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Schweden testet den 6-Stunden-Tag - die Ergebnisse sollte jeder Angestellte kennen

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WORK SWEDEN
Man with suitcase on wheels boarding a ship in Stockholm, Sweden | Alexander Spatari via Getty Images
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  • Einige schwedische Unternehmen testen das Sechs-Stunden-Modell
  • Arbeitnehmer sollen so produktiver und zufriedener sein
  • Eine Studie kam allerdings zu ernüchternden Ergebnissen

Weniger arbeiten bei vollem Lohn. Was wie eine Sozialutopie klingt, ist für manche Angestellten in Schweden seit über zwei Jahren Realität. Denn Göteborg, die zweitgrößte Stadt des Landes, führte im öffentlichen Sektor den Sechs-Stunden-Arbeitstag ein.

Aber nicht für alle: Nur eine Testgruppe von Altenpflegern nimmt an dem Projekt teil. Nach dem ersten Jahr wurde das Experiment bereits als Erfolg gefeiert - im schwedischen Inland und im Ausland. Jetzt, zwei Jahre später, herrscht eher Ernüchterung. Zumindest in Göteborg.

Ziele wurden verfehlt

Das liegt an den Studienergebnissen. Denn aus diesen lässt sich zuerst viel Negatives herauslesen: 17 neue Pflegekräfte musste das Heim einstellen, um die Stundenreduzierung aufzufangen. Gut, das sind Arbeitsplätze – aber Arbeitsplätze, die den schwedischen Staat bislang rund 1,4 Millionen Euro zusätzlich kosteten.

Außerdem verfehlte das Unternehmen hochgesteckte Ziele: Man wollte die Krankenrate des Personals durch das Sechsstundenprojekt deutlich senken. Letztendlich fiel sie um gerade einmal 0,6 Prozent.

Zwar seien die Mitarbeiter durch die neu gewonnene Freizeit zufriedener als zuvor, aber niemand hatte Daten darüber erhoben, wie zufrieden die Pfleger während der 40-Stunden-Woche waren. Zu ähnlichen zwiespältigen Ergebnissen kamen auch schon Studien in den 90er-Jahren.

Es gab keinen Sechs-Stunden-Tag

Dass die Ergebnisse nicht wie erhofft ausfielen, mag auch daran liegen, dass die Verantwortlichen den Sechs-Stunden-Tag nicht so umsetzen, wie von vielen erwartet: Die Pflegekräfte arbeiten weiterhin acht Stunden täglich, dafür aber nur vier Tage pro Woche. De facto ist es also kein Sechs-Stunden-Tag, wie fast alle Medien berichteten, sondern eine 30-Stunden-Woche.

Damit verfehlt das Projekt ein weiteres Ziel: Kürzere Arbeitszeit pro Tag soll die Produktivität steigern. Pro Tag, wohlgemerkt.

Für Kritiker des Projekts ist deshalb klar: Das Projekt ist gescheitert – egal ob sechs Stunden pro Tag oder sechs Stunden im Schnitt. Zu diesen Kritikern zählt Maria Rydén, Abgeordnete der konservativen Moderaterna-Partei im Stadtrat von Göteborg. Sie war von Anfang an gegen das Experiment und sieht sich jetzt in ihrer Anti-Haltung erst recht bestätigt. "Die ganze Welt schaut auf uns. Und jetzt so was!", sagt sie dem Magazin “Zeit Campus”. "Das ist doch peinlich."

Deshalb will die Stadt das Projekt nicht fortsetzen.

Kürzere Arbeitszeit bleibt eine Ausnahme

Außerhalb der Stadt, im Vorort Mölndal, steht man der verkürzten Arbeitszeit noch offen gegenüber. Denn auch das dortige Sahlgrenska-Universitäts-Krankenhaus hat das Projekt getestet – allerdings mit den sechs Stunden Arbeitszeit pro Tag, nicht der Vier-Tage-Woche.

Damit wollte das Krankenhaus vor allem attraktiver werden und für volle Konzentration der Bediensteten bei der Arbeit im OP-Saal garantieren. Deshalb operieren die Angestellten in zwei Schichten á sechs Stunden, statt in einer mit acht. Somit konnten mehr Patienten behandelt werden, die Warteliste hat sich deutlich verkürzt.

Und nicht nur das Krankenhaus schlägt Profit aus der Umstellung, sondern auch die Mitarbeiter: “In meinem Praxisjahr hat sich alles um die Arbeit gedreht, jetzt habe ich ein Leben”, meint die Anästhesie-Krankenschwester Matilda Palenius gegenüber “Zeit Campus”.

Wer allerdings denkt, in Schweden sei der Sechs-Stunden-Tag bereits die Norm, irrt gewaltig: Die verkürzte Arbeitszeit bleibt nach wie vor eine absolute Ausnahme.

Die meisten Angestellten gehen erst am späten Nachmittag oder Abend nach Hause. “Vom Sechs-Stunden-Tag ist Schweden weit entfernt”, schreibt die schwedische Journalistin Maddy Savage in einem Artikel für das Nachrichtenportal “The Local”. Über die Vorstellung, die manche ausländischen Medien von der schwedischen Arbeitswelt hätten, könne man in Schweden nur lachen.

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(vr)