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So agieren Erdogans Handlanger in Deutschland - und so finanzieren sie sich

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ERDOGAN COLOGNE
So agieren Erdogans Handlanger in Deutschland - und so finanzieren sie sich | Thilo Schmuelgen / Reuters
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Der Islamische Dachverband Ditib steht derzeit in der Kritik. Kritiker sehen in ihm ein Propagandainstrument des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Doch stimmt das? Wer steckt hinter Ditib und wie finanziert sich der Verein?

Hier die 4 wichtigsten Fragen und Antworten.

1. Wer oder was ist eigentlich Ditib?

Ditib ist die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion. Der bundesweite Dachverband ist ansässig in Köln. Er koordiniert die Tätigkeit der ihm unterstehenden türkischen Moscheengemeinden. Deutschlandweit sind das über 900.

Nach eigener Darstellung vertritt Ditib somit etwa drei Viertel der Muslime in Deutschland.

Ditib wiederum untersteht dem türkischen Religionsministerium Diyanet und so dem türkischen Ministerpräsidenten, Binali Yıldırım. Yıldırım ist AKP-Politiker und ein enger Vertrauter Erdogans. Er kam im Mai ins Amt, als der Druck des Präsidenten seinen Vorgänger Ahmet Davutoglu zum Rücktritt zwang.

Die Imame, die in den Ditib-Moscheen predigen, werden zum Teil in der Türkei ausgebildet und von der türkischen Regierung bezahlt. Immer wieder wird Skepsis über diese “Import-Immame” laut.

Ditib war nach dem versuchten Coup unter anderem deswegen in Deutschland in die Kritik geraten, weil die Imame in ihrer bundesweit einheitlichen Freitagspredigt im Sinn der türkischen Regierung Stellung genommen hatten.

Außerdem hatten Journalisten des Magazins "Report Mainz" recherchiert, dass einzelne Ditib-Imame Erdogan-Kritiker als "Vaterlandsverräter" nicht mehr in ihren Moschee haben wollten.

2. Wo übt der Verband Einfluss aus?

Neben dem großen Einfluss, den Ditib so auf das religiöse Leben der deutsch-türkischen Bevölkerung ausübt, fällt der Verband besonders als bildungspolitischer Akteur auf.

In Hessen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen hat Ditib Mitspracherecht beim Religionsunterricht der Schulen. Hessen hat als erstes Bundesland 2013 den islamischen Religionsunterricht eingeführt.

Ditib erstellt hier etwa in Zusammenarbeit mit dem Kultusministerium Lehrpläne, überprüft die Islamlehrer und erteilt ihnen die Lehr-Erlaubnis.

Abdel-Hakim Ourghi von der Universität Freiburg erklärte “Focus Online” kürzlich: "Ditib gestaltet so die Lehrpläne aktiv mit und bestimmt die Inhalte, die an den Schulen im islamischen Religionsunterricht gelehrt werden. Das ist insofern gefährlich, als dass dadurch ein sehr einseitiger Islam gelehrt wird. Dieser geht an der Realität der Kinder und Jugendlichen vorbei.“

Die Ethnologin Susanne Schröter von der Goethe Universität Frankfurt am Main befürchtet, dieser Einfluss könnte in Zukunft hochgradig problematisch werden.

Dem Deutschlandfunk sagte sie: "Ditib hängt am türkischen Religionsministerium. Das türkische Religionsministerium wandert immer weiter in eine islamistische Ecke. In eine konservative, autoritäre Ecke.”

Zudem macht Ditib auch Politik. In Hamburg etwa besteht ein Staatsvertrag zwischen der Freien Hansestadt und dem Ditib-Landesverband. Er regelt das Zusammenleben der Muslime und der anderen Religionsgruppen im Bundesland.

Eine durchaus brisante Geschichte. Denn damit wird der türkisch-sunnitische Islamverband mit Nähe zur AKP-Regierung zum rechtmäßigen Vertreter der hier lebenden Muslime.

In Niedersachsen gibt es ähnliche Bestrebungen einen Staatsvertrag zu schließen. Ditib als Verhandlungspartner steht - spätestens seit dem Hinüberschwappen der türkischen Konflikte seit dem Militärputsch vom 15. Juli - massiv in der Kritik.

3. Was sind die Positionen des Verbandes?

Wie regierungstreu Ditib ist, zeigte sich kurz vor der Armenien-Resolution des Bundestags. Damit sollten die Massaker an den Armeniern im Osmanischen Reich vor gut 100 Jahren als Völkermord klassifiziert werden.

Ditib stand ganz oben auf der Liste der Unterzeichner eines offenen Briefs an alle Bundestagsabgeordneten, in dem es hieß: "Ein solcher, auf politischen Motiven basierender Beschluss würde auch die Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei tiefstens erschüttern".

Rund 1000 Imame in Deutschland wurden direkt von der türkischen Regierung entsandt.

Auch nach der Putschnacht vom 15. Juli zeigte sich ihre klare Erdogan-nahe Linie. In der Freitagspredigt hieß es damals etwa: "Wir sind Zeuge davon geworden, dass durch die Hand von internen und externen Bösen sowie einer unseligen Struktur ein Putschversuch gegen die Unabhängigkeit unseres Volkes und der Demokratie unseres Landes unternommen wurde.”

Deutsche Politiker kritisierten daraufhin den politischen Tenor der religiösen Botschaft.

Ditib bekannt sich zwar offiziell zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung und zum Grundgesetz. Kritiker sind sich jedoch sicher: Der Islam, den der Verband vertritt und lehrt, sei äußerst konservativ ausgelegt.

Der Leiter des Fachbereichs Islamische Theologie der Pädagogischen Hochschule Freiburg, Abdel-Hakim Ourgh, kritisierte bereits im vergangenen Jahr: „Eine Auseinandersetzung mit problematischen Koranversen findet nicht statt.“ Das Religionsverständnis sei rückständig, “vom Islam des 7. Jahrhunderts geprägt”, sagte er bei anderer Gelegenheit.

Immer wieder kam es in der Vergangenheit zu Zwischenfällen mit radikalen Dschihadisten in Ditib-Moscheen. In Dinslaken-Lohberg traf sich etwa die “Lohberger Brigade”, eine Gruppe von etwa 25 Salafisten mit Kontakt zur Terrormiliz IS.

Ein Ditib-Vorsitzender veröffentlichte gar ein Foto mit einem Mitglied der radikalen Gruppe, versehen mit einer religiösen Botschaft. Der Vorstand trat zurück - einen Beigeschmack hinterließ der Fall dennoch.

4. Wie finanziert sich Ditib?

Nach aktuellen Angaben soll die türkische Diyanet-Behörde in diesem Jahr über ca. 1,8 Milliarden Euro verfügen. Im vergangenen Jahr waren es etwa eine Milliarde.

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Wie viel Geld davon nach Deutschland fließt, ist nicht bekannt. Die vermutlich tausende “Import-Imame” stehen zumindest auf der Gehaltsliste der türkischen Regierung.

Bekir Alboga, Sprecher von Ditib, sagte im Deutschlandfunk: "Die größte finanzielle Hilfe für uns ist natürlich, dass die Imame, die aus der Türkei hierher entsandt werden, uns nichts kosten. Das ist eine enorme Erleichterung. Stellen Sie sich mal vor, Sie würden einen Imam so brutto 5.000, 6.000 monatlich honorieren. 1.000 Imame, das ist eine enorme Summe, viele unserer Moscheegemeinden wären finanziell an ihren Grenzen."

Viele islamische Gemeinden in Deutschland sind auf Spenden angewiesen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass ein Großteil dieser aus dem Ausland kommt. Neben der Türkei steht hier besonders Saudi-Arabien in Verdacht. Dazu kommen die Spenden direkt aus den Gemeinden.

So kritisch diese ausländische Spenden von manchen betrachtet werden, viele Moscheen sind auf sie angewiesen. Denn: Während Christen die Kirchensteuer haben, zudem jährlich Unsummen als Ausgleich für die Enteignung christlicher Kirchen vor 200 (!) Jahren erhalten, genießen muslimische Gemeinden keine Privilegien.

So werden Moscheen abhängig von den Regierungen anderer Staaten.

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(bp)