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Olympia hat sich erledigt: Wie Lügner und Betrüger das einst größte Sportereignis der Welt zerstörten

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Olympia hat sich erledigt: Wie Lügner und Betrüger das einst größte Sportereignis der Welt zerstörten | getty / reuters
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Ich kann mich noch an Zeiten erinnern, da saß ich als kleiner Junge mit einem großen Schreibheft vor dem Fernseher. Olympische Spiele in Seoul, 1988, früh morgens, noch bevor es zur Schule ging. Und ich habe jedes einzelne Ergebnis schriftlich festgehalten. Die Rekorde waren rot unterstrichen, die persönlichen Bestleistungen gelb.

Und daneben habe ich Zeitungsausschnitte meiner Helden geklebt: Steffi Graf, die Tennis-Königin. Carl Lewis, der nicht nur schnell laufen, sondern auch so unfassbar weit springen konnte. Und Florence Griffith-Joyner, die schnellste Frau aller Zeiten.

Meine Bewunderung war bedingungslos. Von Doping und Betrug hatte ich zwar von Klassenkameraden gehört. Ben Johnson verursachte in Seoul den ersten großen Dopingskandal der Olympiageschichte. Aber das trübte meine Freude nicht. Es wird schon nicht jeder schummeln, dachte ich mir. Vor fast 30 Jahren waren Sportler für mich tatsächlich noch Vorbilder.

Das scheint mir heute wie eine Geschichte aus einer anderen Welt. Aus einem anderen Jahrhundert stammt sie allemal. Die olympischen Spiele waren einmal das größte Medienereignis des Planeten. Sie waren größer als die Fußball-WM und der Super Bowl. Heute fiebert kaum noch jemand den Wettbewerben in Rio entgegen. Olympia ist in den vergangenen drei Jahrzehnten kaputt gegangen.

Olympia ist ein Lehrbeispiel für den Schaden, den Lügen anrichten können

Und wenn man künftigen Generationen zeigen will, welchen Schaden Unehrlichkeit anrichten kann, dann taugen die olympischen Spiele als warnendes Beispiel.

Viele der Kernsportarten bei Olympia gelten mittlerweile als flächendeckend dopingverseucht. Der Radsport etwa. Die Leichtathletik. Das Schwimmen. Sportler, die jahrelang mit Engelsmienen beteuert haben, ehrlich zu sein, sind als Betrüger aufgeflogen. Mit den russischen Leichtathleten wurde sogar eine ganze Mannschaft für die Spiele in Rio gesperrt.

Lügen sind ein Langzeitgift. Womöglich haben auch die am Dopingsystem beteiligten Athleten gedacht, dass sie mit der ersten Lüge durchkommen. Und vielleicht auch mit der zweiten oder der dritten. Vielen ist es ja auch gelungen, sich morgens mit Drogen vollzupumpen und mittags dann den Saubermann oder die Sauberfrau vor den Kameras der Sportpresse zu mimen.

Als Ben Johnson aufgeflogen war, dachten sich viele: der Typ ist irre und ein Einzelfall. Und mit dem Zusammenbruch des Ostblocks löse sich das Dopingproblem schon irgendwie auf. Dann kam Kathrin Krabbe. Dann Dieter Baumann. Dann Jan Ullrich. Alles Sportler, die im wiedervereinigten Deutschland der 90er-Jahre unfassbar populär waren.

Leistungsschau der Pharmaindustrie

Es stellte sich heraus, dass die Tour de France eher eine Leistungsschau der Pharmaindustrie ist als ein Radrennen. Dass es in den USA ein großangelegtes Doping-Netzwerk gab, dem auch die dreifache Olympiasiegerin Marion Jones, der 100-Meter-Weltrekordler Tim Mongomery sowie zahlreiche weitere Sportler angehörten.

Es gab zwei griechische Sprinter, die vor Olympia 2004 auf geradezu abenteuerliche Weise einen Motorradunfall vortäuschten, um einer Dopingkontrolle zu entgehen. Und von den zehn schnellsten Männern aller Zeiten wurden fast alle schon einmal dabei erwischt, wie sie leistungssteigernde Medikamente nahmen.

Mit den Jahren sind es zu viele Lügen geworden. Der andauernde Betrug hat die positiven Gefühle für den Sport zerstört.

Und mehr noch: Der Sport hat seine Erzählung verloren. Früher etwa fieberte man vor dem Fernseher mit, ob es beim 100-Meter-Lauf einen neuen Weltrekord geben könnte. Da konnten Sportler in zehn Sekunden „Geschichte schreiben“.

Lügen ersticken alles, was am Sport Spaß macht

Heute ahnt man, dass der Sport weder eine Vergangenheit noch eine Gegenwart hat: Weil der alte Rekord vermutlich auf Medikamenten zustande gekommen ist, und der neue womöglich ebenso zustande kommen wird.

Vielleicht wird auch in Rio der ein oder andere Reporter von „historischen Augenblicken“ sprechen. Die Wahrscheinlichkeit ist jedoch groß, dass der ein oder andere geschriebene Moment Geschichte schon in absehbarer Zukunft dem Radiergummi zum Opfer fallen muss. Weil schon wieder jemand zugeben muss, dass er sich, seine Konkurrenten und die weltweite Sportöffentlichkeit beschissen hat, und schon wieder die Siegeslisten bereinigt werden müssen.

Alles, woran Fans im Sport normalerweise glauben, wird so erstickt.

Der Sommer 2016 könnte einen Einschnitt markieren

Womöglich erleben wir in diesem Sommer einen tiefen Einschnitt in der Entwicklung des Sportes. Schon die Fußball-Europameisterschaft hat die Menschen über weite Strecken kalt gelassen. Ein Grund dafür war der aus kommerziellen Gründen völlig überdehnte Spielplan mit 24 Teilnehmerländern. Der ehemalige UEFA-Chef Michel Platini hatte es zu weit getrieben.

Nun also die olympischen Spiele in Rio, die durch den jahrelangen Betrug zu einem Festival der Unglaubwürdigkeit zu werden drohen. Kein Wunder also, dass ARD und ZDF derzeit noch zögern, wenn es um den Erwerb der Übertragungsrechte für olympische Spiele von 2018 bis 2024 geht. Olympia könnte sich ohnehin bald von selbst erledigen.

Am meisten habe ich in Seoul 1988 übrigens Florence Griffith-Joyner bewundert. Ihre Rekorde über 100 und 200 Meter haben bis heute Bestand. Sie beendete im Jahr darauf ihre Karriere. Zufällig zu jenem Zeitpunkt, als nach dem Ben-Johnson-Skandal härtere Dopingkontrollen angekündigt wurden.

Kurz nach einem Comeback-Versuch erlitt sie 1996 einen leichten Schlaganfall – eine bei Sportlern schon häufiger beobachtete Spätfolge von Anabolikamissbrauch. Zwei Jahre später erstickte sie nach einem schweren epileptischen Anfall in ihrem Kopfkissen. Sie wurde 38 Jahre alt.

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