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"Letzte Chance der Rebellen": Diese 5 Dinge musst du über die Schlacht von Aleppo wissen

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"Letzte Chance der Rebellen": Diese 5 Dinge musst du über die Schlacht von Aleppo wissen | Abdalrhman Ismail / Reuters
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Seit fünf Jahren befindet sich Syrien im Krieg. Der blutige Konflikt ist vertrackt und verworren, eine baldige Lösung scheint mit jeder weiteren blutigen Schlacht weiter in die Ferne zu rücken.

12 Millionen Menschen sind bereits geflohen oder noch auf der Flucht.

Aleppo, ehemalige Handelsmetropole und Millionenstadt im Norden des Landes, ist mehr als nur ein Sinnbild für das Grauen des Krieges.

Hier spielt sich derzeit sein wohl dunkelstes Kapitel ab. Die Schlacht um die geteilte Stadt ist auch eine Schlacht um die Zukunft Syriens.

5 Dinge, die man verstehen muss, wenn man nach Aleppo blickt:

1. Aleppo ist von enormer Bedeutung

Aleppo war die größte Stadt Syriens. Mehr als zwei Millionen Menschen lebten einst in der Handelsstadt.

Die versuchte Einnahme im Jahre 2012 war einer der ersten großen Vorstöße der bewaffneten Opposition gegen das Assad-Regime. Dahinter stand der Versuch in Aleppo eine neue Hauptstadt zu etablieren, Damaskus, in den Händen von Syriens Staatspräsident Baschar Hafiz al-Assad, ein neues Zentrum entgegenzusetzen. Seitdem ist Aleppo an einer groben Ost-West-Achse geteilt. Immer wieder kommt es zu blutigen Kämpfen und Bombardements, Grenzen und Einflusszonen verschieben sich.

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Credit: @deSyracuse (www.agathocledesyracuse.com)

Die syrischen Rebellengruppen halten grob den Ostteil der Stadt, das Regime den Westen. Seit mehreren Wochen rücken Assads Truppen vor, kontrollieren mittlerweile die wichtige Castello-Straße im Nordwesten Aleppos, lange der Hauptversorgungsweg der Rebellen. Die Rebellenviertel sind unter Belagerung, die Versorgungswege abgeschnitten. Russische Luftangriffe unterstützen Assads blutigen Vorstoß. Derweil versuchten islamistische Rebellen im Südwesten der Stadt die Belagerung zu durchbrechen, neue Versorgungswege freizukämpfen.

Experten sehen in der Schlacht um Aleppo einen womöglich kriegsentscheidendes Moment. Denn die Bedeutung Aleppos hängt nicht nur mit der Größe und Prestigeträchtigkeit der Stadt zusammen.

2. In Aleppo könnte sich die Zukunft Syriens entscheiden

Erobert Assad Aleppo, fällt die letzte wirklich große Rebellen-Festung. Dann blieben den bewaffneten Oppositionskräften lediglich ländlichere Gebiete im Westen und Südwesten der Stadt sowie einige Einflussgebiete im Süden Syriens.

Mit Aleppo als Bollwerk könnte Assad zudem mittelfristig auf die von kurdischen Gruppen auf der einen Seite und dem Islamischen Staat (IS) auf der anderen Seite kontrollierten Grenzgebieten zur Türkei vorrücken.

Der Norden Syriens ist für viele Kriegsparteien von strategischer Bedeutung, da über die Grenze zur Türkei Nachschub und Kämpfer transportiert werden können. Auch die Rebellen in Aleppo bezogen lange Nachschub über Verbindungsstraßen zur Türkei, während das Regime auf den Lufttransport durch syrische und russische Flugzeuge angewiesen war.

"Die Schlacht ist die letzte Chance für die Rebellen", hatte Rami Abdel Rahman, Leiter der oppositionsnahen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte vor einigen Tagen erklärt. "Wenn die Rebellen diese Schlacht verlieren, wird es schwierig für sie, einen neuen Angriff zu starten."

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Zivillisten verbrennen in ihrer Verzweiflung Reifen, um Flugzeugen des Regimes die Sicht zu erschweren

Fällt Aleppo ist das besonders für die moderaten Oppositionskräfte, die einen Teil der Rebellen stellen, ein herber Rückschlag. Die Genfer Friedensgespräche würden damit faktisch scheitern. Viel mehr als eine Kapitulationserklärung zu unterzeichnen, würde der Delegation der Oppositionellen dann wohl nicht bleiben.

3. Es geht um das Leben von 300.000 Zivillisten

Wahrhaft dramatisch ist das Schicksal der etwa 300.000 Zivilisten, die derzeit noch im Ostteil Aleppos eingeschlossen seien sollen. Immer wieder werden Unbewaffnete Opfer skrupelloser Luftangriffe der syrischen und russischen Luftwaffe.

Erst in der Nacht auf Donnerstag starben wieder mindestens 16 Zivillisten, wie die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte berichtet. Unter den Opfern seien vier Kinder.

Internationale Hilfsorganisationen befürchten eine Verschärfung der humanitären Katastrophe. Neben der Versorgung mit Nahrungsmitteln macht den Helfern vor allem die medizinische Notlage Sorgen.

Für die Bewohner in den abgeriegelten Teilen sei es nahezu unmöglich, medizinische Behandlung zu bekommen, teilte die Hilfsorganisation Ärzte der Welt mit.

"Die Abriegelung und die Aufforderung an die Zivilbevölkerung, Aleppo zu verlassen, stellt die humanitäre Hilfe vor eine der größten Herausforderungen seit Beginn der Syrienkrise“, sagte François de Keersmaeker, Direktor von Ärzte der Welt.

4. Regime und russische Armee begehen schwere Kriegsverbrechen

Der Kampf um Syrien ist gleichzeitig ein Kampf um Informationen und Deutungshoheiten. Denn alle Parteien beschuldigen sich immer wieder grausamer Verbrechen. Erst kürzlich kam es zum Gipfel dieser Grausamkeit, als Rebellen im Norden Aleppos offenbar einen höchstens 12-jährigen Jungen enthaupteten und das Verbrechen auf Video festhielten.

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Ein Lastwagen voller Hilfsgüter nach der vermeintlichen Bombardierung durch russische Flugzeuge

Der Junge soll einer palästinensischen Paramilitär-Einheit angehört haben, die für Assad kämpfte. Die Täter sollen der in der Vergangenheit von der USA unterstützten Miliz Nour al-Din al-Zinki angehört haben.

In den vergangenen Wochen sorgen jedoch vor allem die Taten der syrischen Armee für Empörung. Immer wieder bombardiert das Assad Regime unter russischer Unterstützung Zivillisten, auch die Krankenhäuser der Stadt werden offenbar gezielt angegriffen.

Dabei setzen syrische und russische Einheiten in Syrien offenbar auch Fassbomben, improvisierte mit Sprengstoff gefüllte und aus Helikopter abgeworfene Schläuche, Chemikalien und Napalm ein, wie zahlreiche aus den Kriegsgebieten im Internet verbreitete Bilder und Videos glaubhaft darlegen.

Zudem im Zentrum der Kritik: die angeblich humanitären Korridore. Hilfsorganisationen kritisieren diese von syrischen und russischen Truppen eingerichteten Fluchtkorridore für Hunderttausende eingekesselte Zivilisten in Aleppo. Dies sei keine humanitäre Hilfsmaßnahme, erklärten am Mittwoch CARE, Save the Children, World Vision und AWO International gemeinsam mit 35 weiteren Organisationen.

"Einen angeblich sicheren Fluchtweg anzubieten, darf nicht im Umkehrschluss bedeuten, dass die verbleibenden Menschen zu militärischen legitimierten Zielen werden“, rügten die Organisationen. Die Stadt dürfe nicht zu einem weiteren Ort des Massensterbens werden, der Belagerungszustand und die illegalen Angriffe auf Zivilisten müssten enden.

Augenzeugen berichten zudem, Menschen, die versuchten über die Wege zu fliehen, seien von regimetreuen Kämpfern angegriffen worden.

Mohamad Katoub, Sprecher der Syrisch-Amerikanischen Medizinischen Gesellschaft, sagte der Tageszeitung "Bild": "Wir haben Informationen, wonach Menschen, die diese Korridore passieren wollten, verletzt wurden, als sie Scharfschützen aus dem Regierungsgebiet angriffen. Es gibt bis heute keine einzige Bestätigung, dass auch nur eine Familie aus Ost-Aleppo die Korridore durchqueren konnte.

5. Die letzte Hoffnung der Rebellen ruht auf den Schultern islamistischer Kräfte

Die Hoffnung vieler Regime-Gegner liegt in den Händen islamistischer Kräfte. Sie sind die militärisch wehrhafteste Kraft, die sich Assad bei Aleppo entgegenstellt.

Im Westen und Südwesten herrscht das Islamisten-Bündnis Dschaisch al-Fatah, das am Sonntagabend eine Offensive gestartet hat, um den Belagerungsring um Aleppo zu brechen. Der Koalition gehören zwar auch moderate Kämpfer an, sie wird aber von mächtigen und teils extremistischen Gruppen dominiert.

So handelt es sich bei Fatah al-Scham - noch vor wenigen Tagen als Al-Nusra-Front der offizielle Ableger des Terrornetzwerkes Al-Kaida in Syrien - um Dschihadisten.

Auch die islamistischen Milizen Dschaish-Al-Islam und Ahrar Al-Scham stellen sich den Regierungseinheiten entgegen, versuchen die Versorgungswege wieder zu öffnen.

Von ihnen könnte die Zukunft des Landes abhängen. Eine Zukunft, die derzeit düsterer scheint denn je.

Mit Material der dpa.

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(cho)