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Erdogan attackiert Deutschland bei Massenkundgebung - ein Dritter dürfte sich die Hände reiben

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  • Der türkische Präsident Erdogan nimmt kaum Rücksicht auf europäische Empfindlichkeiten
  • Bei einer Kundgebung mit Millionen Teilnehmern in Istanbul stellt er erneut die Todesstrafe in Aussicht - Deutschland wird heftig gescholten
  • Ein Dritter dürfte sich die Hände reiben
  • Der Text ist oben im Video zusammengefasst

Kurz vor einem Treffen mit Kreml-Chef Wladimir Putin hat der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan vor einem Millionenpublikum in Istanbul die Einheit des Landes beschworen und Deutschland scharf kritisiert.

Er warf den deutschen Behörden am Sonntagabend vor, "Terroristen zu ernähren" und kritisierte, dass er sich bei der türkischen Kundgebung in Köln am Sonntag vor einer Woche nicht per Videoleinwand zuschalten durfte.

Kurdischen Extremisten sei es dagegen in Deutschland erlaubt worden, bei einer früheren Veranstaltung in Köln per Videokonferenz zu senden.

Erdogan stellt Wiedereinführung der Todesstrafe in Aussicht

"Wo ist die Demokratie?", empörte sich Erdogan. "Sollen sie die Terroristen nur ernähren", sagte er. "Wie ein Bumerang wird es sie treffen."

Zudem stellte der türkische Präsident erneut die Wiedereinführung der Todesstrafe in Aussicht.

"So eine Entscheidung vom Parlament würde ich ratifizieren", sagte er vor jubelnden Teilnehmern der Kundgebung gegen den Putschversuch. Die EU hat für einen solchen Fall das Ende der Beitrittsverhandlungen angekündigt.

"Ich bin kein Despot oder Diktator"

Vorwürfe, er strebe in Folge des Putschversuches in seinem Land nach Alleinherrschaft, wies Erdogan zurück. "Ich bin kein Despot oder Diktator", sagte er dem Sender Al-Dschasira nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu.

Zugleich griff er erneut westliche Staaten an: "Der Westen hat uns nicht gezeigt, dass er gegen den Putsch ist. Sein Schweigen ist unentschuldbar."

Ein Vorwurf, der so nicht stimmt. Viele westliche Staaten hatten den Angriff des Militärs auf die Demokratie verurteilt - es aber vermieden, sich hinter Erdogan persönlich zu stellen. Schließlich ist sein Verständnis von Demokratie im Westen umstritten.

Putin und Erdogan treffen sich

Am Dienstag trifft Erdogan den Kreml-Chef in St. Petersburg. Die Türkei hatte Ende November einen russischen Bomber im Grenzgebiet zu Syrien abgeschossen. Moskau verhängte daraufhin massive Sanktionen etwa im Tourismus gegen Ankara.

Ende Juni hatte Erdogan dann in einem Brief sein Bedauern über den Zwischenfall bekräftigt. Bei dem Treffen will Erdogan mit seinem "Freund Wladimir" den bilateralen Streit nun endgültig beilegen, wie er der Nachrichtenagentur Tass sagte.

Gabriel: "Wir müssen mit diesem schwierigen Nachbarn klar kommen"

In Deutschland wächst unterdessen die Skepsis hinsichtlich der Entwicklung in der Türkei. Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) rechnet nach eigenen Worten nicht damit, dass die Türkei in den nächsten zehn oder 20 Jahren EU-Vollmitglied wird - denn auch die EU sei derzeit nicht in der Verfassung, "auch nur einen Kleinststaat zusätzlich aufzunehmen".

Trotzdem solle die EU weiter daran arbeiten, die Türkei auf europäische Standards zu bringen. Es mache "keinen Sinn, so zu tun, als ob wir nicht mit diesem schwierigen Nachbarn klar kommen müssen", sagte er im ARD-Sommerinterview.

In Deutschland wurden unterdessen Rufe laut, den Einfluss des von Ankara kontrollierten Moscheen-Dachverband Ditib einzuschränken. "Meines Erachtens sollte man es nicht zulassen, dass ein Verband wie Ditib, der offenbar Sprachrohr von Präsident Erdogan ist, den islamischen Religionsunterricht in Schulen gestaltet", sagte Unionsfraktionschef Volker Kauder den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

Ähnlich äußerte sich die kirchen- und religionspolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, Kerstin Griese.

Rheinland-Pfalz hatte am Freitag als erstes Bundesland angekündigt, die Verhandlungen mit Ditib zu stoppen.

PKK war von Kundgebung ausgeschlossen

Erdogan dankte bei der "Demokratie- und Märtyrer-Versammlung" in Istanbul den anwesenden Oppositionsvertretern für ihre Teilnahme. Zu der Veranstaltung waren auf Einladung des Präsidenten auch Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu von der Mitte-Links-Partei CHP und der Chef der ultranationalistischen MHP, Devlet Bahceli, gekommen.

Nicht eingeladen wurde die pro-kurdische HDP. Erdogan wirft der zweitgrößten Oppositionspartei im Parlament Verbindungen zur verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK vor.

Aus türkischen Regierungskreisen hieß es, an der Großkundgebung hätten auf dem Veranstaltungsareal in Yenikapi und in der Umgebung rund fünf Millionen Menschen teilgenommen. Anwesende sprachen zwar ebenfalls von einem Millionenpublikum, hielten fünf Millionen allerdings für zu hoch gegriffen.

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(sk)