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Abrechnung einer türkischen Journalistin: Deshalb ist das Erdogan-Bashing der westlichen Medien falsch

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ERDOGANBASHING
Eine türkische Journalistin warnt davor, die Situation in der Türkei zu vorschnell zu beurteilen | Getty
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  • Nach dem versuchten Militärputsch in der Türkei beobachten westliche Medien Erdogans Reaktion mit Sorge
  • Die türkische Journalistin Barçin Yinanç warnt vor vorschnellen Schlüssen über die Situation in der Türkei
  • "Noch ist die Türkei keine Diktatur", mahnt Yinanç in einem Meinungsartikel für "Hurriyet Daily News"

Recep Tayyip Erdogan – der berechnende Politiker auf geradem Weg zur Diktatur. Dieses Bild hat sich - spätestens seit den fragwürdigen "Säuberungsaktionen" nach dem gescheiterten Militärputschs in der Türkei - in westlichen Medien eingebrannt.

Doch wird dieses Bild der Türkei gerecht? Steht das Land tatsächlich am Anfang vom Ende der Demokratie, wie westliche Medien und Politiker prophezeien?

Die bekannte türkische Journalistin Barçin Yinanç jedenfalls warnt vor einer pauschalen Verteufelung Erdogans und der Türkei – dabei ist sie selbst Kritikerin des umstrittenen Präsidenten.

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In einem Artikel für die amerikanische Version der türkischen Nachrichtenseite "Hurriyet Daily News" richtet sie sich an ihre Kollegen im Westen. "Die Kritik (an Erdogan) hat übertriebene Formen angenommen", mahnt Yinanc.

So sei sie neulich in einer internationalen Talkrunde zu Gast gewesen, in der der Türkei die alleinige Schuld für den Syrien-Konflikt zugeschrieben wurde.

"Die westlichen Medien haben einen wichtigen Punkt übersehen"

Sie selbst sei von je her Kritikerin des Präsidenten und der AKP gewesen, schreibt die Journalistin. Allerdings nicht "einfach automatisch", sondern "weil die innenpolitischen Maßnahmen unter Erdogan gegen fundamentale, universale, demokratische Werte verstoßen, während die außenpolitischen Maßnahmen nicht die nationalen Interessen der Türkei vertreten", schreibt Yinanç.

Gerade nach dem gescheiterten Militärputsch hätten westliche Medien einen wichtigen Punkt übersehen, mahnt die Journalistin - und zwar "den Fakt, dass die türkische Nation einen Demokratie-Test bestanden hat, indem sie einen Militärputsch verhinderte".

Denn eines werde immer klarer: Die Mächte hinter dem versuchten Putsch hätten der Demokratie in der Türkei in jedem Fall geschadet, schreibt die Autorin.

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"Noch ist die Türkei keine Diktatur"

Erdogan nach dem Putschversuch unter scharfer Beobachtung zu halten, hält die Journalistin durchaus für richtig. "Ich werde nicht abstreiten, dass ich eine der ersten (Journalisten) war, die davor gewarnt haben, dass Erdogan diesen Moment ausnutzen könnte, um seine autoritäres Regime zu festigen", schreibt sie.

Als problematisch sieht sie allerdings an, dass viele westliche Medien den Untergang der Demokratie als bereits eingetroffen sehen. "Die Richtung, die die Türkei nun einschlagen wird, ist unklar, aber noch steht nichts fest - und die Türkei ist noch keine Diktatur", mahnt Yinanç.

Auch sei die Annahme, dass sich Journalisten in der Türkei aus Angst zurückgezogen hätten, sei falsch. "Dass die ganze Welt von den Meinungsfreiheitsproblemen der Türkei weiß, lässt sich darauf zurückführen, dass sich Journalisten eben nicht den Mund verbieten ließen, sondern darüber gesprochen haben", erinnert die Journalistin.

"Viele von uns gehen sehr offen damit um, dass die Regierung versucht auf uns Druck auszuüben".

"Das spiegelt nicht die Realität wieder"

Die Säuberungsaktionen Erdogans beobachtet die Journalistin mit Sorge. Dennoch sei es unbedingt notwendig, das Netzwerk der "religiösen Bruderschaften", das hinter dem versuchten Militärcoup stecken soll, aus der Regierung zu verbannen.

Die türkische Regierung vermutet Fethullah Gülen und seine Hizmet-Bewegung hinter dem Aufstand - und greift derzeit zu allen Mitteln, den politischen Einfluss dieser einzuschränken.

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"Das Risiko, dass der Präsident und die Regierung diesen Anlass nutzen werden um eine legitime Opposition anzugreifen, ist real", schreibt die Autorin. Wenn das geschehe, würde das Land tatsächlich bald in eine Kategorie mit den Diktaturen des mittleren Osten passen.

"Doch zu behaupten, dass wir dort schon angekommen wären, spiegelt nicht die Realität wieder".

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(lp)