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Integrationsexperte Pollack: "Wir laufen Gefahr, die Türken in Deutschland zu verlieren"

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COLOGNE
Integrationsexperte: „Wir laufen Gefahr, die Türken in Deutschland zu verlieren" | Thilo Schmuelgen / Reuters
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1,5 Millionen Türken leben in Deutschland. Etwa drei Millionen Menschen mit türkischen Wurzeln.

Was macht der versuchte Militärputsch in der Türkei, was macht die Reaktion des Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, was macht die Reaktion Deutschlands wiederum darauf, mit der türkischen Community – und mit unserer Gesellschaft?

So, wie es aussieht, nichts Gutes. Da ist von Unsicherheit zu lesen, von Angst, von Hass.

Die türkische Community ist zerrissen

Detlef Pollack, Professor für Religionssoziologie an der Universität Münster, erforscht bereits länger, wie sich Türken in Deutschland fühlen. Und warnt im Gespräch mit der HuffPost: "Wir laufen Gefahr, die Türken in Deutschland zu verlieren.“

Pollack zitiert aus seiner viel beachteten Studie "Integration und Religion aus der Sicht von Türkeistämmigen in Deutschland“, die im Juni erschien, ziemlich genau einen Monat vor dem versuchten Putsch.

Darin sagten 90 Prozent der Türkischstämmigen, sie fühlten sich hier wohl. 70 Prozent gaben an, sie wollten sich ohne Abstriche integrieren. "Sie genießen den hohen Lebensstandard in Deutschland, auch die Rechtsstaatlichkeit, die Religionsfreiheit“, sagt Pollack.

"Andererseits sagten 50 Prozent, dass sie sich hier als Menschen zweiter Klasse fühlten.“ Jeder Vierte stimmte der Aussage, sich ohne Wenn und Aber integrieren zu wollen, nicht zu. In Köln sind bis zu 40.000 Menschen auf die Straße gegangen. Obwohl er die Rechte der türkischen Bevölkerung massiv einschränkt.

Was denkt die Mehrheit der Türkischstämmigen?

Welche Seite da in der Mehrheit ist, was die Community wirklich denkt, ist da unmöglich zu sagen. Zumal sich viele Erdogan-Kritiker wegen der repressiven Maßnahmen auch in Deutschland nicht mehr zu Wort meldeten.

Aus den Beobachtungen kann man nur aber schließen: Die Community ist zerrissen. Und offenbar sind es auch die einzelnen Menschen.

Viele, sagt Pollack, hätten auf Demonstration auf Kritik an der Türkei "auf merkwürdige Art aggressiv“ reagiert. "Sie haben behauptet, Deutschland schränke ihre Rechte ein, wenn Erdogans Rede nicht live übertragen wird. Im Grunde wissen sie, dass sie in Deutschland mehr Freiheitsrechte haben als in der Türkei.“

Für den Soziologen ist das ein Signal. Ein Signal dafür, dass wir die Türken zu verlieren drohen.

Selbst die Unzufriedenen werden lieber hierbleiben als gehen

"Das ist deswegen so kritisch, weil die allermeisten Türken trotz ihrer Unzufriedenheit hier nicht in ihre Heimat zurückkehren wollen. Aber ihre Bereitschaft zur Integration würde weiter sinken.“

Die Situation erinnert an die Lage der Russlanddeutschen, die ebenfalls zu den größten Migrationsgruppen gehören.

Viele Russlanddeutsche fühlen sich offenbar in Deutschland auch nicht besonders gut aufgehoben. Einige von ihnen haben sich eindeutig für den russischen Präsidenten Wladmir Putin positioniert, der im Führungsstil und in der Achtung von Bürgerrechten Erdogan nicht unähnlich ist. Die AfD hat sich diese Haltung, die mit offener Kritik an Kanzlerin Angela Merkels (CDU) Stil verbunden war, zunutze gemacht. Viele Russlanddeutsche haben sie gewählt.

Was werden die Türken tun, diejenigen, die hier wählen dürfen?

Politikforscher fürchtet Zulauf zu konservativer neuer Partei

"Wie sich das auf das Wahlverhalten auswirkt, ist kaum einzuschätzen“, sagt Pollack „Es ist allerdings nicht besonders wahrscheinlich, dass sie sich wie viele Russlanddeutsche der AfD zuwenden.“ Denn die AfD hat sich zwar Putin- aber nicht Erdogan-freundlich gezeigt.

Aber es formiert sich derzeit eine mögliche Alternative: die ADD, die "Allianz Deutscher Demokraten“. Eine erzkonservative Migrantenpartei, die etwa der Parteienforscher Oskar Niedermayer im Gespräch mit der Huffington Post als sehr gefährlich bezeichnete.

Soziologe: Türken möchten sich anerkannt fühlen

"Ob wir die Türken hier verlieren, hängt sehr stark davon ab, ob sie sich hier auf Augenhöhe anerkannt fühlen“, sagt Pollack.

Natürlich dürfe Deutschland nicht unkommentiert lassen, was Erdogan in der Türkei mache. "Deutschland darf nicht akzeptieren, dass Diktatur bejaht wird.“ Aber: "Wir dürfen uns auch nicht dazu hinreißen lassen, die Bevölkerung und die Regierung in einen Topf zu werfen.“

Vielleicht einfach mal sagen, was uns verbindet?

Um es klar zu machen: Auch Pollack sagt, dass er keine konkrete Lösung parat hat.

"Ich vermute aber, dass wir den Türken hier signalisieren müssen, dass wir sie als gleichberechtigt anerkennen, dass wir sie gewinnen wollen, dass wir den Dialog mit ihnen nicht aufgeben.“

Deswegen würde Pollack auch die Beitrittsverhandlungen der EU mit der Türkei nicht auf Eis legen, wie es etwa Österreich fordert und sogar Experten wie Udo Steinbach, der die Mitschuld der EU am derzeitigen Schlamassel betont.

Außerdem, so schlägt Pollack vor, könnte ein deutscher Politiker den Türkischstämmigen hier etwas Positives sagen, so in der Art:

„Wir vertrauen darauf, dass die türkische Community die Demokratie schätzt, die Freiheit, die sie in Deutschland genießt, auch die Fairness, mit der sie hier behandelt werden. Wir vertrauen darauf, dass sie Recht und Unrecht unterscheiden kann.“

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(lp)