Huffpost Germany

Islam-Reformer gibt muslimischen Gelehrten die Schuld am Terror

Veröffentlicht: Aktualisiert:
SHAHROUR
Shahrour kritisiert die islamischen Gelehrten hart. | MCT via Getty Images
Drucken
  • Der syrische Intellektuelle Muhammad Shahrour gibt der muslimischen Kultur die Schuld am Terror
  • Besonders geistliche Gelehrte würden durch ihre mittelalteriche Koran-Auslegung das Feindbild des Westens aufrechterhalten
  • Für Muslime sei es deshalb wichtig, sich von diesem Denkmuster zu befreien

Woher kommt es, dass so viele Terror-Angriffe unter dem Deckmantel des Islam begangen werden? Dass sich so viele Terroristen, zu Recht oder Unrecht, auf den Islam berufen?

Dieser Frage gehen Wissenschaftler und Experten rund um den Globus nach.

Armut, Perspektivlosigkeit, politische und wirtschaftliche Instabilität, Intoleranz, Erniedrigung, Frustration - der Terrorismus hat nicht eine Ursache, sondern viele, so die Meinung von Experten.

Der syrische Intellektuelle Muhammad Shahrour sieht das anders. Er gibt die Schuld für den islamistischen Terror vor allem der muslimischen Kultur. "Hass ist Teil unserer Kultur", sagte er im Interview mit der Schweizer Nachrichtenseite "Blick".

Er sieht dabei vor allem die islamischen Gelehrten in der Verantwortung, denn sie würden religiöse Botschaften zur Kultur machen. Sie seien es, die durch ihre mittelalterliche Auslegung des Islams die Gläubigen in die Irre führen, so der 68-Jährige, der als Vertreter des modernistischen Islams gilt.

"Der Hass ist nicht Teil der Religion"

Shahrour sieht im Islam allerdings keine grundsätzlich hasserfüllte Religion. Der Hass sei zwar Teil der Kultur, aber nicht der Religion.

Seine Theorie: Die Feindschaft gegenüber dem Westen ist in der Geschichte begründet, nicht in der heiligen Schrift. Diese Feindschaft gründe auf der Zeit des byzantinischen Reichs und der islamischen Expansion im 8. und 9. Jahrhundert.

"Damals waren Christen und Muslime Feinde. Es herrschte Krieg", sagt Shahrour. Diese Feindschaft zwischen Orient und Okzident sei in die Koran-Interpretation und -Auslegung der Geistlichen eingeflossen und bis heute noch in den Köpfen verwurzelt.

Konflikte, die über tausend Jahre zurückliegen, seien so immer wieder auf aktuelle Situationen angewandt worden: Die Kreuzzüge, die Kolonialzeit – immer sei der Westen der Feind gewesen.

Dieses Denkmuster – der Hass auf den Westen – ist auch immanenter Teil der Ideologie des sogenannten Islamischen Staats (IS).

"Schafe sind einfach zu regieren"

Die Dschihadisten des IS berufen sich immer wieder auf Koranverse, um ihre brutalen und barbarischen Taten vor Gott und anderen Gläubigen zu legitimieren. Ihre Auslegung des Glaubens ist ihr Antrieb.

Und diese Auslegung komme nicht nur von den Islamisten und ein paar radikalen Gelehrten, sondern sei unter dem islamischen Klerus weit verbreitet.

"Sie (die Gelehrten, Anm. d. Red.) haben die Muslime in die Irre geführt." Viele Sprüche des Propheten Mohammed würden falsch gedeutet und somit immer wieder auf die alte Feindschaft projiziert, meint der Islam-Reformer.

Ebenso rückständig sei die strikte Einhaltung der fünf Säulen des Islams: Der Glaube an Allah, Beten, Fasten, Almosen geben und nach Mekka pilgern. Diese Pflichten und ihre strenge Befolgung werden über die geistlichen Gelehrten aufrechterhalten. Dies diene nicht zuletzt dem Ausbau und Erhalt der Macht, sowie der Unterdrückung des Volkes.

Kein Sklave Gottes sein

"Der Klerus hat uns verwandelt, von Menschen zu Schafen. Schafe sind einfach zu regieren", prangert der Aufklärer an. Die Unterdrückung des Volkes allein sei allerdings noch nicht der Auslöser für Attentate.

Der Grund sei, dass die Gelehrten über Jahrhunderte tiefe Schuldgefühle in der Psyche der Gläubigen hervorgerufen haben. Indem immer wieder die strikte Einhaltung der Pflichten und Lebensregeln des Islam betont werde, glauben viele Muslime, Gott sei sehr schwer zufriedenzustellen, denkt Shahrour.

Der radikalste Weg, sich aus dieser Schuld zu befreien, sei für manche Muslime, sich in die Luft zu sprengen. Deshalb sei es umso wichtiger, sich von diesen Schuldgefühlen zu lösen - bevor es zu spät ist.

Doch das sei nur möglich, wenn die Geistlichen aufhören, den Muslimen die Schuld vor Gott einzureden. Im Grunde müsse man als gläubiger Muslim nur ein anständiges Leben führen, um gottgefällig zu sein, meint Shahrour. "Eine recht gute Richtschnur" dafür seien die Zehn Gebote. Der falsche Weg sei es hingegen, sich zum Sklave Gottes zu machen.

Auch auf HuffPost:

„ISIS hat nichts mit dem Islam zu tun“ - Ein Experte findet klare Worte

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

(vr)