Familien am Abgrund: Darum ist die Regierung Merkel mitschuld am Elend von Millionen Deutschen

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ARMUT
Fast 42 Prozent der Alleinerziehenden in Deutschland sind arm oder armutsgefÀhrdet | Getty
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  • Mehr als vier von zehn Alleinerziehenden in Deutschland sind arm oder armutsgefĂ€hrdet
  • 1,2 Millionen brauchen Hartz IV, obwohl sie arbeiten
  • Die Regierung Merkel ignoriert das Problem

Dass Marek MĂŒller* ganz unten angekommen war, merkte er, als er zum Dieb wurde. "Ich stand im Laden und als niemand in der NĂ€he war, steckte ich einfach etwas Obst und GemĂŒse in meine Jackentaschen." Klar habe er sich schlecht gefĂŒhlt. "Aber anders ging es nicht. Ich musste stehlen, damit meine Kleine und ich nicht hungern", erinnert sich der MĂŒnchner.

Obwohl der alleinerziehende Vater mit einer 25-Stunden-Woche 2014 gut 1.000 Euro netto verdiente, konnte er nicht von seiner Arbeit leben. Nach Abzug von Miete und Fixkosten blieben in manchen Monaten nur 100 Euro ĂŒbrig.

"Das hat natĂŒrlich nicht einmal fĂŒr das Nötigste gereicht." Ein Schrank, ein Fernseher, ein Tisch, ein leeres Terrarium, ein paar StĂŒhle und ein Bett – nicht viel steht in seinem Wohnzimmer, in dem er auch schlĂ€ft. Der Fall des deutschen Familienvaters und seiner kleinen Tochter rĂŒhrte vergangene Weihnachten auch viele Leser der Huffington Post.

Alleinerziehende kĂ€mpfen ums Überleben

Doch in Deutschland kĂ€mpfen viele Papas und Mamas ohne Partner jeden Tag aufs Neue darum, ihren Kindern eine Teilhabe am sozialen Leben zu ermöglichen. Bei manchen geht es wie im Fall MĂŒller ums schlichte Überleben.

Laut dem ParitĂ€tischen Wohlfahrtsverband waren 2014 hierzulande 41,9 Prozent aller Menschen, die ihr Kind allein erziehen, zumindest von Armut bedroht. Söhne und Töchter von Alleinerziehenden sind einer Studie der Bertelsmann-Stiftung zufolge fĂŒnfmal hĂ€ufiger auf Harz IV angewiesen als Kinder, die mit beiden Eltern zusammenleben.

1,6 Millionen Elternteile, die die Erziehung alleine managen, leben der Diakonie Deutschland zufolge von Hartz IV. 1,2 Millionen sind laut ParitĂ€tischem Wohlfahrtsverband sogar auf staatliche StĂŒtze angewiesen, obwohl sie arbeiten. "In den letzten zehn Jahren kann man nicht von irgendeiner signifikanten Verbesserung der Situation sprechen“, sagt dessen HauptgeschĂ€ftsfĂŒhrer Ulrich Schneider der Huffington Post.

Die Politik vernachlÀssigt Single-Eltern

Die Armut hat Folgen: "FĂŒr die Kinder bedeutet dies vor allem materieller Verzicht: Kino, Zoo, Urlaub können sich Alleinerziehende mit geringem Einkommen oder als Hartz IV-EmpfĂ€nger kaum leisten", berichtet auch Maria Loheide, Vorstand fĂŒr Sozialpolitik der Diakonie Deutschland:

Klar ist: Von der Politik wurden die 2,2 Millionen Kinder, die in einem Haushalt mit nur einem Elternteil leben, schon immer benachteiligt. Doch vor allem unter Kanzlerin Angela Merkel hat die Bundesregierung versagt.

Abzulesen ist das am sogenannten Entlastungsbetrag fĂŒr Alleinerziehende - einem Steuerfreibetrag, der die Abgabenlast fĂŒr Single-Eltern senkt. Unter Merkels Ägide zwischen 2005 und 2014 wurde der Freibetrag kein einziges Mal erhöht.

Armutsrisiko Familie

Es ist der wohl grĂ¶ĂŸte sozialpolitische Skandal unseres Landes. Überall klagen Experten und Politiker ĂŒber die fehlenden Geburten und den sich verschĂ€rfenden FachkrĂ€ftemangel. Doch das GrĂŒnden einer Familie ist Sozialforschern zufolge eines der grĂ¶ĂŸten Absturz-Risiken. Rund jedes fĂŒnfte Kind hierzulande lebt dem ParitĂ€tischen Wohlfahrtsverband zufolge in Armut.

Von 2,6 Millionen Kindern ist der Alltag einer Studie des Instituts fĂŒr Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) von Verzicht und Mangel geprĂ€gt. In StĂ€dten wie Berlin oder Bremen ist es sogar jedes dritte Kind auf Hartz IV angewiesen.

Doch wo liegt die richte Lösung fĂŒr die Misere? WohlfahrtsverbĂ€nde fordern unter anderem eine massive Erhöhung des Kindergelds und von Hartz IV. Der ParitĂ€tische Wohlfahrtsverband hĂ€lt etwa fast 500 Euro an Hartz IV monatlich fĂŒr jeden Erwachsenen angemessen.

Es geht nicht nur ums Geld

Viele Alleinerziehende und deren Kinder seien "auch arm, weil der unterhaltspflichtige Elternteil den Kindesunterhalt nicht zahlt oder nicht zahlen kann", weiß Diakonie-Expertin Loheide. Der staatliche Unterhaltsvorschuss könne dieses Manko in der Regel nicht ausgleichen.

Ein großes Problem: Einzelne familienpolitische Leistungen wie das Kindergeld werden gegeneinander aufgerechnet, sodass Leistungen bei vielen Alleinerziehenden und deren Kindern gar nicht erst ankommen. "Die Diakonie setzt daher statt auf ein Nebeneinander vieler einzelner Leistungen auf eine einheitliche finanzielle Grundförderung, die das Existenzminimum aller Kinder und Jugendlichen abdeckt und ihnen gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht." Dabei seien die Leistungen direkt an die bedĂŒrftigen Eltern auszuzahlen, fordert Loheide.

Hilfe zur Selbsthilfe ist aber mindestens ebenso wichtig. "Um ihren Lebensunterhalt allein bestreiten zu können, benötigen Alleinerziehende individuelle und flexible Arbeitszeitmodelle sowie Kinderbetreuungsangebote, die auf ihre familiĂ€ren BedĂŒrfnisse zugeschnitten sind“; sagt etwa Diakonie-Frau Loheide.

Deutscher Haushalt unter Druck

Das sehen auch Wirtschaftswissenschaftler so. "Am wichtigsten ist es, den Zugang zum Arbeitsmarkt fĂŒr Alleinerziehende zu verbessern“, sagt Axel PlĂŒnnecke, Bildungsexperte beim arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft Köln. Der Professor kritisiert auf Anfrage: "Es fehlen gute Ganztagsangebote an Kitas und vor allem an Schulen, die einen verlĂ€sslichen Betreuungsrahmen schaffen."

Zwar werden mit Milliardensummen Kinderkrippen und -gÀrten gebaut, doch es gibt vielerorts noch immer zu wenige dieser Einrichtungen. Auch eine deutliche Aufstockung des Kindergelds oder von Hartz IV ist, wie sie auch Teile der SPD gerne hÀtten, ist nicht in Sicht.

Vor allem das CDU-gefĂŒhrte Finanzministerium pocht derzeit auf eine strikte Ausgabenpolitik. Zum einen lehnt die Union anders als die SPD Steuererhöhungen fĂŒr Wohlhabende oder zumindest fĂŒr Superreiche fĂŒr eine wirksame ArmutsbekĂ€mpfung strikt ab. Zum anderen wird der Bundeshaushalt aktuell durch massive Ausgaben fĂŒr die FlĂŒchtlings-Aufnahme belastet.

Bedarf gedeckt?

Im Bundessozialministerium sieht man die Lage offenbar entspannter als bei den SozialverbĂ€nden. Ein Sprecher sagt: "In Deutschland sind die Leistungen zum Lebensunterhalt nach dem Sozialgesetzbuch so ausgestaltet, dass sie den gesamten existenznotwendigen Bedarf decken." FĂŒr Kinder und Jugendliche gebe es zusĂ€tzliche Leistungen.

Dass diese nicht ausreichen, beweisen aus Sicht der SozialverbĂ€nde jedoch die Hunderttausenden MĂŒllers in Deutschland.

Doch Handlungsbedarf sieht auch das Sozialministerium: "Vorrangiges Ziel muss es sein, mit einer aktivierenden Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik möglichst viele ErwerbsfÀhige (wieder) in den Arbeitsmarkt zu integrieren und BeschÀftigungsfÀhigkeit zu erhalten oder wieder herzustellen." Der Sprecher verweist auf mehrere zu diesem Zweck aufgelegte Bundesprogramme.

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Deren Volumen ist jedoch eher gering. SozialverbĂ€nde halten die bestehenden politischen Rahmenbedingungen fĂŒr Alleinerziehende jedenfalls fĂŒr völlig unzureichend. Zudem passiert von Seiten der Wirtschaft zu wenig: Bei vielen Arbeitgebern sind die Arbeitszeiten noch immer wenig familienfreundlich. Sie bieten etwa zu wenige Teilzeitstellen an.

Dass es auch anders geht, zeigen LÀnder wie Schweden oder Frankreich, in denen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf aufgrund von mehr Teilzeitstellen und ausreichend Kita-PlÀtzen weit besser gegeben ist. Eine Analyse der EU-Vergleichsdaten auf die das Sozialministerium verweist, zeigt, "dass mit der Aufnahme einer VollzeitbeschÀftigung durch die erwerbsfÀhigen Haushaltsmitglieder der Anteil von Familien mit Kindern mit einem relativ geringen Einkommen von 70 auf bis zu 5 Prozent sinkt."

Marek MĂŒller arbeitet bis heute noch nicht Vollzeit. Auch anderweitig zeigt sein Lebenslauf, was das Leben der Ă€rmeren Schichten, zu denen viele Alleinerziehende zwangslĂ€ufig gehören, von dem der Reichen unterscheidet. Wer von Armut bedroht ist, stirbt einer Studie des Robert-Koch-Instituts zufolge zehn Jahre frĂŒher als Menschen aus der Oberschicht. Laut ParitĂ€tischem Wohlfahrtsverband sind es bei MĂ€nnern zehn, bei Frauen acht Jahre.

So oder so: Armut tötet. Wie in dem Hollywood-Film "In Time" kaufen sich die Reichen dagegen ein Plus an Lebenszeit.

Armut bedroht die Gesundheit

MĂŒllers Vater etwa wurde nicht einmal 60 Jahre alt. Ein Herzinfarkt. "Er hat nie GemĂŒse gegessen viel geraucht", sagte Marek MĂŒller bei einem Besuch der HuffPost Ende Dezember.

Marias Mutter könnte vielleicht noch leben, wenn die Konditorin frĂŒher zum Arzt gegangen wĂ€re. Mit Mitte 20 fraß sie der Magenkrebs von innen auf. Eine frĂŒhere Diagnose hĂ€tte ihr vielleicht das Leben retten oder zumindest wertvolle Jahre verschaffen können – doch die Armen gehen statistisch gesehen seltener zum Arzt.

Die Kinder leiden am meisten. MĂŒllers Tochter kleine Maria etwa ist zwar ein aufgewecktes MĂ€dchen. Wer sie kennenlernt, hört sie viel lachen. Doch ohne Mama aufzuwachsen, ist eine enorme Belastung.

Niemand soll betteln oder stehlen mĂŒssen

Sie klammerte sich lange an jede Erzieherin und wenn MĂŒller etwa ein befreundetes PĂ€rchen besuchte, wollte sie meist gar nicht mehr gehen. Einmal habe ich das letzte Geld fĂŒr einen Zoobesuch gemeinsam mit einer Bekannten zusammengekratzt. "Als sie plötzlich zu der Frau Mama sagte, war das schon peinlich", erinnerte sich MĂŒller jĂŒngst.

Von den Politikern in Berlin hat er seit Jahren dieselbe Erwartung: "Sie sollen dafĂŒr sorgen, dass jeder der arbeitet, nicht betteln oder stehlen gehen muss, um zu ĂŒberleben."

*Name geÀndert

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Kindern helfen

Seit Jahren schon warnen Experten, dass allein in Deutschland jedes fĂŒnfte Kind in Armut lebt. Viel schwieriger noch die Situation von Kindern in SĂŒdeuropa, Afrika oder SĂŒdasien. Doch was fehlt ihnen wirklich? Wie kann man ihnen wirkungsvoll helfen?

Zusammen mit der Spendenplattform betterplace.org nennt die Huffington Post einige spannende Projekte, die jeder unterstĂŒtzen kann.

Die Initiative Anderes Sehen e.V. etwa kĂŒmmert sich um die frĂŒhkindliche Förderung von blinden Kindern - ein Bereich, den die beiden GrĂŒnder zuvor als zutiefst vernachlĂ€ssigt erfahren haben.

Nun setzen sie sich fĂŒr Chancengleichheit fĂŒr blinde Kinder ein. Anderes Sehen e.V. bietet Blindenstöcke fĂŒr Kinder, die ihre ersten Schritte wagen, und entwickelt liebevoll gestaltete Tast-BilderbĂŒcher.

Zudem hat die Initiative die Echoortungsmethode Klicksonar nach Deutschland geholt und bietet hierfĂŒr Schulungen an. Auch die AufklĂ€rung von Betreuungspersonen und die Bereitstellung von Vorschulmaterialien gehören zum Angebot von Anderes Sehen e.V.

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(tos)