetragen.

Diese Woche etwa behauptete Trump auf Twitter: „Viele Leute sagen, dass die Iraner die Wissenschaftler umgebracht haben, die den USA geholfen haben, weil die E-Mails von Hillary Clinton gehackt wurden.“ Eine Anspielung darauf, dass seine Rivalin von den Demokraten in ihrer Zeit als Außenministerin illegal Dienst-E-Mails auf ihrem Privataccount verwaltet hat.

Trump verbreitet auf diese Weise effektiv Theorien, die ihm passen - und kann sich auch noch darauf herausreden, dass er ja nie behauptet habe, dass sie stimmten.

Die Sache ist so auffällig, dass es auf Twitter bereits einen Hashtag gibt, der diese Gewohnheit aufs Korn nimmt: #ManyPeopleAreSaying. In der Regel werden Trumps Gewohnheiten dort veralbert. „Manche Menschen sagen, Babys können das Böse riechen (...)“, heißt es da etwa.

3. Dinge nur andeuten

Trump bringt viele seiner Sätze nicht zu Ende. Was eigentlich sehr fahrige, schlechte Redner kennzeichnet, nutzt Trump.

„Es ist sehr schwer, seine Reden auf Fakten zu überprüfen, weil er die Sätze einfach abbricht und Argumente nicht ausführt", sagte Bill Adair, Gründer der Politifact-Website, der „Süddeutschen Zeitung“.

Die Unsitte hat außerdem den Effekt, dass sich die Zuhörer die Sätze eben selbst fertig denken. Und wenn Trump, wie am Dienstag, das Recht auf Waffenbesitz und den Aufruf zum Widerstand gegen Hillary Clinton in Verbindung bringt, dann kann man sich denken, was sich die Leute denken.

Ex-CIA-Chef Michael Hayden bringt die Gefahr dieser Taktik so auf den Punkt: „Man ist nicht nur verantwortlich für das, was man sagt. Man ist verantwortlich für das, was die Menschen hören.“

4. Verbal draufhauen

„Herrn Trumps Wahlkampagne ist durch eine außerordentlich aggressive Rhetorik gekennzeichnet“, heißt es in der Tageszeitung „New York Times“.

So hatte er kürzlich über einen Kritiker gesagt, er würde ihm gerne ins Gesicht schlagen und auf einer Krankentrage abtransportiert sehen.

Dan Gross, Präsident einer Vereinigung gegen Waffengewalt, sagte: „Für Trump ist Gewalt ein Standardthema geworden, eine beliebte Pointe – und sogar eine Strategie.“

Welche, das erklärt US-Journalist Michael Wolff, der Trump auch interviewt hat, in der „Neuen Zürcher Zeitung“: „Trump ist davon überzeugt, dass ihm das Schüren von Konflikten jeder Art nützt. Er kann so die öffentliche Debatte dominieren. Zudem glaubt er, dass seine Anhänger das konfrontative Verhalten als Zeichen der Stärke sehen.“

Beobachter halten das deshalb für so brisant, weil sie davon ausgehen, dass die „unumkehrbare Verrohung unserer politischen Debatte“ letztlich auch die Hemmschwellen beim konkreten Handeln sinken lässt. Von „geistiger Brandstiftung“ ist die Rede.

Es ist eine Debatte, die auch für Deutschland relevant ist – denn seit Monaten werfen Kritiker der rechtspopulistischen AfD und auch einzelnen CSU-Politikern vor, mit ihrer Stimmungsmache Gewalt gegen Ausländer in Deutschland zu schüren.

5. Außer Kontrolle

Nun ist nicht jede Ansprache, jeder Tweet Tumps eine Missachtung von Stil und Würde. Manchmal klingt er auch moderat, so bei seiner Wirtschaftsrede.

Das Problem: Beobachter glauben, dass sich hinter dem aggressiven Teil der wahre Trump verbirgt. Und hinter dem moderaten nur seine Berater.

„Wenn sich Trump nicht an den Teleprompter hält und unreflektiert schwafelt, zeigt er sein wahres Gesicht. Er ist ein gefährlicher Rechtspopulist, der zu Kurzschlussreaktionen und Gewalt neigt; ein nicht lernfähiger Egomane, der sich wie ein Schulhofrüpel verhält“, kommentierte die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“.

Die „New York Times“ konstatierte: „Herr Trump ist nicht in der Lage, sich zu kontrollieren.“

Der Datenspezialist der Programmiererplattform „Stack Overflow“, David Robinson, hat einen Beleg für diese Thesen veröffentlicht. Er hat sich die Tweets vorgenommen, die auf Trumps verifzierten Account gepostet wurden.

Sie stammen von verschiedenen Smartphones. Bei Prominenten ist es normal, dass sie selbst und ihre Berater einen Account bespielen. Manche, wie US-Präsident Barack Obama, machen ihre ureigenen Tweets kenntlich, manche nicht.

Aber Robinson hat ein Muster gefunden: „Wenn Trump dem Olympia-Team viel Glück wünscht, twittert er von einem iPhone aus. Wenn er einen Rivalen beleidigt, twittert er normalerweise von einem Android.“

Dass Trump eben zweierlei Geräte nutzt, glaubt Robinson nicht. Verschiedene Wort- und Satzanalysen hätten das klar belegt. Und er sei sich mit anderen Experten einig: Trump persönlich nutze Android, von einem Samsung-Galaxy-Handy.

Nicht auszudenken, was also passieren könnte, wenn der "echte Trump" als Präsident in einer heiklen Situation über einen Militäreinsatz entscheiden müsste.

6. Die Mär vom Mann aus dem Volk

Für einen Berufspolitiker ist das, was Trump zusammenstammelt, zusammenbrüllt, indiskutabel. Und genau das macht ihn für viele attraktiv.

Der US-Journalist Wolff sagte der "NZZ", viele Wähler in den USA seien enttäuscht vom politischen Establishment, hätten keine Lust mehr auf „öde Berufspolitiker“ und wendeten sich stattdessen dem Quereinsteiger Trump zu.

Dem Mann, der keinen Unterschied mache zwischen Unterhaltung und Politik. Dem Mann, den sie trotz seines immensen Vermögens für einen Mann des Volkes halten.

Auch ein Phänomen übrigens, das in Deutschland zu beobachten ist. Erschreckend viele Menschen trauen den etablierten Parteien nichts mehr zu, manche trauen sogar dem ganzen politischen System nicht mehr.

Und ziehen sich bestenfalls ins Private zurück. Schlimmstenfalls zünden sie Asylbewerberheime an.

Den "Ich bin einer von euch"-Effekt erzielt Trump wie Populisten überall auf der Welt einerseits mit seiner Sprache. Linguisten der Georgetown University sagen der britischen Zeitung „Daily Mail“, dass Trumps unvollständige Sätze und sein begrenztes Vokabular ihn deutlich von den üblichen Politikern abgrenzten. Es lasse ihn „authentisch“ wirken.

Trump hält sich andererseits selten mit Sachfragen auf – anders als Clinton.

Als Präsident müsste Trump aber nicht nur labern, sondern Antworten auf die größten politischen Fragen weltweit liefern. Das setzt Sachkenntnis voraus - und Verantwortungsbewusstsein.

Ganz ehrlich...

Aus der Vermutung, Trump sei ein fahrlässiger Demagoge, ist Gewissheit geworden. Zu Beginn seines Wahlkampfs haben manche Leute gesagt, dass ... Trump ... Sie wissen schon ... lüge.

Jetzt ist belegt, dass und wie er es tut. Er manipuliert und ist nur in seiner Aggression authentisch.

Mit einer Sache hat Trump allerdings Recht: Er würde als Präsident die Welt verändern. Jetzt ist klar, wie diese Welt aussehen würde.

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