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Das Geschäft mit der Angst: Die Riesen-Abzocke mit den Schwangeren-Vorsorgeuntersuchungen

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PREGNANT WOMAN SCREENING
Viele Frauen wollen möglichst genau wissen, ob ihr Kind gesund wird. | rubberball via Getty Images
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  • Vorsorgeuntersuchung für Schwangere werden immer beliebter
  • Doch viele unterschätzen die Gefahren. Auch gesunde Babys werden deshalb Experten zufolge abgetrieben
  • Kritiker warnen vor einem Riesengeschäft auf Kosten werdender Mütter und Kinder

Für die werdende Mutter war es ein Schock. Klar hatte sich die damals 40-jährige Münchnerin in den Wochen zuvor immer wieder den Kopf mit einer Frage zermartert: „Wird mein Kind gesund?“

Doch mit diesem Ergebnis der Nackenfalten-Messung hatte sie schlicht nicht gerechnet, als sie im Jahr 2012 wegen einer Schwangerschafts-Voruntersuchung eine auf Pränataldiagnostik spezialisierte bayerische Frauenarztpraxis aufsuchte: „Die Nackenfalte ist sehr groß. Angesichts Ihres Alters ergibt sich da ein Risiko von eins zu zehn, dass Ihr Kind am Down-Syndrom oder einer anderen sehr schweren Behinderung leiden wird“, sagte die Frauenärztin schließlich betont langsam.

Sie empfahl der werdenden Mutter eine Chorionzottenbiopsie. „Am Besten jetzt gleich.“ Dann wisse sie sehr sicher, ob ihr Kind behindert werde.

Der Fall scheint kein Einzelfall zu sein. Klar ist: Nicht wenige Ärzte empfehlen Frauen in der Schwangerschaft umfassende Voruntersuchungen. Die Pränatal-Praxen sind voll. Dabei sind manche der durchgeführten Untersuchungen deutlich riskanter als gemeinhin bekannt.

Sie kosten die besorgten Mütter zudem viel Geld. Geld, das sie sich häufig entschließen zu zahlen - schließlich geht es ja um ihr Kind.

"Aber ich will das Kind doch unbedingt"

Auch die Münchner Mutter geriet so in eine für sie schwierige Situation. Die Frau betonte zwar, sie wolle das Kind, "auch wenn es behindert wird". Doch die Ärztin entgegnete: „Was Sie machen, ist letztendlich Ihre Sache, ich kann Ihnen nur eine Empfehlung geben.“

Was die Ärztin zumindest zunächst nicht erwähnte: Die von ihr vorgeschlagene Chorionzottenbiopsie, also der Entnahme von Gewebe der Plazenta, bringt zwar ein mit sehr großer Wahrscheinlichkeit richtiges Ergebnis zutage. Allerdings besteht bei diesem Eingriff eine nicht unerhebliche Gefahr für das ungeborene Kind: Das Risiko einer Fehlgeburt liegt hier bei etwa 0,5 bis 1 Prozent. Das heißt, bis zu jedes hundertste Kind stirbt aufgrund der Untersuchung, egal, ob es gesund oder krank zur Welt gekommen wäre.

Die 40-jährige Mama entschied sich gegen den Eingriff. Und bereits am nächsten Tag kamen die ausstehenden Blutwerte. Und siehe da: Das Risiko einer schweren Behinderung war aufgrund guter Blutwerte auf eins zu 43 gesunken. Doch die Verzweiflung bei der jungen Familie war bis zu diesem Zeitpunkt groß. „Hoffentlich hat das Baby den Stress nicht abbekommen“, sagt die angestellte Juristin rückblickend.

Ein gutes halbes Jahr später brachte die Frau einen Jungen zur Welt – ganz ohne jede Behinderung. „Aber ich werde den Schock niemals vergessen. Wollte die Ärztin Geld verdienen oder hatte sie es mir nur gut gemeint?“, fragt sich die Frau noch heute.

Pränatal-Medizin boomt

Viele Frauen setzen in der Schwangerschaft auf umfassende Voruntersuchungen. Kein Wunder: Mütter sind bei der Geburt so alt wie noch nie. Frauen in Deutschland sind im Schnitt gut 29 Jahre alt, wenn sie ihr erstes Kind bekommen. Wegen der Karriere oder schlicht aufgrund einer langen Partnersuche sind immer mehr Frauen beim Zeitpunkt der Geburt sogar bereits 40 oder älter.

Die Wahrscheinlichkeit, ein Kind mit Down-Syndrom zur Welt zu bringen, liegt für eine 40-Jährige im Durchschnitt bei etwa einem Prozent. Sie ist damit zwar sehr gering, allerdings neunmal so hoch wie bei einer 30-jährigen Schwangeren.

Viele Frauen wollen natürlich möglichst genau wissen, ob ihr Kind gesund wird. Die Zahl der Eingriffe ist, wie es aus Kreisen der gesetzlichen Krankenversicherung heißt, in den vergangenen Jahren gestiegen. Exakte Zahlen, wie viele Mütter in spe pränatale Voruntersuchungen machen lassen, fehlen jedoch. Der Grund: Die Krankenkassen zahlen abgesehen von den obligatorischen Ultraschall-Untersuchungen oft keine der Pränatal-Diagnosen.

Immer mehr Test-Verfahren

Die Untersuchungsmethoden zur Abklärung möglicher Behinderungen sind vielfältig. Da ist etwa das Ersttrimester-Screening. Hier wird aus der Messung der Nackenfalte, den Blutwerten und dem Alter einer Schwangeren sowie mitunter auch aus anderen Faktoren wie vorherigen Schwangerschaftsabgängen, die Wahrscheinlichkeit für bestimmte Behinderungen wie das Down-Syndrom ermittelt.

Tatsächlich kann so ein relativ genaues Risiko einer späteren Erkrankung ohne Gefahren für das ungeborene Baby ermittelt werden.

Ergibt sich hier ein hohes Risiko, empfehlen Mediziner noch immer oft eine Fruchtwasser-Untersuchung oder besagte Chorionzottenbiopsie. Das Down-Syndrom, die am weitesten verbreitete Trisomie, lässt sich mittlerweile sogar durch einen Bluttest schon sehr frühzeitig mit einer sehr großen Zuverlässigkeit voraussagen. Oft setzen sich Schwangere auch einem regelrechten Ultraschall-Marathon aus.

Doch spielen bei der Entscheidung für eine solche Behandlung immer nur das Wohl des Kindes und der Mutter eine Rolle? Manche Mediziner haben daran Zweifel.

Natürlich werde zum Teil mit dem sogenannten Ersttrimester-Screening „schlicht auch einfach Geld gemacht“, sagt Silke Koppermann vom Netzwerk gegen Selektion durch Pränataldiagnostik im Gespräch mit der Huffington Post. Die Schwangeren würden „erst verunsichert, um sie hinterher mit selbst zu zahlenden Untersuchungen angeblich zu beruhigen“.

Expertin: Gesunde Babys werden abgetrieben

Die Frauenärztin geht davon aus, dass die meisten Ärzte sicher auf eine ausführliche Beratung Wert legten. Doch offenbar gebe es immer wieder Mediziner, die auch zu schnell etwa zu einer Fruchtwasser-Untersuchung rieten, ohne zu klären, welche Konsequenzen ein Ergebnis haben könnte.

Schwangere fühlen sich häufig sowohl von Ärzten oder auch ihrem Umfeld gedrängt, eine bestimmte Schwangerschafts-Untersuchung zu machen. „Man hört immer wieder von Frauen, die eigentlich niemals abtreiben wollten, die dann aber durch die Ergebnisse, die eine Pränataldiagnostik zutage fördert, in einen schweren Konflikt geraten“, berichtet Koppermann.

Auch Ursula Marschall, leitende Medizinerin bei der Barmer GEK, der mit 8,4 Millionen Versicherten zweitgrößten Krankenkasse, sieht die aus ihrer Sicht „unstrukturiert wachsende Zahl an Pränataldiagnosen" kritisch. Durch neue Untersuchungsmethoden wie Ersttrimester-Screenings oder Trisomie-21-Bluttests würden „die Frauen oft in einer falschen Sicherheit gewogen“. Viele Chromosomen-Schäden und diverse Krankheiten könnten „so schließlich gar nicht erkannt werden“.

Eine 100-prozentige Sicherheit gibt es nicht

Screenings seien nie zu 100 Prozent sicher. „Es kann passieren, dass für ein Kind mit einer hohen Wahrscheinlichkeit eine Behinderung vorausgesagt wird. Am Ende kommt das Baby dann jedoch ganz gesund zur Welt“, warnt Marschall in der Huffington Post. Im Umkehrschluss könne eine Schwangere, bei der eine sehr geringe Wahrscheinlichkeit einer Behinderung festgestellt werde, ein krankes Kind zur Welt bringen. „Im schlimmsten Fall wird so ein gesundes Kind abgetrieben“, weiß die Medizinerin.

Es geht um viel Geld. Die Kosten für umfassende Baby-Sreenings können schnell in den vierstelligen Euro-Bereich gehen. „Doch Krankenkassen dürfen nur die medizinisch notwendigen Untersuchungen bezahlen, die vom Gesetzgeber in den Leistungskatalog für die Kassen aufgenommen wurden“, so Marschall. Deshalb bleiben Schwangere auf den Kosten für derlei Untersuchungen oft sitzen.

Auch eine Sprecherin des GKV, des Dachverbands der Gesetzlichen Krankenversicherung, sagt: "Die Pränatal-Diagnostik als Screening bei gesunden Bevölkerungsgruppen ist keine Regelleistung der gesetzlichen Krankenversicherung, weil der Nutzen als Screening nicht oder nicht ausreichend belegt ist." Zudem bestünden "je nach Methode durchaus auch Risiken für den Fötus".

Ärztin Marschall empfiehlt: „Es sollte bei auffälligen Ergebnissen immer auch ein Humangenetiker in die Beratung der Frau mit eingebunden werden.“

Mitunter würden die Frauen mit den Ergebnissen der Screenings allein gelassen. Eine umfassende Pränataldiagnostik könne die Frauen auch „psychisch belasten“. Dies kann sich negativ auf die Schwangerschaft auswirken, weiß die Expertin.

Medizinischer Dienst: Kein Nutzen zusätzlicher Ultraschall-Untersuchungen

Die neuen Tests für die Trisomie 21 sieht die Barmer GEK kritisch. „Nicht nur, weil ein negatives Testergebnis nicht bedeutet, dass das Kind gesund ist. Andere Erbkrankheiten können damit nicht erkannt werden“, heißt es dort. Andere Kassen äußern sich hinter vorgehaltener Hand ähnlich.

Eine diskutierte Kostenübernahme durch die Krankenkassen lehnt die Barmer wie auch viele Experten bislang ab. „Es gibt noch viele offene medizinische Fragen.“

„Mit den neuen Bluttests wird gigantisch viel verdient“

Auch stünden mit gut 300 Humangenetikern schlicht nicht genug Ärzte zur Verfügung, "um eine ausreichende Beratung bei einer Vielzahl von Frauen zu garantieren“, so Marschall.

Koppermann warnt ebenfalls: „Mit den neuen Bluttests wird gigantisch viel verdient.“ Ihr Verband setzt sich schon lange gegen allzu leichtfertige Abtreibungen ein. Prinzipiell gelte: „Eine Wahrscheinlichkeit ist noch keine Diagnose.“

Der Berufsverband der Pränatalmediziner war zunächst nicht für eine Stellungnahme erreichbar. Doch wer mit einzelnen Medizinern spricht, dem wird rasch versichert, dass man stets auf eine intensive Beratung der Frauen achte.

Ohnehin ist klar: Manche medizinischen Leistungen während er Schwangerschaft sind komplett ungefährlich und schlimmstenfalls ein teurer Spaß.

Zu viele Ultraschall-Untersuchungen beispielsweise haben bislang laut Experten noch keinem Baby geschadet. Dem Medizinischem Dienst der Kassen (MDS) zufolge sind sie allerdings zu einem einträglichen Geschäft für viele Arztpraxen geworden.

Doch bringen sie Mama und Baby überhaupt etwas? Die MDS-Experten hatten jüngst untersucht, ob es sinnvoll ist, mehr als die von der Kasse erstatteten drei Ultraschall-Untersuchungen in der Schwangerschaft vorzunehmen. Die Auswertung zeigt keine Hinweise auf einen zusätzlichen Nutzen.

Wer allerdings sein Baby schon vor der Geburt sehen will, hat mit dem Baby-Kino möglicherweise seine helle Freude.

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(lp)