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Auslosen statt wählen: So will ein belgischer Historiker unser politisches System revolutionieren

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REYBROUCK
Historiker David Van Reybrouck | Getty
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  • Ein belgischer Historiker schlägt vor: Künftig soll nicht mehr gewählt, sondern gelost werden
  • Eine kleine Gruppe geloster Bürger soll Entscheidungen treffen
  • Der Wissenschaftler setzt auf mehr Verantwortung - und genügend Informationen

Die Briten haben sich aus der EU gewählt, Bürger etlicher europäischer Länder wählen Populisten und Demagogen in ihre Parlamente. Es scheint, als habe die Demokratie sich in ein zerstörerisches, in ein den einfachen und kurzfristigen Lösungen verfallenes System verwandelt. Ein System, das in seiner jetzigen Form nicht mehr zeitgemäß ist.

Jeder darf sich beteiligen und abstimmen - das Prinzip von Wahlen und Volksabstimmungen. Doch das hat sich längst überholt, meint der belgische Historiker David Van Reybrouck: "Wir tö­ten die De­mo­kra­tie, wenn wir sie auf die­se ar­chai­schen Ver­fah­ren re­duzieren", sagt der 44-Jährige im Interview mit dem "Spiegel". Was aber soll die Alternative sein? Eine Diktatur, ein starker Mann wie Erdogan, die Anarchie?

Van Reybrouck hat eine andere Lösung: Bei den nächsten Wahlen sollte gelost werden, schlägt er vor.

"Die Leute aus der Kabine holen"

Eine völlig meschuggene Idee, scheint es zunächst. Doch im Konzept von Van Reybrouck steckt tatsächlich Substanz: Ausgelost wird demnach nicht das Wahlergebnis, sondern eine Gruppe von Wählern - ähnlich einer Jury aus Geschworenen im Gerichtsprozess.

Der Wissenschaftler glaubt: "So las­sen sich Ent­schei­dun­gen her­bei­füh­ren, die das lang­fris­ti­ge Ge­mein­wohl be­tref­fen. Die Wahl­de­mo­kra­tie kann das ganz of­fen­sicht­lich nicht. " Er nennt Beispiele von 1.000 gelosten Bürgern, die etwa in einer Abstimmung wie dem Brexit-Referendum stellvertretend für alle anderen hätten wählen können.

Was aber ist der Vorteil, den Kreis der Stimmberechtigten von mehreren Millionen auf 1.000 zu reduzieren? Van Reybrouck bringt die Verantwortung ins Spiel. Beim Lossystem wolle er "die Leu­te aus der Ka­bi­ne ho­len und hin­ein in die Öffent­lich­keit brin­gen". Die Botschaft: Die Zukunft des Landes liegt in deinen Händen. Versau das nicht.

Die Dummheit der Masse

Dazu gehört, dass das Panel der Gelosten sich in einem Entscheidungsprozess auf die Abstimmung vorbereiten soll. Beliebige Experten sollen geladen werden, alle wichtigen Informationen beigezogen werden. Das soll verhindern, dass die Bürger ohne großes Nachdenken populistische Entscheidungen treffen ("Trump wäh­len heißt dem Es­ta­blish­ment den Mit­tel­fin­ger zei­gen").

Denn bei der gleichen, allgemeinen Wahl verschwindet der Einzelne mit seiner Entscheidung in der Masse - blöd nur, wenn jeder in der Masse so denkt und womöglich für ein Ergebnis stimmt, das er sich gar nicht wünscht. So laut Van Reybrouck geschehen im Fall der EU-Abstimmung in Großbritannien: "Ich habe nichts ge­gen den Brex­it, so­lan­ge der Ent­schei­dung ein ver­nünf­ti­ges Ver­fah­ren vor­an­geht. Das war nicht der Fall."

Ein weiteres Beispiel, das er ins Feld führt: Im erzkatholischen Irland durften 66 Bürger an einer Versammlung aus 100 Mitgliedern teilnehmen, um über Verfassungsänderungenzu beraten - darunter die Öffnung des Landes für die gleichgeschlechtliche Ehe. Nachdem das Panel mit 80 Prozent Mehrheit dafür gestimmt hatte, votierten in einer Volksabstimmung zwei Drittel der Menschen mit Ja. Van Reybrouck schreibt das der Tatsache zu, dass Bürger direkt mitdiskutieren durften.

Lehrbeispiel für die EU

Auf diese Weise könnte auch die Europäische Union an Legitimität gewinnen, glaubt der Historiker. Für durch und durch demokratisch halten den Staatenbund nur wenige.

Van Reybrouck meint, Bürger sollten dem Losverfahren nach befragt werden und ihre Wünsche für die EU aussprechen - ganz bewusst als Vertreter des Landes, in dem sie wohnen, nicht als Teil einer fernen Machtmaschine, die von Brüssel aus wirkt: "Wenn die EU klug wäre, wür­de sie Geld in die Hand neh­men und in die De­mo­kra­tie in­ves­tie­ren. Und zwar auf der na­tio­na­len Ebe­ne."

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