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Türkische Gemeinde: „Erdogan gibt Deutschtürken das Gefühl der Ehre zurück"

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ERDOGAN FLAG
Türkische Gemeinde Deutschland: „Erdogan gibt Deutschtürken das Gefühl der Ehre zurück" | Murad Sezer / Reuters
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  • Deutsche und Deutschtürken verstehen einander nicht mehr
  • Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland erklärt, was dahintersteckt
  • Er wirft vielen Deutschen Diskriminierung vor
  • Einem Teil der Deutschtürken attestiert der Verbands-Funktionär dagegen Scheinheiligkeit

Fast vier Wochen liegt der Putschversuch in der Türkei zurück. Vier Wochen Zeit also für Deutschland mit seiner drei Millionen umfassenden türkischen Community, die Erschütterung zu verarbeiten und sich zu überlegen, wie es weitergehen soll.

Tatsächlich ist das Gegenteil passiert.

Der Schreck hat sich in Aggression verwandelt. Anhänger des zunehmend diktatorisch agierenden türkischen Präsidenten rufen auch hier zur Jagd auf die „Terroristen“ auf, demonstrieren zu Zigtausenden. Deutsche Politiker gehen mit scharfen Worten auf Distanz. Ratlosigkeit auf allen Seiten, wie man nun zusammenleben soll.

Die Huffington Post hat mit Gökay Sofuoğlu gesprochen. Er ist Bundesvorsitzender der Türkischen Gemeinde Deutschland, einer Dachorganisation vieler türkischer Verbände in Deutschland. Er versteht beide Seiten, er ist in der Türkei geboren und lebt seit 1980 in Deutschland. Und er glaubt, dass der Schlüssel zum Verstehen in der Vergangenheit liegt.

"Egal, wie gut ich ausgebildet bin, werde ich immer nur als Türke gesehen"

„Die Spannungen zwischen Türken und Deutschen gibt es nicht erst seit dem versuchten Putsch“, sagt er. „Sie kommen jetzt nur stärker zum Tragen.“

„Viele haben das Gefühl: Egal, was ich mache, egal, wie gut ich ausgebildet bin, werde ich immer nur als Türke gesehen“, sagt Sofuoğlu. Er denke hierbei etwa "an das Kommunalwahlrecht, die doppelte Staatsbürgerschaft, die Diskriminierung auf der Wohnungssuche, in der Arbeitssuche und Aufklärung der NSU-Morde.“

Vor zwei Monaten sei dann die Armenien-Resolution beschlossen worden. Diese habe „einen Vertrauensverlust gegenüber der deutschen Politik“ bewirkt.

Der Bundestag hatte den Völkermord durch das Osmanische Reich offiziell als Genozid benannt – und auch die Mitverantwortung Deutschlands thematisiert. Die Regierung unter Recep Tayyip Erdogan protestierte heftigst. „Die türkische Community hat sich nicht berücksichtigt und schlecht informiert gefühlt und das als einen Beschluss gegen sich verstanden.“

Viele Türken fühlen sich als Menschen zweiter Klasse verunglimpft

Viele Türken fühlten sich so minderwertig, als Menschen zweiter Klasse. Der Religionssoziologe Detlef Pollack hat das kürzlich in einer großen Studie belegt.

„Dieses Gefühl der Minderwertigkeit hat Erdogan sehr gut für sich genutzt“, sagt Sofuoğlu. „Erdogan gibt Deutschtürken das Gefühl der Ehre zurück.“

Erdogan vertritt die türkischen Interessen – Kritiker sagen, seine eigenen Interessen – überaus selbstbewusst im Ausland. Er wehrt sich zum Beispiel dagegen, von der Europäischen Union als Bittsteller behandelt zu werden. Er kämpft gegen jede Kritik an – völlig egal, von wem und warum.

Und er hat etwas geschafft in der Türkei. „Die Menschen fahren zu ihren Verwandten in die Türkei und sehen, dass sich das Land wirtschaftlich entwickelt“, sagt Sofuoğlu. „Sie sehen, was sich in der Wirtschaft, im Straßenbau unter Erdogan getan hat.“

Außerdem werbe die Regierungspartei AKP intensiv im Ausland, veranstalte etwa kostenlose Sommerschulen für Türkeikunde. "Im Alltag der Türkeistämmigen sind deutsche Politiker nicht präsent. Das führt unter anderem dazu, das sich viele Türkischstämmige mehr mit der türkischen Politik identifizieren als mit der deutschen.“

"Das ist scheinheilig"

Das ist Sofuoğlus Erklärung dafür, wie es zu dem gekommen ist, was wir etwa in Köln gesehen haben. Glücklich ist er damit aber ganz und gar nicht.

Die Menschenrechtsverletzungen in der Türkei, sagt er, wollten viele Deutschtürken nicht sehen. „Das ist scheinheilig.“

Gleicher Maßstab für alle

Es könne nicht sein, dass sie in Deutschland ihr Recht auf freie Meinungsäußerung einforderten, aber auf der anderen Seite Erdogans Politik gegenüber Demonstranten im Gezipark bejubelten. „Man muss in der Bewertung schon den gleichen Maßstab anlegen.“

Und jetzt? Wie kommt Deutschland raus aus dieser schwierigen Situation? Denn die Bundesrepublik und alle, die hier leben, müssen zweifelsohne das Problem lösen. Es gibt keine Alternative.

Reden, reden, reden

Sofuoğlu findet, Deutsche, Deutschtürken und Türken müssten reden, reden, reden. Aber nicht polarisieren – wie es beide Seiten derzeit täten.

Von den Deutschen wünscht er sich, dass sie Türken nicht auf das "Türke-Sein reduzieren“.

Konkret könne das heißen, im Beruf Türken nach ihrem akademischen Grad zu bewerten. Nicht nach ihrem Namen. Da sei auch der Staat gefragt. Im öffentlichen Dienst gebe es kaum Migranten in Führungspositionen. „Es kann nicht sein, dass alle Migranten so doof sind.“

Nicht gleich mit Rausschmiss drohen

Konkret könne das heißen, dass die deutsche Politik nicht mit dem Zeigefinger auf Türken zeigen solle, wenn ihr eine Entwicklung missfalle und dann mit dem Rausschmiss aus Verhandlungen oder Gremien drohe.

So hatte etwa Rheinland-Pfalz Ende vergangener Woche angekündigt, Verhandlungen etwa mit dem Moscheeverband Ditib einzustellen, der vom türkischen Religionsministerium gelenkt wird.

"Mehr Ehrlichkeit, mehr Konsequenz"

Umgekehrt erwartet Sofuoğlu auch von Türkeistämmigen „mehr Ehrlichkeit, mehr Konsequenz“. Deutschland hat eine der besten Verfassungen der Welt. Das sollte man wertschätzen lernen. Es könne nicht sein, dass man hier mehr Rechte fordere, aber Menschen, die genau das in der Türkei fordern, als Terroristen beschimpfe.

Und er wünscht sich, dass Erdogan und die Türkei nicht immer gleichgesetzt werden: „Erdogan zu kritisieren heißt nicht, die Türkei abzulehnen.“

Eine Differenzierung, über die wohl Deutsche und Türken nachdenken sollten.

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