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Liebe Linke: Hört auf, euch um Transgender-Toiletten zu streiten - bekämpft endlich die Armut in diesem Land!

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Liebe Linke: Hört auf, Euch um Transgender-Toiletten zu streiten - bekämpft endlich die Armut in diesem Land! | dpa / getty
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Liebe Linke!

Ende März hat der Asta der Bergischen Universität Wuppertal bundesweit für Schlagzeilen gesorgt. Auf den Herrenklos (und komischerweise nur da) legten Studierende Beutel mit Tampons aus. Dazu schrieben sie, in Sachen Satzstellung und Interpunktion nicht ganz stilsicher: „Die Tampons auf dieser Toilette sind für unter anderem trans*, inter und nonbinary Personen gedacht und stehen deshalb bewusst auch hier zur Verfügung.“

Ihr habt Euch wahrscheinlich gedacht, dass das grundsätzlich eine gute Aktion ist. Minderheitenschutz, und so. Der andere Teil der Republik hat wahlweise mit dem Kopf geschüttelt oder sich über den Wuppertaler Asta schlappgelacht.

Das Problem ist nicht Eure Haltung. Und auch nicht die der anderen - man muss zumindest anerkennen, dass man zwei Wochen nach den Wahltriumphen der AfD in Sachsen-Anhalt und Baden-Württemberg durchaus andere politische Kämpfe hätte austragen können.

Ihr seid zu fixiert auf Minderheitenrechte

Das Problem ist, dass sich beide Seiten überhaupt nicht mehr verstehen. Und daran tragt Ihr eine gehörige Mitschuld. Euch ist das Verständnis für die Alltagsprobleme in diesem Land verloren gegangen.

Natürlich ist der Kampf für Minderheitenrechte richtig. Er steht für die konsequente Umsetzung der im Grundgesetz verbürgten Freiheitsrechte für alle Menschen, die in diesem Land leben. Aus moralischer Sicht ist dagegen erst einmal nichts einzuwenden.

Was jedoch auffällt, ist die Fokussierung besonders junger Linker auf diese Themen. Der Parteienforscher Wolfgang Merkel kritisierte das jüngst in einem Interview mit der Online-Ausgabe von „Zeit Campus“.

Junge Linke haben den Bezug zur Unterklasse verloren

Der Bezug auf religiöse, ethnische und sexuelle Minderheiten sei das vorrangige Anliegen der jungen Progressiven in diesem Land geworden, die sich zudem immer weniger in Parteien, sondern eher in zivilgesellschaftlichen Organisationen wie Amnesty International, Attac oder den verschiedenen Umweltorganisationen engagiere.

Merkels Fazit: „Die junge, intellektuelle Linke hat den Bezug zu der Unterklasse im eigenen Land fast gänzlich verloren. Da gibt es vonseiten der Gebildeten weder eine Sensibilität noch eine Aufmerksamkeit und schon gar keine Verbindungen mehr.“

In eine ähnliche Richtung geht ein Essay der Autorin Elisabeth Raether, das vergangene Woche in der Wochenzeitung „Die Zeit“ erschien.

Sie schreibt, aus Sicht der liberalen urbanen Elite, die über die Modernisierungsverlierer nur zu gern spottet: „Wir haben die Toleranz erfunden, also definieren wir sie jetzt auch. Herausgekommen ist eine unantastbare Herrschaft des Richtigen, also unsere Herrschaft. (…) Doch Klassen haben wir nicht abgeschafft. Wir haben uns nur an die Spitze der Klassengesellschaft gesetzt, und jetzt kommt es uns so vor, als hätten sich alle Schranken geöffnet.“

Akademiker fühlen sich als "Anwälte" der vermeintlich Schwächeren

Tatsächlich, liebe Linke, ist an diesen Worten etwas Wahres dran. Die Fixierung auf Minderheitenrechte entstammt einer sehr elitären Haltung – der nämlich, das scheinbar alle anderen wichtigen sozialen Fragen dieser Zeit gelöst sind.

Der Kampf für mehr Gerechtigkeit ist immer ein Kernthema der Linken gewesen. Er entspringt der Arbeiterbewegung und ihrem jahrzehntelangen Kampf gegen Ausbeutung und Unterdrückung von wirtschaftlich schlechter Gestellten. Es war der Kampf einer Bewegung für die eigenen Rechte, der bisweilen von jenen unterstützt wurde, die durch Bildung zu besseren Chancen gekommen waren.

In der SPD besetzten Arbeiter und Handwerker noch vor 50 Jahren entscheidende Positionen. Doch damit war es nach 1968 vorbei, als Zehntausende Studentenbewegte die Sozialdemokratie kaperten. Und die „neuen sozialen Bewegungen“ der 70er-Jahre (die Anti-Atom-Bewegung, Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen) waren schon von Anfang an die Sache der Bessergebildeten.

Der Kampf für mehr Gerechtigkeit war nun kein Eigenanliegen mehr, sondern viel mehr ein anwaltschaftliches Projekt. Akademiker ergriffen Partei für jene, die es vermeintlich nicht so leicht haben. Und je weiter die sozialen Milieus in ihrer Lebenswirklichkeit auseinander drifteten, desto schwerer schien es Euch Linken zu fallen, die Probleme der wirtschaftlich Schwächeren in diesem Land zu erkennen.

Ihr könnt die Probleme der anderen nicht mehr erkennen


Vielleicht lässt sich so erklären, warum Ihr Euch seit vielen Jahren nun schon für jene engagiert, bei denen Ihr in Eurer eigenen Alltagswelt die Probleme erkennen könnt.

Der homosexuelle Freund etwa, der zwar seinen Partner liebt, ihn aber nicht heiraten darf und auch keine Kinder mit ihm zusammen adoptieren kann. Religiöse Minderheiten, denen Ihr bei Eurer Arbeit in Menschenrechtsgruppen begegnet. Oder eben den Transgender-Menschen, denen Ihr in aller moralischer Konsequenz zur Gleichstellung verhelfen wollt.

Was darüber verloren gegangen ist, das ist ein Bild von dem ganzen Deutschland, in dem Ihr lebt. Und das ist eine brandgefährliche Entwicklung. Ihr kämpft nur noch dort für Gerechtigkeit, wo es Euch opportun erscheint. Und dann seid Ihr bass erstaunt, wenn Euch „Verlogenheit“ und „doppelte Standards“ vorgeworfen werden - bei Eurem gigantisch hohen und stets nach außen getragenen moralischen Anspruch, den Ihr an ALLE Mitbürgern anlegt?

Ihr habt Dutzende Begriffsdefinitionen zur Hand, wenn es um die korrekte Anrede von „People of Color“, „Geflüchteten“ oder „LGBTQA“-Menschen geht. Aber Ihr seid sprachlos und bisweilen beleidigend, wenn wirtschaftlich schwächere Menschen Eure Wertvorstellungen nicht annehmen wollen.

Dann sprecht Ihr von „Assis“ oder „Prolls“, ganz so, als seien alle Armen potenzielle Minderheitenhasser. Das ist letztlich Eurerseits auch eine Form von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit – in der Soziologie wird die Diskriminierung von Ärmeren als „Klassismus“ bezeichnet.

Die AfD profitiert

Dieser riesengroße blinde Fleck macht Euch angreifbar. Und genau in diese Kerbe schlagen dann die rechten Sammelbewegungen wie Pegida oder auch, als Partei, die AfD.

Wundert es Euch, warum Donald Trump bei der ärmeren weißen Bevölkerung in Amerika ein solch unerschütterliches Vertrauen genießt? Warum die Linkspartei bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt so massiv an die AfD verloren hat?

Wenn Ihr so weiter macht, dann war das erst der Anfang.

Sigmar Gabriel und Sahra Wagenknecht lagen falsch, als sie in den frühen Tagen von Pegida dafür plädierten, die angeblichen Ängste und Sorgen der demonstrierenden Ausländerfeinde vor „Islamisierung“ und „Überfremdung“ ernst zu nehmen.

Das Problem liegt viel tiefer: Wir sprechen in diesem Land nicht mehr die gleiche Sprache. Wir verstehen einander nicht mehr, der Respekt für andere Lebenswirklichkeiten ist verloren gegangen. Und ja, der Kapitalismus hat daran eine Mitschuld.

Genau da müssen wir ansetzen. Sonst können wir uns den Kampf um Minderheitenrechte auch gleich sparen: Denn dann droht für alle die Freiheit den Bach runter zu gehen.

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(lp)