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"Tickende Zeitbombe": Ermittler halten Freund des Amokläufers für gefährlich - doch er läuft frei herum

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MUENCHEN
Der Amokläufer von München wurde auf einem Parkhaus gefilmt, wie er seine Waffe nachlud | Screenshot Youtube
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  • Der Amokläufer von München hatte Kontakt zu anderen Jugendlichen, mit denen er Gewaltfantasien teilte
  • Einen dieser Bekannten möchten Ermittler in U-Haft nehmen, doch der Richter lehnt dies ab
  • Sicherheitskreise bezeichnen den 16-Jährigen als "tickende Zeitbombe"
  • Unterdessen nahm die Polizei einen weiteren seiner Kontakte fest
  • Der Teenager besaß Messer, Munition und Chemikalien zum Bombenbau

Der Amokläufer von München, Ali David S., hatte offenbar über Internetforen Kontakt zu Freunden, mit denen er Gewaltfantasien und Mordpläne teilten.

Besondere Sorgen bereitet den Ermittlern ein 16-Jähriger aus dem Münchner Stadtteil Laim, den Ali David S. unmittelbar vor der Tat in der McDonald’s-Filiale traf, in der er später seinen Amoklauf begann. Ali David S. soll ihm vor der Tat seine Waffen und Munition gezeigt haben.

Das berichtet die "Süddeutsche Zeitung". Nach Angaben der Zeitung befürchten Sicherheitskreise, dass der Jugendliche eine Gewalttat begehen könnte. Sie sprachen von einer "tickenden Zeitbombe".

Die Ermittler wollen ihn in Untersuchungs-Haft nehmen, weil sie davon ausgehen, dass er Informationen über Kontakte in Internet-Foren preisgeben könnte. Doch der Ermittlungsrichter hat einen Antrag auf U-Haft am Montag abgelehnt. Über eine Beschwerde der Staatsanwaltschaft wurde noch nicht entschieden.

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Der spätere Amokläufer hatte den 16-Jährigen im Sommer letzten Jahres in der Psychiatrie am Klinikum Harlaching in München kennengelernt. Dort war Ali David S. zwei Monate lang behandelt worden.

"Kleinkaliberpatronen, mehrere Messer und Dolche" gefunden

Zudem nahm die Polizei in der Nacht zum Dienstag einen weiteren Teenager im baden-württembergischen Ludwigsburg fest, der Kontakt zu Ali David S. hatte.

Nach Angaben der "Süddeutsche Zeitung" fanden Ermittler unter anderem "eine größere Anzahl Kleinkaliberpatronen, mehrere Messer und Dolche". Außerdem sei eine größere Menge Chemikalien und Material und Anleitungen zur Herstellung von Sprengmitteln gefunden worden. Auf einen möglichen Amoklauf an seiner Schule deuten bei ihm entdeckte Fluchtpläne des Gebäudes hin.

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Der junge Mann will sich bereits im Januar dieses Jahres von den Amokplänen distanziert haben. Die gefährlichen Waffen hatte er aber offensichtlich noch nicht entsorgt.

Bei dem 15-Jährigen kommen die "klassischen Dinge" für einen Amoktäter zusammen

Auf den Zusammenhang zwischen dem 15-Jährigen Baden-Württemberger und dem 18-jährigen Amokläufer aus Bayern war ein Privatmann aus Ostdeutschland über ein Forum für Spieler von Gewaltspielen gestoßen.

Dieser hatte sich an die Internetwache des Landeskriminalamtes in Stuttgart gewandt und damit die Polizei auf die Spur des Jungen gebracht. Der junge Ludwigsburger hatte Fotos und Zeichnungen von Bomben und Waffen veröffentlicht, die auf eine mögliche Amoktat hindeuteten. Diese seien aber erst vor Kurzem gelöscht worden. Auch die Münchner Beamten gehen den Hinweisen nach.

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Aus Sicht der Anklagebehörde kommen bei dem 15-Jährigen die "klassischen Dinge" für einen Amoktäter zusammen: Mobbing, schulische Probleme und das Empfinden, ein Außenseiter zu sein. Dies räumte der Junge auch gegenüber den Beamten ein. Die Konstellation erinnert fatal an Tim K., der im März 2009 an seiner ehemaligen Schulen in Winnenden bei Stuttgart und auf der Flucht 15 Menschen und sich selbst erschossen hatte.

"Bin ich froh, dass nichts passiert ist"

Mit ihm verbindet den jungen Mann aus der Gegend um Ludwigsburg auch die Vorliebe für gewalttätige Computer-Spiele. Der 15-Jährige, der nicht mit einem Haftbefehl rechnen muss, befindet sich derzeit freiwillig in einer psychiatrischen Anstalt im Kreis Heilbronn; möglicherweise ist es dieselbe, in der auch Tim K. wegen psychischer Probleme behandelt wurde.

Und noch eine weitere Querverbindung: Der Amokläufer von München soll sich vor seiner Bluttat an den Tatorten in Winnenden informiert haben.

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"Bin ich froh, dass nichts passiert ist", sagte der fassungslose Landesvorsitzende des Lehrerverbands VBE, Gerhard Brand. Dass "dieses Kind" allein wegen Mobbings Rachepläne gehegt haben mag, hält er nicht für realistisch. "Sonst hätten wir an jeder Schule 20 Amokläufer."

Die Ermittler geben zum Umfeld des Jugendlichen wenig preis. Er komme aus einer "ganz normalen Familie", sagte der Polizeisprecher. Überdies hätten die Eltern keine Ahnung gehabt, welche Waffen ihr Sohn in der Wohnung hortete.

Mit Material der dpa

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(sk)