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Warum das Treffen zwischen Putin und Erdogan überfällig war

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PUTIN ERDOGAN
Die Eiszeit zwischen Erdogan und Putin ist nach dem Treffen in St. Petersburg - zumindest erstmal - vorbei. | dpa
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  • Russland und die Türkei wollen ihre eingefrorenen Beziehungen wiederbeleben
  • Was einige Beobachter als Horrorszenario beschreiben, birgt aber auch große Chancen

Die Eiszeit zwischen Erdogan und Putin ist nach dem Treffen in St. Petersburg - zumindest erstmal - vorbei.

Eines ist jetzt schon klar: Die wiederbelebte Beziehung zwischen Russland und der Türkei wird Europa noch lange beschäftigen. Ob der Staatenbund nun will oder nicht: Die EU muss sich damit abfinden, dass zwei Despoten an ihren Grenzen wieder gemeinsame Sache machen.

Und das muss nicht einmal eine schlechte Nachricht sein.

Was Putin und Erdogan beschlossen haben, ist auf den ersten Blick recht unspektakulär. Beide betonten das Interesse an einer besseren Beziehung der Länder. Wichtige wirtschaftliche Projekte werden wiederbelebt - die Eiszeit war vor allem für die Türkei eine Katastrophe. Statt vier Millionen reisten nur etwa ein Zehntel in die Türkei. Außerdem brach der Export von Obst und Gemüse ein.

Dennoch: Dass sich die beiden Länder so schnell wieder zusammengefunden haben, ist vorsichtig gesagt, ein kleines Wunder.

Nur zur Erinnerung: Beide Länder lieferten sich nach dem türkischen Abschuss eines russischen Jets im Grenzgebiet zu Syrien Ende November auch verbal eine scharfe Auseinandersetzung.

"Entspannung ist gute Nachricht für Deutschland und die EU"

Noch im Dezember nannte Putin die Türkei ein "verräterisches Regime". Putin warf Erdogan vor, den IS zu unterstützen.

"Die Eiszeit hat Russland und die Türkei an den Rand eines Krieges gebracht. Eine Entspannung ist deswegen eine gute Nachricht für die EU und Deutschland", sagt etwa der Russlandbeauftragte der Bundesregierung Gernot Erler (SPD) der Huffington Post. Der Frieden in Europa ließe sich ohne eine Zusammenarbeit der beiden Länder gar nicht sichern.

Der deutsche Außenminister begrüßt die Entspannung ebenfalls. "Es ist gut, dass es nach dem Abschuss eines russischen Kampfflugzeugs durch die Türkei im vergangenen Jahr wieder eine Annäherung gibt", sagte Frank-Walter Steinmeier (SPD) der "Bild".

Die Hoffnung der Bundesregierung: Russland und die Türkei fangen endlich an, sich auf eine gemeinsame Linie in Syrien zu einigen. Durch den Bürgerkrieg fliehen immer noch Tausende aus dem Land. Der Konflikt gilt als Auslöser der Flüchtlingskrise. Dort kann es nicht voran gehen, ohne dass sich Assad und Putin einig werden.

"Annäherung bedeutet noch lange keine Allianz"

Denn die beiden haben gegenseitige Interessen. Putin will Diktator Assad stützen, Erdogan würde den syrischen Staatschef am liebsten stürzen.

"Meine Erwartung ist, dass die Türkei und Russland auf dem Treffen den Weg zu einer Verhandlungslösung bahnen", sagt Russlandbeauftragter Erler. Sowohl in Ankara als auch in Moskau habe man gelernt, dass Assad nur eine Übergangslösung sein kann.

Die Sorge, dass sich Putin und Erdogan zu einer mächtigen Allianz zusammenschließen könnte, hält er für überzogen.

"Eine Annäherung bedeutet noch lange nicht, dass Putin und Erdogan eine Allianz schmieden", sagt Erler. "Dafür sind die genannten Interessenkonflikte noch zu groß." Außerdem könne weder Putin noch Erdogan eine Allianz plötzlich der eigenen Öffentlichkeit und der Bevölkerung zumuten: "Dafür haben sie den jeweils anderen zu lange zu sehr als Feindbild gezeichnet."

Beobachtern zufolge könnte Erdogan eine weitere Annäherung an Moskau dazu nutzen, um seine Position in diversen Streitigkeiten mit den USA und der EU zu stärken und aus der Nato auszutreten.

Steigt die Türkei jetzt aus der Nato aus?

So fordert die Türkei von den USA, den Prediger Fethullah Gülen auszuliefern. Ihn sieht Erdogan als Drahtzieher des Putsches an. Mit der EU herrscht große Verstimmung, unter anderem wegen der Kritik an Erdogans Vorgehen gegen mutmaßliche Unterstützer des Putsches.

Auch droht Ankara damit, den Flüchtlingspakt mit Brüssel platzen zu lassen, falls die Visafreiheit nicht in absehbarer Zeit gewährt wird.

Brüssel sollte das gelassen hinnehmen. Fakt ist: Nur, weil Erdogan mit Putin alte Liebschaften aufwärmt, ist das noch lange keine Kriegserklärung an die EU.

Ganz im Gegenteil. Ohne Russland als Partner ist die Türkei unberechenbar, nicht mit. Die Türkei ist ohne Russland ziemlich alleine in der westlichen Welt. Das hat man in den vergangenen Monaten auch gesehen: Erdogan zündete immer weitere Eskalationsstufen im Verhältnis zur EU, um sich seinen Einfluss zu wahren.

Mit Russland an seiner Seite könnte sich Erdogan also wieder beruhigen.

Das zumindest ist zu hoffen.

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