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"Sie folgen Erdogan statt Merkel": Integrationsexperte erklärt, was Deutschland tun muss, um AKP-Unterstützer zu erreichen

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KLN
dpa
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  • Vertreter der türkischen Gemeinde warnen nach der Pro-Erdogan-Demo in Köln vor tiefen gesellschaftlichen Gräben
  • Kazim Erdogan, Integrationsexperte aus Berlin-Neukölln, erinnern die Methoden der Erdogan-Befürworter "an das Dritte Reich"
  • Er mahnt dazu, sich mehr mit Deutschland als mit der Türkei auseinanderzusetzen

Nach der Pro-Erdogan-Demo in Köln warnen Vertreter der türkischen Gemeinde in Deutschland vor einem Auseinanderdriften der Gesellschaft.

"Die Deutschen müssen jetzt anfangen, ihre Werte zur erklären“, sagt der Psychologe Kazim Erdogan im Gespräch mit der HuffPost. Erdogan zählt zu Deutschlands führenden Integrationsexperten, erhielt für sein Engagement das Bundesverdienstorden.

"Demokratie und Freiheit sind eben doch verhandelbar für die Menschen, die in Köln auf die Straße gegangen sind. Wenn das nicht gelingt, droht sich unsere Gesellschaft noch weiter zu spalten“, so Erdogan.

Die türkische Gemeinde in Deutschland beschreibt er als tief gespalten. Eine Mehrheit fühle sich abgehängt, nicht verstanden. "Viele dieser Menschen hören vielleicht mehr auf Erdogan als auf Merkel, obwohl sie nur zwei oder dreimal in der Türkei waren“, sagt Erdogan.

"Die denken nicht logisch"

Mehr als jeder zweite hat bei den Wahlen vergangenes Jahr für Erdogan gestimmt – und seine AKP-Partei. Die Konflikte in der Türkei spielten auch in Deutschland eine Rolle. "Wenn jemand sagt, er geht nicht auf die Straße, wird er sofort als Anhänger der Gülen-Bewegung abgestempelt. Die denken nicht logisch“, sagt Erdogan.

Deswegen hätten Türken in Deutschland Angst, die Ereignisse nach dem Putschversuch zu kritisieren. „Wer das macht, wird beschimpft, bekommt Hassmails und ist der Verräter des Vaterlandes". Das erinnere ihn das Dritte Reich. "Die türkische Community muss lernen, Kritik auszuhalten. Nicht jede Kritik ist eine Aktion gegen das Vaterland“, so Erdogan.

Diese Menschen müssten endlich anfangen, ihren Bezug zu Deutschland zu verstehen. "Und das bedeutet auch, sich mit den Werten wie Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit auseinanderzusetzen“, sagt der Experte aus Berlin-Neukölln. Die türkische Flagge könne auf Dauer keine Antwort auf gemeinsame Probleme sein.

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"Operieren zu oft davon ausgehend, was uns trennt"

Genauso wenig könne es aber eine Antwort sein, die AKP-Befürworter auszugrenzen. "Wir operieren zu oft von dem ausgehend, was uns trennt – und nicht, was wir gemeinsam haben“, sagt Erdogan. Der Satz: "Mann, du bist nicht angekommen“ funktioniere nicht. Viel eher funktioniert aber: "Ich würde mir wünschen, wenn wir zusammenkommen“.

Von Kanzlerin Merkel wünscht er sich deswegen, dass sie Deutschlands Werte verteidigt – und nicht von ihr abrückt. "Aber wertschätzend,“ sagt Erdogan.

Kazim Erdogan wurde für sein Engagement im Berliner Bezirk Neukölln mit dem Bundesverdienstorden ausgezeichnet. Er ist Gründer und Vorsitzender des Vereins "Aufbruch Neukölln“. Er studierte Psychologe und Soziologe leitet seit 2007 die deutschlandweit erste Selbsthilfegruppe für türkeistämmige Männer. Von einigen Medien wird er auch als "Kalif von Neukölln" bezeichnet.

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(lp)