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Die kranke Welt der Amokfans: So gefährlich sind Killerspiele-Chats

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MNCHEN
dpa
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  • HuffPost-Recherchen zeigen, dass sich in Chats von Killerspielen zahlreiche Amokfans und Rechtsradikale tummeln
  • Amokläufer werden Experten zufolge auch in Chatrooms radikalisiert
  • Psychologe: Anfällige Jugendliche werden durch positives Feedback zu Amokläufen ermutigt

Es sind angesichts des nicht endenden Amok-Wahnsinns verstörende Sätze, die sich in diesen Tagen auf der Spieleplattform Steam finden. In der Gruppe mit dem zweifelhaften Namen "AmokZ" postete etwa der Nutzer "OpteronDerMisanthrop" Sätze wie: "War against Humanity" ("Krieg gegen die Menschlichkeit!") oder "AMOKLAUF!"

Er und andere User schrieben Dinge wie: "Ausländer als Zielscheiben benutzen ist lustig", postete der selbsternannte Misanthrop. Angesichts der schrecklichen Taten von Ansbach, Würzburg und München klingt dies einfach nur zynisch. In der bayerischen Landeshauptstadt hatten sämtliche Opfer Migrationshintergrund.

Und jemand, der sich auf Englisch "Ivan, der Judenjäger" nennt, teilt der Welt mit: "Lasst den Nationalsozialismus nicht sterben." Ein anderer postet: "Heil Hitler."

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Bei Steam finden sich nach Recherchen der Huffington Post zahlreiche rechtsradikale oder amokverherrlichende Kommentare. "Ich hasse die meisten Menschen", ist da zu lesen.

Von "Juden" oder der "Herrenrasse" ist in immer noch immer offen zugänglichen, Kommentaren die Rede.

"Der Münchner Amokläufer hat seine Fans - Heil dem deutschen Erlöser"

Eine Vielzahl von Nutzern zeigt in dem Chat offen Sympathie für die Bluttaten von Anders Breivik, Ali David S. und Co. Sätze von Chat-Teilnehmern wie "Heil dem deutschen Erlöser – das ist nur der Anfang" klingen angesichts dessen, dass etwa der Amoklauf von München mutmaßlich einen rechtsextremen Hintergrund haben soll, äußerst makaber.

Eigentlich tauschen sich die Spieler in den Chatrooms über Details der Spiele aus. Tausende diskutieren etwa über die neuesten Waffen beim Gewaltspiel Counterstrike, doch manche teilen darin aller Welt auch ihre Gewalt- oder Nazifantasien mit.

In dem Chat einer "Counter-Strike"-Gruppe bei Steam hatte sich einem Bericht von "Spiegel TV" zufolge auch Ali David S., der mutmaßlich rechtsextreme Attentäter von München herumgetrieben. Unter dem Namen "Amokläufer" habe er über Türken geschimpft und sich im Chat auch mit Leuten ausgetauscht, die gegen Juden hetzten.

Über den Schul-Amokläufer von Winneden: "Tim K. ist unvergessen"

Unter dem Profil "Hass" postete der Killer von München offenbar Sätze wie "Tim K. ist unvergessen“. Tim K. hatte vor einigen Jahren in einer baden-württembergischen Realschule wild um sich geschossen, hatte 15 Schüler und zum Schluss sich selbst getötet.

Auf Steam gibt es weitere Nutzer, die sich "Amoklauf" nennen. Andere Nutzer, die ihre Profile in den vergangenen Tagen angelegt haben, nennen sich HuffPost-Recherchen zufolge exakt so wie der Münchener Wahnsinnstäter hieß, etwa "Ali S." oder "Ali David S.". (Anm.: Die Redaktion nennt bewusst nicht den vollen Namen)

Sie huldigen ganz offenbar dem Täter. Doch die in den USA sitzenden Betreiber sahen bislang offenbar keine Notwendigkeit, die Profile zu löschen.

Dabei warnen Psychologen vor einer möglichen Gefährdung von Jugendlichen, wenn in einschlägigen Amok-Chatforen solche Beiträge nicht nur nicht vom Betreiber gelöscht werden, sondern gar positiver Zuspruch von anderen Nutzern kommt. Labile junge Männer könnten sich so bestärkt fühlen, wenn sie sehen, welche große Bewunderung Amokläufer in den Netzwerken für ihre Bluttaten erfahren.

Psychologe: Anfällige Jugendliche "holen sie sich die Bestätigung, die sie sonst nirgends bekommen"

Nils Böckler vom Institut Psychologie und Bedrohungsmanagement (IPBm) hat intensiv über die Radikalisierung von Amokschützen geforscht. Dabei hat er insbesondere den Werdegang und das Verhalten analysiert. Auch befragte sein Team Amok-Sympathisanten im Internet.

Viele Jugendliche seien in den Monaten oder Jahren vor ihrer Tat in Chats und Social-Media-Kanälen unterwegs gewesen. "Ein Großteil der bisherigen Schul-Amokläufer in Deutschland sind sogar regelmäßig in speziellen Amok-Fangruppen im Internet aktiv gewesen", sagt Böckler.

Aufgrund seiner Arbeit ist für ihn klar: "Es gibt Jugendliche, die sich sehr viel in Chat-Gruppen bewegen, in denen etwa Amoktäter glorifiziert werden. Dort holen sie sich die Bestätigung, die sie sonst nirgends bekommen."

Es gehe "aus einer Vielzahl von Fällen klar hervor, dass sie sich mit Hilfe der dort verfügbaren Inhalte radikalisiert haben". In den Foren würden sie sich etwa die Tagebücher, Videos oder Texte zum Werdegang ehemaliger Amokläufer beschaffen. In den Gruppen würden teilweise sehr "intensive Identifizierungsprozesse mit vorherigen Amokläufern" stattfinden.

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Experte für Killlerspile-Chatrooms: "Es gibt eine regelrechte Fan-Kultur für Amokläufer"

Für den Psychologen und Erziehungswissenschaftler ist klar: "Es gibt eine regelrechte Fan-Kultur für Amokläufer." In den Chats würden etwa der norwegische Amokläufer Anders Breivik und insbesondere die School-Shooter vom Colombine-Massaker gefeiert. Letztere hatten in den USA 13 Menschen umgebracht.

Wenn sich in Killerspiele-Chats Jugendliche ein Profil mit dem Namen des Attentäters zulegten und dafür positive Rückmeldungen bekämen, könne "dies bei anfälligen Jugendlichen zu einer Radikalisierung beitragen". Durch ein positives Feedback von anderen Jugendlichen könnten diese "im Extremfall selbst zu einem Amoklauf ermutigt werden".

Wenn ein echter Freundeskreis und positive Erlebnisse aus der Schule oder dem Elternhaus fehlten, könnten "solche Chats zu einer Ersatzwelt werden". Es gebe Jugendliche, die sich sehr viel in solchen Chat-Gruppen bewegten. Sie holten sich dort die Bestätigung, die sie woanders nicht bekämen.

Jugendschützer warnen vor Nachahmern


Auch der München Attentäter könne "sich über die Chats intensiv mit anderen Tätern identifiziert und dies zu seiner Radikalisierung beigetragen haben", sagt Böckler.

Jugendschützer sind jedenfalls alarmiert: Zwar sieht Patrick Frankenberger, Experte für Islamismus im Internet bei Jugendschutz.net, die meisten Jugendlichen von der extremen Gewalt abgeschreckt: Aber wenn nur ein minimaler Prozentsatz der Chat-Nutzer darauf anspringe, sei "das schon extrem gefährlich", sagte er "Spiegel Online".

Doch warum geht die US-Firma Valve, die durch das fiktive Erschießen von Menschen viel Geld verdient, nicht hart gegen die das Dritte Reich oder Amokläufe verherrlichende Kommentare auf ihrer Spieleplattform vor?

Steam-Betreiber äußert sich zunächst nicht

Wie bei Facebook haben Steam-Nutzer zwar die Möglichkeit, gewaltverherrlichende Inhalte zu melden. Es lassen sich jedoch lediglich Profile oder ganze Gruppen melden, keine einzelnen Beiträge in den Gruppen-Chats.

Das alles würden wohl auch manche Eltern von Opfern der Schreckenstat von München sicher gerne wissen. Steam-Betreiber Valve äußerte sich zunächst nicht auf Anfrage der Huffington Post.

CSU-Spitzenpolitikerin Bär sieht "Unternehmen in der Pflicht"

Die deutsche Politik will die Unternehmen nun in die Pflicht nehmen. "Hass, extremistisches Gedankengut und der Aufruf zu verbrecherischen Taten sind in Foren, Chats und in den Social Media ebenso wenig hinzunehmen wie in allen anderen Kontexten", sagt Dorothee Bär, Parlamentarische Staatssekretärin des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur. Die Vorsitzende des CSU-Netzrates betont im Gespräch mit der Huffington Post: "Selbstverständlich haben hier auch die Anbieter der Plattformen eine entsprechende Verantwortung."

Auch Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) will die Internet-Provider stärker in die Pflicht nehmen. "Ich finde es nicht zu viel verlangt, dass Hassmails, Anleitungen zum Bombenbauen und Ähnliches schneller aus dem Netz verschwinden", sagte er.

Den Opfern des Münchner Amoklaufs wird das jedoch nicht mehr helfen.

Mitarbeit: Julius Zimmer