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Das passiert später mit Kindern, die lange Windeln tragen

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KINDER WINDELN
Auch wenn Kinder erst mit vier Jahren windelfrei werden, ist dies nach Ansicht von Pädagogen kein Problem | Gettystock
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Es ist ein Satz, den so manche Eltern in dieser oder einer ähnlichen Form kennen dürften. Das eigene Kind erklimmt die Leiter der Rutsche, das T-Shirt geht nach oben und kaum kommt die Windel zum Vorschein, beeilt sich die Mama neben einem zu sagen: "Was, Ihr Kleiner ist noch nicht sauber? Mein Junge braucht schon seit er eineinhalb ist keine Windel mehr."

Blöde Kuh. Klar. Aber irgendwann kommt Papa oder Mama vielleicht doch ins Grübeln. Darf ein Zweijähriger noch eine Windel tragen? Wie soll das weitergehen? Die elterlichen Sorgen wachsen schnell.

Doch liebe Eltern, sorgt euch nicht: Es ist vielleicht teuer, mitunter zeitintensiv und nicht ökologisch, wenn der Sohn oder die Tochter länger als andere Kinder eine Windel tragen. Aber um deren Entwicklung müsst ihr euch nach Expertenansicht in den ersten fünf Lebensjahres des Kindes deshalb keine Sorgen machen.

Expertin Gerszonowicz: "Entspannter Umgang" mit der Sauberkeits-Erziehung

Eveline Gerszonowicz, wissenschaftliche Referentin des Bundesverbands der Kindertagespflege, rät Eltern bei der Sauberkeits-Erziehung "zu einem entspannten Umgang".

Prinzipiell gelte: Die Kinder seien in ihrer Entwicklung sehr unterschiedlich.

Kinder haben keine Nachteile, wenn sie länger Windeln tragen

Wenn die Kinder mit drei oder vier Jahren noch nicht sauber seien, bräuchten sich die Eltern keine Sorgen machen, versichert die Pädagogin im Gespräch mit der Huffington Post: "Die Kinder haben dadurch keine Nachteile und werden dadurch auch nicht dümmer."
 
Wenn ein Kind mit fünf Jahren noch in die Windel mache, sollten die Eltern jedoch zum Kinderarzt gehen. "Manchmal gibt es schlicht physische Probleme", weiß der Experte.

Besorgte Eltern jüngerer Kinder beruhigt sie: Es gebe mitunter auch intelligente Jungen und Mädchen, die länger eine Windel bräuchten als andere Kinder. "Manche machen dafür in dieser Zeit vielleicht gerade in einem anderen Bereich ihrer Entwicklung einen enormen Sprung", sagt Gerszonowicz.

"Kinder werden nicht dümmer"

Auch der Erziehungs-Experte Sascha Schmidt, Seminarleiter bei der Erziehungswerkstatt Family Lab, sagt der Huffington Post: „Kinder, die erst im Alter von drei oder vier Jahren windelfrei sind, sind nicht dümmer und haben später auch keinen Nachteil.“

Zwar könne es ein Problem bei der Kindergartensuche geben, so Schmidt. Denn noch immer gibt es Einrichtungen, die nur windelfreie Jungen und Mädchen aufnehmen. „Aber die Kinder machen ja nichts falsch, wenn sich ihr Umfeld nicht kindgerecht verhält.“

DDR-Verhältnisse in einzelnen Kitas?

Früh sauber werden. In der DDR oder im Dritten Reich war es unerlässlich, dass ein deutscher Junge früh aufs Töpfchen geht. Gott sei Dank ist Deutschland hier zwar auf einem guten Weg. Doch noch ist die deutsche Gesellschaft in dieser Frage von der in Ländern wie Schweden oder Finnland weit entfernt. In Skandinavien herrscht bei Eltern oder Erziehern schon einmal das Motto herrscht „Irgendwann wird jedes Kind sauber“.

Noch immer herrscht auf zu vielen deutschen Kinder-Klos der pure Zwang. Dabei schreibt etwa Wissenschafts-Journalistin Nicola Schmidt in ihrem Erziehungs-Bestseller „artgerecht": „Das wichtigste an Windelfrei ist, dass es allen Spaß macht!“ Die Eltern sollten stets „entspannt bleien“.

Bestes Alter zum windelfrei werden für viele Kinder zwischen zwei und drei Jahren - doch alle Kinder sind verschieden

Doch wann ist das richtige Alter für die Kleinen, um aufs Töpfchen zu gehen? Pädagogin Gerszonowicz hält hierfür das Alter zwischen zwei und drei Jahren für „ideal“. Davon, zu versuchen, die Kinder bereits vor dem 18. Lebensmonat windelfrei zu bekommen, rät sie ab. „Es braucht bestimmte psychische und physische Voraussetzungen, die erfüllt sein müssen, damit ein Kind selbst auf die Toilette gehen kann.“ 

Für die Erziehungs-Expertin ist klar: Die Eltern sollten ihren Nachwuchs keinesfalls zwingen, auf das Klo oder das Töpfchen zu gehen. „Ein guter Zeitraum zum Sauberwerden sei der Sommer.“ Da seien die Kinder locker gekleidet. Eine Hose oder ein Body sei ja schnell gewaschsen. „Man braucht die Kinder da auch nicht speziell schulen“, sagt die Pädagogin.

Spezielle Töpfchen schaden nicht

Spezielle Kinder-Toilettendeckel können hilfreich sein. Auch lustige Farben und Formen der Töpfchen schaden nicht.

Der Düsseldorfer Kinderarzt Hermann Josef Kahl empfiehlt, das Kind tagsüber immer wieder auf das Töpfchen zu setzen. In der Regel dauere es etwa acht Wochen, bis das Kind zumindest tagsüber keine Windel mehr braucht, sagte er gerade erst der Nachrichtenagentur dpa.

Die meisten Experten halten nichts davon, die Kinder, wenn diese aufs Töpfchen gehen, zu belohnen. Sozialpädagogin Astrid Sult rät sogar von einem verbalen Lob ab. "Gemeinsames Freuen“ genügt, sagt Sult.

Erziehungs-Experte Schmid lehnt Belohnungen ebenfalls ab. „Bestrafungen oder Druck sind allerdings auch absolut kontraproduktiv.“ Wenn es einmal Rückfälle gebe, sei dies ganz normal, weiß er. "Geduld ist wichtig."

Und dann müssen manche Eltern wohl schlicht auch einfach lernen, nicht immer auf andere Papas und Mamas zu hören. Schließlich geht es ja nur um ihr eigenes Kind – und das hat immer bedingungslose Liebe verdient.

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(bp)