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IS-Insider packt aus: So funktioniert der Terror in Europa

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EXPLOSION
Michaela Rehle / Reuters
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  • Islamistische Attentäter in Europa sind womöglich viel besser vernetzt als bekannt
  • Ein IS-Aussteiger hat jetzt brisante Details enthüllt

Der Horror hatte ein Muster in den vergangenen Monaten: Einzelne Männer und kleine Gruppen von Männern morden und metzeln ohne Vorwarnung. Kurz darauf behauptet die Terrormiliz Islamischer Staat (IS), der Anschlag gehe auf ihr Konto.

So passiert in Orlando, Nizza, Ansbach, Würzburg.

Man konnte das Gefühl bekommen, dass da Wahnsinnige überall auf der Welt plötzlich für sich beschließen, zum Mörder zu werden - ohne Zusammenhang zum Terrornetzwerk des IS.

Tatsächlich aber könnte hinter dem Terror in Europa viel mehr System stecken, als Ermittler und Öffentlichkeit bisher dachten. Demnach könnte der IS zahlreiche Terrorzellen in Europa platziert haben - die nur auf den Befehl warten, loszuschlagen.

Emni - die Terror-Auslandsabteilung des IS

Die US-Zeitung „New York Times“ hat Hunderte Seiten Material ausgewertet, das Polizei und Geheimdienste gesammelt haben.

Und eine Reporterin hat mit Harry Sarfo gesprochen, der in Bremen im Hochsicherheitsgefängnis sitzt. Weil er sich in Syrien zum IS-Kämpfer hatte ausbilden lassen.

Das beunruhigende Ergebnis der Recherche:

Der IS hat eine Abteilung namens Emni, die unter anderem für den Terror außerhalb Syriens zuständig ist. Ihr Kopf: der Syrer Abu Muhammad al-Adnani. Zwei seiner wichtigsten Helfer: Abu Souleymane al-Faransi, ein Franzose vermutlich tunesischer oder marokkanischer Abstammung, und der Syrer Abu Ahmad.

Terror-Crashkurs während des angeblichen Badeurlaubs

Sie sollen die Ausbildung der Männer zu Terroristen in Syrien organisieren, sie identifizieren auch Ziele, helfen bei der Finanzierung. Angeblich werden Interessenten aufgefordert, zur Täuschung der europäischen Behörden einen All-inklusive-Urlaub in einem Strandressort in der Südtürkei zu buchen. Tatsächlich gibt es in dieser Zeit einen Crashkurs in Syrien.

Nach dem Training sollen die künftigen Terroristen zurück nach Europa. Denn dort braucht der IS sie offenbar viel nötiger als in Syrien.

Amerikaner gelten als "dumm" und haben ohnehin Waffen

Besonders in Großbritannien und Deutschland würden noch Freiwillige gebraucht, in Frankreich dagegen soll es reichlich geben.

Nur Nordamerikaner holt der IS offenbar selten zum Training. Sarfo will gehört haben, dass die IS-Strategen sie für „dumm“ halten, und für leicht über soziale Netzwerke zu beeinflussen. Und Waffen hätten sie aufgrund der vergleichsweise laxen Gesetze ohnehin schon.

Besonders gern genommen werden angeblich Männer wie Sarfo, die schon eine kriminelle Vergangenheit haben – Sarfo hatte 23.000 Euro aus einem Supermarkt-Safe geraubt. Gesucht seien auch Verbindungen zum organisierten Verbrechen, die Möglichkeit, an gefälschte Papiere zu kommen, Kontaktleute, die Menschen in die EU schmuggeln können.

Der Zeitung „Washington Post“ sagte ein IS-Kommandeur: “Wir haben viele Aktive mit den Flüchtlingen nach Europa geschickt.“ Einige hätten ihre „Mission erfüllt“, andere warteten noch auf ihre „Aktivierung“.

Kontakt zwischen Schläfern und IS über Konvertiten

Zurück in Europa sollen sich die Terroristen in Wartestellung möglichst ruhig verhalten. Wer Anleitung zum Bau eines Sprengstoffgürtels oder zum Drehen eines Bekennervideos brauche, bekomme die auch.

Allerdings bemüht sich der IS, den Kontakt der Terroristen zur Organisation zu verschleiern. Offenbar werden Konvertiten zum Islam als Boten genutzt, die erst vor Kurzem übergetreten sind und noch nicht aufgefallen sind.

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Diese Boten sollen dem IS auch nach dem Anschlag die selbst gedrehten Bekennervideos zuspielen, damit der IS sie über geheime Kanäle an die Öffentlichkeit bringen kann.

Sarfo deutet an, dass es durch dieses System viel stärkere Verbindungen zwischen den Attentätern und dem IS gebe, als bekannt.

Morden für die Propaganda - bis der Take sitzt

Parallel bemüht sich der IS offenbar, zielgruppengerechte Werbung für sein Morden zu produzieren. Sarfo erzählt, wie er in der historischen Stadt Palmyra die IS-Flagge schwenkte, während andere Deutsche syrische Gefangene erschossen. Das ganze sei in mehreren Takes gefilmt worden.

Zum Thema: Wie ein Deutscher und ein Österreicher den IS erfolgreich machten

Und die einzige Sorge eines der Schützen sei gewesen: „„Wie sah ich aus? Sah es gut aus, wie ich die Exekution gemacht habe?“

Ob die Videos dem IS-Standard entsprechen, entscheidet dann angeblich Al-Adnani persönlich.

Die Brutalität des IS auch gegenüber seinen eigenen Leuten soll Sarfo vom IS abgebracht haben.

Er wurde für das, was er getan hat, verurteilt. Zu drei Jahren Haft.

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