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Wieso der Militärcoup bei vielen Türken die Hoffnung auf eine bessere Zukunft weckt

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ERDOGAN OPPOSITION
Wieso der Militärcoup bei vielen Türken die Hoffnung auf eine bessere Zukunft weckt | ASSOCIATED PRESS
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  • In Deutschland warnen Experten vor den fatalen Folgen des niedergeschlagenen Militärputsches für die Türkei
  • In der Türkei dominiert dagegen eine andere Perspektive
  • Viele Türken glauben an die positiven Konsequenzen des abgewendeten Coups

In den deutschen Medien überschlagen sich dieser Tage die Negativ-Meldungen über die Situation in der Türkei. Nach dem gescheiterten Putschversuch des Militärs scheint das Land außer Kontrolle zu geraten.

Mit der EU hat sich Präsident Recep Tayyip Erdogan längst überworfen, jetzt drohte die türkische Regierung gar, das Flüchtlingsabkommen aufzukündigen.

Innenpolitisch zieht der Präsident die Schrauben an, nimmt immer mehr vermeintliche Putschisten fest, entlässt potenzielle Gegner aus ihren Ämtern.

Die Rhetorik der AKP-Regierung gegenüber vermeintlichen Putschisten ist dabei zunehmend martialisch. Alles deutet darauf hin: Die Türkei steht am Abgrund.

Doch diese Sicht ist nur eine Seite der Medaille: Denn in der Türkei wird der niedergeschlagene Putsch von vielen ganz anders beurteilt. In ihm sehen nicht wenige die Chance, die Türkei wieder zu einen.

Experte setzt "Hoffnung" in den Coup

So argumentiert auch Selim Can Sazak, Nahostexperte des Think-Tanks Century Foundation im wohl renommiertesten Magazin für Auswärtige Politik, "Foreign Affairs“.

Er sieht die Türkei vor einer schicksalhaften Entscheidung: Rückt sie wieder näher zusammen, oder bricht sie völlig auseinander? Aus deutscher Sicht erstaunlich: Sazak äußert durchaus Hoffnung, dass es zum erstgenannten Szenario kommt.

"Vor dem Coup haben Regierung und Opposition sogar die kleinsten Gesten des Wohlwollens abgelehnt, zum Beispiel öffentliches Händeschütteln. Jetzt reden sie wieder miteinander“, schreibt der Türkei-Experte.

Große Gesten der Annäherung

Eine Annäherung, die durchaus spürbar ist: Dass Kemal Kılıçdaroğlu, Vorsitzender der größten Oppositionspartei CHP, und Devlet Bahçeli von der rechtsextremen MHP Erdogan nach dem Putschversuch in seinem Palast trafen, war lange keine Selbstverständlichkeit.

Noch vor wenigen Wochen schien ein solches Treffen unmöglich. Der Dialog zwischen Regierung und Präsident auf der einen und den Oppositionsparteien auf der anderen Seite war unterbrochen.

Putsch markiert Zäsur

Die Nacht des Putsches änderte dies schlagartig. Bereits am Folgetag des Militäraufstandes äußerte Türkei-Experte Kristian Brakel in der Huffington Post leise Hoffnungen auf einen guten Ausgang der Geschehnisse: "Der positive Aspekt der letzten Nacht war, dass sich auch alle Oppositionsparteien gegen den Putsch ausgesprochen haben. Besonders die HDP-Anhänger werden von der AKP immer wieder als Volksverräter diffamiert. Ihre klare Verurteilung des Putsches war so nicht vorherzusehen.“

Premierminister Binali Yildirim dankte den Oppositionsparteien öffentlich für die Unterstützung. Sonntag vor einer Woche wurde der kemalistischen CHP-Partei eine Großdemonstration am Taksim-Platz genehmigt. Jenem symbolträchtigen Ort, an dem seit den Gezi-Protesten gegen Erdogan im Sommer 2013 Versammlungsverbot herrschte. Rund 200.000 kamen, auch hochrangige Regierungspolitiker waren unter den Besuchern.

All das mag eher unbedeutend wirken, im Vergleich mit den Nachrichten von der Willkür, mit der Erdogan das Land derzeit zu regieren scheint. Für viele Türken ist es das jedoch nicht.

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Türkei war lange eine Nation ohne Identität

Sazak beschreibt ihre Hoffnung für die Türkei wie folgt: "Wenn die politische Führung des Landes die Möglichkeit nutzt, könnte der Sommer 2016 ein Wendepunkt zum Guten bedeuten.“

Die Türkei sei immer ein Land gewesen, "das von Klebeband und Draht zusammengehalten wurde". Die Türken hätten sich in ihrer Geschichte häufig nicht über gemeinsame Identitäten verbunden gefühlt, sondern über die Abneigung gegenüber der Regierung.

Erdogan konnte das Volk mit der Politik versöhnen. Die säkulare Opposition jedoch nicht. Der Militärcoup sei "das erste Mal seit Dekaden, dass die Türkei wieder zusammenrücke". In der Empörung gegen den gescheiterten Militärputsch und seinen vermeintlichen Initiator Fethullah Gülen.

Deutsche haben anderen Blick

Erleben wir also nicht das Ende der demokratischen Gesellschaft in der Türkei, sondern ihren Anfang?

Schwer zu glauben ist das allemal. Doch es lohnt sich zu verstehen, dass viele Türken ein anderes Narrativ von der Putsch-Nacht haben als die Deutschen.

Während sie hier vielfach als Initialzündung zum Umbau der Türkei in eine Diktatur interpretiert wurde, ist sie für viele Türken die Nacht, in der das Volk die Demokratie verteidigte.

In einer Geschlossenheit, die lange unmöglich schien.

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(sk)