Huffpost Germany

6 Belege, dass unsere Gesellschaft immer ungleicher wird - und eine Lösung

Veröffentlicht: Aktualisiert:
ARMUT
own
Drucken

Der westlichen Welt steht ein politisches Erdbeben bevor: In Deutschland, Österreich, Frankreich und in den USA könnten bei Wahlen in den kommenden Monaten Populisten an die Macht kommen.

Stichworte: AfD in Deutschland, die FPÖ in Österreich, der Front National in Frankreich, Trump in den USA und die Bewegung "Fünf Sterne" in Italien.

Für viele Experten ist die Ursache klar: Die westlichen Gesellschaften driften auseinander und ein Heer der Abgehängten und Unzufriedenen wählt politische Krawallmacher in die Parlamente. Weil sie mit einfachen Rezepten eine Lösung der neuen sozialen Frage versprechen.

Das Gefühl abgehängt zu sein, verfestigt sich

Für den Darmstädter Soziologen Oliver Nachtwey ist klar: "Deutschland ist zu einer Abstiegsgesellschaft” geworden. Er beklagt nach jahrelanger Auswertung von entsprechenden Daten: “Sozialer Aufstieg wird immer seltener möglich.”

Die Folge: Armut und das Gefühl abgehängt zu sein, verfestigen sich in Deutschland. Die Populisten profitieren.

Wie stark die Ungleichheit wirklich in Deutschland und den westlichen Gesellschaften wächst, ist unter Forschern umstritten.

Fest steht aber: Es gibt zahlreiche Belege dafür, dass die Gesellschaft in Deutschland und in anderen westlichen Staaten auseinander driften. Hier sind 6 der wichtigsten Belege - und eine Lösung für das Problem.

1. Die Konzentration von Reichtum nimmt zu

Es ist wohl die Zahl, die die wachsende Ungleichheit am besten zeigt: Die Vermögen konzentrieren sich zunehmend in der Hand einiger weniger. Die zehn Prozent der reichsten Deutschen besitzen 63 Prozent des bundesweiten Gesamtvermögens.

Und die Tendenz ist eindeutig: In den vergangenen Jahren sind die Reichen reicher geworden - trotz Finanzkrise.

2. Zahl der Gutverdiener wächst - die Einkommen der Mehrheit aber stagnieren

Während viele auf die Einkommenskonzentration an der Spitze der Gesellschaft schauen, ist eine zweite Entwicklung beinahe unbemerkt geblieben: Auch in der Mittelschicht gibt es eine zunehmende Spaltung.

Daten aus den USA zeigen: Ein Teil der Mittelschicht wird immer reicher, ein Teil immer ärmer. Dazwischen bleibt nicht mehr viel.

Laut einer aktuellen Untersuchung ist der Anteil von Gutverdienern (dazu zählen Familien mit einem Jahreseinkommen zwischen 100.000 und 350.000 Dollar und Singles mit einem Einkommen zwischen 58.000 und 202.000 Dollar) stark gestiegen.

Zu dieser Gruppe der gutverdienenden Mittelschicht zählten 1979 knapp 13 Prozent der Bevölkerung, 2014 dagegen sind es mehr als doppelt so viele, nämlich 29 Prozent, schreibt die “Welt”. Rund die Hälfte des gesamten Einkommens in den USA entfällt mittlerweile auf die Gruppe der gutverdienenden Mittelschicht.

Das Problem nun: Der Anteil, den die untere Mittelschicht am Gesamteinkommen der Gesellschaft hat, geht in den USA stark zurück - sprich, weite Teile der Mittelschicht haben heute weniger als Ende der 70er-Jahre.

Ähnliche Daten über einen historischen Zeitraum für Deutschland fehlen bisher. Sicher ist aber: Reiche und die obere Mittelschicht, die in Deutschland rund 20 Prozent der Bevölkerung ausmachen, vereinen zusammen rund 60 Prozent der Nettoeinkommen auf sich.

3. Die Mittelschicht zerfällt

In Deutschland sind laut den Zahlen des DIW in Berlin fünf Millionen Menschen in den vergangenen Jahren aus der Mittelschicht abgerutscht.

Und auch in den USA ist ein solches Phänomen zu beobachten. Inzwischen gehören 21 Prozent der US-Bürger zu den Gutverdienern (1971 waren es noch 14 Prozent) und knapp 30 Prozent zu den Armen (1971 waren es nur 25 Prozent).

4. Die gesellschaftliche Mobilität nimmt ab

Wer in Deutschland einmal arm ist, bleibt es wahrscheinlich - das zeigen Zahlen, die das DIW in Berlin zusammengetragen hat. Bei den Geringverdienern blieben in den Jahren 1994 bis 1997 noch 44 Prozent der Menschen ohne Einkommenszuwächse, in den Jahren 2008 bis 2011 waren es schon 54 Prozent.

Das bedeutet: Eine zunehmende Zahl von Geringverdienern bleibt in ihrer Einkommensgruppe hängen.

Seit 2011 ist deren Zahl sogar noch gestiegen, wie neueste Berechnungen des DIW zeigen, die Ende des Jahres veröffentlicht werden.

5. Das Armutsrisiko steigt

In Deutschland sind immer mehr Menschen von Armut bedroht. Das fand das Statistische Bundesamt in einer großen Analyse von Haushalten heraus.

Demnach waren 2014 (das letzte Jahr für die es Zahlen gibt) fast 17 Prozent der Bevölkerung in Deutschland – das sind 13,3 Millionen Menschen – von Armut bedroht. Das bedeutet: Die Menschen haben pro Monat rund 1000 Euro zur Verfügung, was 60 Prozent des durchschnittlichen mittleren Einkommens in Deutschland entspricht.

Problematisch: Die Zahl ist in den vergangenen Jahren leicht aber stetig gestiegen - trotz der vergleichsweise guten wirtschaftlichen Situation und einer niedrigen Arbeitslosenrate, wie der Ökonom Markus Grabka vom DIW in Berlin sagt.

6. Soziale Mobilität nimmt auch in den Ehen ab

Wie neue Zahlen zeigen, heiraten in der USA Akademiker vermehrt Akademiker, Arbeiter heiraten Arbeiter. Das bedeutet auch, dass nicht mehr gemischt geheiratet wird wie früher. Die Hälfte der deutschen Männer heiratete früher noch in eine untere Einkommens- und Bildungsschicht - und beförderte damit für die Frauen die soziale Mobilität nach oben.

80 Prozent der deutschen Paare haben inzwischen ähnliche Berufe und ein ähnliches Bildungsniveau, fand der Soziologe Hans-Peter Blossfeld von der Universität Bamberg 2014 heraus.

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

Diese Auslese von Gleichen unter Gleichen verfestigt die Ungleichheit in der Gesellschaft, , wie eine Studie zeigt, über die die Süddeutsche Zeitung berichtet.

Was ist nun die Folge dieser Entwicklung?

Wie der Autor der Tageszeitung "Die Welt" und Publizist Alan Posener kürzlich in einem lesenswerten Essay analysierte, entwickelt sich in den westlichen Gesellschaften ein "Aufstand der Abgehängten".

Es drohe eine "Revolution gegen die Privilegierten", schreibt er.

Was könnte nun helfen, um eine solche Entwicklung zu verhindern?

Posener schreibt: "Schulversagen muss ein Ding der Vergangenheit werden. Gleichzeitig muss viel mehr getan werden, um die intellektuellen Fähigkeiten im frühkindlichen Alter, in Kita und Schule zu fördern."

Und tatsächlich ist das eine Maßnahme, die Experten seit Jahren anmahnen: Schulen und Universitäten müssen Kindern aus allen gesellschaftlichen Schichten eine echte Möglichkeit des Aufstiegs eröffnen.

Das wäre ein soziales Projekt, mit dem die nächste Bundesregierung tatsächlich einen Unterschied für Millionen Bürger machen und ihnen die Hoffnung auf eine bessere Zukunft zurückgeben könnte.

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2016-07-11-1468249306-1333267-umfrage.jpg

Hier geht es zur Umfrage.


Kindern helfen

Seit Jahren schon warnen Experten, dass allein in Deutschland jedes fünfte Kind in Armut lebt. Viel schwieriger noch die Situation von Kindern in Südeuropa, Afrika oder Südasien. Doch was fehlt ihnen wirklich? Wie kann man ihnen wirkungsvoll helfen?

Zusammen mit der Spendenplattform betterplace.org nennt die Huffington Post einige spannende Projekte, die jeder unterstützen kann.

Die Initiative Anderes Sehen e.V. etwa kümmert sich um die frühkindliche Förderung von blinden Kindern - ein Bereich, den die beiden Gründer zuvor als zutiefst vernachlässigt erfahren haben.

Nun setzen sie sich für Chancengleichheit für blinde Kinder ein. Anderes Sehen e.V. bietet Blindenstöcke für Kinder, die ihre ersten Schritte wagen, und entwickelt liebevoll gestaltete Tast-Bilderbücher.

Zudem hat die Initiative die Echoortungsmethode Klicksonar nach Deutschland geholt und bietet hierfür Schulungen an. Auch die Aufklärung von Betreuungspersonen und die Bereitstellung von Vorschulmaterialien gehören zum Angebot von Anderes Sehen e.V.

Unterstütze das Projekt jetzt und spende auf betterplace.org.

Willst auch Du Spenden für Dein soziales gemeinnütziges Projekt sammeln? Dann registriere Dich und Dein Projekt jetzt auf betterplace.org.