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Gefährliches "Jahrhundertprojekt": Wieso Erdogan für die Türken größer wird als Atatürk

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KEMAL
Gefährliches "Jahrhundertprojekt": Wieso Erdogan für die Türken größer wird als Atatürk | Getty / Reuters
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Westliche Experten werden nicht müde den nahenden Untergang der Türkei zu prophezeien. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan baue die Türkei zu einer Diktatur um, warnte etwa Burak Çopur in der Huffington Post nach dem gescheiterten Putsch.

Diese Einschätzungen sind sicher nicht ganz falsch. Doch sie zeigen nur ein Teil des Bildes.

Für Maurus Reinkowski, einen der renommiertesten Nahostexperten Deutschlands, istErdogan Initiator eines historischen Umbruchs.

Erdogans Türkei sei ein „Jahrhundertprojekt“, glaubt der Experte. Und nur wenn wir dieses Projekt begreifen, können wir verstehen, weshalb immer noch so viele Türken hinter ihrem Präsidenten stehen - trotz Massenentlassungen und trotz quasi Abschaffung des Rechtsstaates.

Was nur wenige Experten sehen: Die Umgestaltung des Landes könnte Erdogan für die Türken noch wichtiger machen, als es Mustafa Kemal Atatürk war. Der war immerhin Gründer der Nation.

Zum Hintergrund: Mustafa Kemal Atatürk rief im Oktober 1923 die türkische Republik aus. Er modernisierte den Nachfolgestaat des Osmanischen Reiches radikal und rückte die Türkei damit näher an die westliche Welt.

Seither gilt Atatürks Ideologie als Grundgerüst des türkischen Staates. Die sechs Prinzipien seiner Staatsphilosophie Kemalismus sind im zweiten Artikel der türkischen Verfassung verankert.

Vielen Linken und großen Teilen des türkischen Militärs ist dieser Kemalismus heilig. Präsident Erdogan steht schon seit Jahren in der Kritik, die Prinzipien des Staatsgründers mit seiner Hinwendung zum Islam und seiner autoritären Politik zu unterwandern.

Doch diesen Weg schlägt Erdogan in Wirklichkeit gar nicht ein: „Mit den sechs Prinzipien des Kemalismus kann die AKP gut leben“, schreibt Reinkowski in der „FAZ“.

In einem gewissen Sinne sind die Regierenden der AKP sogar die besseren Kemalisten.

Erdogan erreicht die "schwarzen" Türken

Denn man muss klar sagen: Der Kemalismus vor Erdogans Ära ist gescheitert. Der türkische Staat funktionierte jahrelang nicht, bis 2002 die AKP an die Macht kam.

Erdogan und seine Partei hauchten der Türkei wieder Leben ein, kurbelten die Wirtschaft an, schafften es, eine Politik zu machen, die auch die so genannten „schwarzen Türken“ erreichte.

So werden die konservativen, frommen Türken bezeichnet, die vornehmlich in Anatolien leben. Sie fühlten sich von der elitären Politik der kemalistischen Bildungsbourgeoisie nie vertreten.

Seit den frühen zwanziger Jahren seien weite Teile der Bevölkerung von der Teilhabe an Macht und wirtschaftlicher Prosperität ausgeschlossen gewesen, schreibt Reinkowski.

Dabei ist Populismus, die auf die Interessen des gesamten Volkes ausgerichtete Politik, einer der sechs Pfeiler der „weißen“ Türken, der Kemalisten.

Erdogan ist Vorzeigepopulist. Er begeistert die Massen. Obwohl er Oppositionelle brutal unterdrückt, die Demokratie offensichtlich an allen Ecken beschneidet, liegt die Zustimmung des Volkes für ihren Präsidenten recht konstant bei starken 50 Prozent.

Wieso ist der Präsident so erfolgreich?

Woher kommt diese Begeisterung für den Autokraten? Erdogan gibt sich als Mann des Volkes. Er bedient den nationalistischen Stolz, den schon Atatürk zum zentralen Instrument seiner Politik machte.

Was Erdogan anders macht: Er kombiniert den Heimatpathos mit islamischer Tradition. Seit die AKP die Regierung stellt, ist der Islam wieder ins Zentrum der türkischen Identität gerückt.

Erdogan lässt Moscheen bauen, subventioniert religiöse Schulen und zitiert bei öffentlichen Auftritten aus dem Koran.

Widerspricht das dem Prinzip des Laizismus, der strengen Trennung von Religion und Politik? Erdogan-Kritiker und Kemalisten werfen genau das dem Präsidenten vor.

Reinkowski erklärt: „Laizismus wurde von den Kemalisten immer so verstanden, dass die Religion unter der Kontrolle des Staates stehen muss.“ Das tut sie unter Erdogan.

Yildirim, dem türkische Ministerpräsident und einer Marionette Erdogans untersteht die Religionsbehörde Diyanet. Nicht nur in der Türkei, sondern auch in Deutschland, prägt sie das öffentliche Leben der Türken entscheidend.

Passend zum Thema: Erdogans "unheimliches" Propaganda-Netz: Wie der türkische Präsident in Deutschland an Macht gewinnt

Erdogan baut an seiner eigenen Staatsphilosophie

Ist Erdogan also der bessere Atatürk? Fest steht: Der türkische Präsident ist ein skrupelloser Autokrat. Er will das Präsidialsystem einführen, macht selbst vor der Todesstrafe keinen Halt.

Man muss sich jedoch vor Augen führen: Auch der glorifizierte Mustafa Kemal war kein Demokrat. Bis in die Mitte der 40er-Jahre regierte seine Partei CHP allein – andere Parteien waren nicht zugelassen. Erst nach seinem Tod wurde die Türkei zu einer echten Demokratie.

Die Zukunft der Türkei steht derzeit auf der Kippe. Copurs mahnenden Worten vom „Durchmarsch zur Diktatur“ steht jedoch noch eine andere Perspektive gegenüber.

„Die demographische Entwicklung wird die Türkei noch die nächsten zwanzig Jahre beflügeln. Die geopolitische Lage der Türkei ist günstig“, konstatiert Reinkowski.

Der türkische Präsident könnte dies nutzen. Mit seiner eigenen Staatsphilosophie. Dem „Erdoganismus“, wie der Historiker diese nennt.

Sie unterscheidet sich weniger essentiell vom Kemalismus, als viele Kritiker meinen. Eher ergänzt sie diesen. Um Religion, wirtschaftliches Machtstreben und außenpolitisches Muskelspiel.

Erdogan besetzt Themen, mit denen man auch in der „schwarzen Türkei“ die Menschen erreicht. Bürger und Politiker des Landes stehen jetzt vor der Frage: Gehen sie den Umbau des Staates mit - auf Kosten ihrer eigenen Freiheit?

Das "Jahrhundertprojekt" ist ein brandgefährliches. Doch es könnte Erdogan für viele Türken unsterblich machen.

Autokrat hin oder her.

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