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HuffPost-Live mit Henryk M. Broder: "Ich bewundere Erdogan"

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  • Im Live-Gespräch holt Publizist Henryk M. Broder zum Rundumschlag aus
  • Die EU vergleicht er mit der Sowjetunion, die Integration der Türken sei gescheitert

Er ist einer von Deutschlands wortstärksten Publizisten und Buchautor Deutschlands, betreibt die Plattform "Die Achse des Guten": Henryk M. Broder.

In den vergangenen Wochen nahm er in seinen Kolumnen immer wieder kontrovers Stellung zu Themen rund um die Türkei.

Nach der Pro-Erdogan-Demo in Köln sagte er, dass "Türken auf einem anderen Planeten leben". Als Deutschland über den Fall Böhmermann stritt, sagte er: "Erdogan hat es verdient, beleidigt zu werden." Und vor wenigen Tagen forderte er Asyl für jene Türken, die Erdogan stören.

Auch im HuffPost-Livegespräch holte er zum Rundumschlag aus.

Sorgen bereite Broder, dass Russland und Türkei sich annähern. "Die Vorstellung, von zwei Despoten abhängig zu sein – Erdogan hier, Putin dort – ist mir schon schwerst unheimlich", sagte der Publizist.

"Erdogan ist ein Despot"

Über Erdogan sagte er im Gespräch mit der Huffington Post: "Er ist das Allerschlimmste, was Europa passieren konnte. Aber ich bewundere ihn, weil er völlig rücksichtslos unsere ganzen Phrasendrescher vorführt", sagte Broder.

Bei den EU-Beitrittsverhandlungen treffe er auf völlig hilfloses Personal in Brüssel, die weiterhin an den Verhandlungen festhalten wollen. "Das ist das Milieu, das sich jeden Tag fragt: Wie konnte Hitler passieren? Und die selben Pappnasen sagen, man könne weiter mit Erdogan reden. Ich werde manchmal verrückt bei sowas."

Broder hält es für wahrscheinlich, dass Erdogan den Putsch inszeniert hat - "es ist doch seltsam, dass in der Nacht darauf schon alle Putschisten verhaftet werden konnten". Und jetzt regiere Erdogan durch - er mache also das, was Merkel in Deutschland angekündigt habe.

Kritisch beobachtet Broder seit Monaten den "Alarmmodus", in dem sich Deutschland befindet. In seinem Buch "Die letzte Tage Europas" beschreibt er die These, dass die europäische Idee eine "kleinteilige, in Frage stellende Ideologie" geworden ist.

"Wir leben seit drei Jahren im Alarmmodus. Ich dachte, wir hätten den Höhepunkt des Irrsinns mit der Griechenlandkrise erreicht. Mitnichten. Wir erwarten ständig eine neue Krise“, sagte Broder im Gespräch mit der Huffington Post.

Er forderte einen Wechsel im Kanzleramt – "je eher, desto besser“. Gabriel allerdings hält er für das Amt für ungeeignet.

"Er hat seinen ganzen Kredit als Merkels Aktentaschenträger verspielt“, sagte Broder. Außerdem spreche er von "Pack und Pöbel“ – so könne man Menschen nicht bezeichnen, die einem nicht bequem sind.

"Gabriel hat von Sozialdemokratie keine Ahnung"

In Interviews spiele er den starken Mann, am Kabinettstisch sitze er mit Merkel lächelnd und flirtend. "Ich glaube, er hat von Sozialdemokratie keine Ahnung.“

Broder hofft auf eine "Palastrevolution bei der SPD". "Vielleicht kommt jemand, mit dem wir nicht rechnen", mutmaßt er.

Der Publizist beklagt, dass Politiker aller Coleur die Bevölkerung "viel zu lange über den Tisch gezogen haben.“ Auf dieses Thema ging er auch in einer viel diskutierten Kolumne für die "Welt" ein. Dort schrieb er: "Der Bürger mag nicht alle komplizierten politischen Details kennen. Aber er ist sehr wohl in der Lage, die Parolen mit dem abzugleichen, was er vor der eigenen Haustür erlebt."

Der Huffington Post sagte der Publizist: Dass das "Wir schaffen das" nicht funktioniere, merke das Volk. "Es ist nicht dumm. Leute sind vielleicht nicht so artikulationsfähig, aber durch das Internet viel häufiger im Stande, sich auszutauschen als noch in der Dorfrepublik vor dreißig Jahren."

"Kleine Pogrome"

Es gebe zu viele politische Baustellen in Deutschland, etwa das Bildungswesen, Kinderarmut und die wacklige Rente. Hinzu kämen offensichtliche Probleme bei der Integration. Die Verfolgung von vermeintlichen Gülen-Anhängern in Deutschland von Türken bezeichnet er als "kleine Pogrome“.

"Sie können das auf dem Boden der Bundesrepublik tun, weil wir uns nicht eingestehen wollen, dass die Integration der Türken in Deutschland gescheitert ist.“

Scharfe Kritik übte Broder an der EU - ebenfalls Thema seines vor einem Jahr erschienen Buches.

Der Staatenbund befände sich in einem Zustand wie die Sowjetunion kurz vor ihrer Auflösung. "Die Sowjetunion hat alles getan, um den Laden zusammenzuhalten“, sagte Broder. Das Zusammenbleiben sei der einzige Zweck des Zusammenbleibens – ein hilfloses Festhalten an einem System, das nicht funktioniert.

"Das System ist nicht mehr belastbar"

"Es wird entweder zu einer Explosion oder Implosion kommen. Irgendwann ist das System nicht mehr belastbar“, so Broder. "Eines Morgens wachen wir auf und die irgendwas ist anders. Wir können etwa unser Geld nicht mehr abheben. Wie in Griechenland. Nur schlimmer."

Das HuffPost-Live-Interview könnt ihr hier in ganzer Länge sehen:

Publizist Henryk M. Broder im Interview über Deutschlands radikalen politischen Wandel.

Posted by Huffington Post Deutschland on Montag, 8. August 2016

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(lk)