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Dieser 19-jährige Flüchtling hilft anderen Flüchtlingen, sich zu integrieren

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JASSIN AKHLAQI
Jassin lebt seit fünf Jahren in Deutschland. Er hatte es nicht immer so leicht wie jetzt. | Jassin Akhlaqi
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“Ich bin besser integriert als manche Deutsche”, sagt Jassin Akhlaqi. Dabei lacht der 19-jährige Afghane. Es schwingt auch ein wenig Stolz in seiner Stimme.

Denn Jassin ist einer, den man als “Vorzeige-Flüchtling” bezeichnen würde: Er spricht fließend Deutsch, engagiert sich sozial, ist Fußballschiedsrichter, Schauspieler, Abiturient, bekam ein Stipendium für hochbegabte Schüler, bald wird er Informatik studieren. Die Liste ließe sich noch weiterführen.

Warum er so gut integriert ist?

Zwei Mal geflüchtet

“Ich habe hart gekämpft und fleißig gearbeitet”, sagt Jassin. “Du bist eine große Ausnahme”, sagen seine Lehrer. Für Jassin wurde die Schule der Schlüssel zur Integration: Die Freunde, die er dort fand, halfen ihm immer weiter, wenn er Schwierigkeiten hatte.

Aber nicht alle Flüchtlinge finden so Anschluss wie er. Das weiß er. Und deshalb hilft er heute den Neuankömmlingen, so gut es geht.

Denn noch vor fünf Jahren war der junge Afghane selbst auf der Flucht. Zuvor war er mit seiner Familie neun Jahre im Iran, illegal. In ihrer Heimat Ghor im Westen Afghanistans konnten die Akhlaqis nicht bleiben, der Krieg tobte.

Als sein Vater dann bei einem Verkehrsunfall in der iranischen Hauptstadt Teheran ums Leben kam, verließen Jassin, seine Mutter und seine drei Geschwister auch dieses Land. Ohne Papiere hatten sie dort keine Chance auf Bildung, einen Job, eine sichere Zukunft. Die Freundinnen der nun alleinerziehenden Mutter empfahlen ihr aus diesen Gründen, das Land zu verlassen.

Es gibt kein neues Leben, nur ein anderes

Der Weg führte nach Europa, Deutschland, schließlich München. Dort lebt die Familie bis heute. Aber die Souveränität und Gelassenheit, die Jassin inzwischen auszeichnet, hatte er zu Beginn nicht. “Das erste halbe Jahr wahr wahnsinnig schwierig”, sagt er.

Seine Mutter litt an Depressionen und musste mehrere Monate im Krankenhaus verbringen. Die Kinder wurden vom Jugendamt betreut, durften nicht zu Schule, hatten wenig Freunde, träumten nachts vom Krieg und der Abschiebung.

(Text geht unter dem Video weiter)

Über die Rolle dieses Mannes beim Münchener Attentat ist bislang viel zu wenig gesprochen worden

“Ich wollte eigentlich einen Neuanfang“, sagt Jassin. Aber der damals 14-Jährige merkte schon bei der Ankunft, dass er in Deutschland kein neues Leben beginnen konnte, nur ein anderes.

Denn seine Vergangenheit, seine Erfahrungen, seine Angst – die konnte Jassin nicht zurücklassen.

Heute hilft er anderen Flüchtlingen, wo er kann

Nach sieben Monaten in Deutschland lernte Jassin dann die Initiative Jugendliche ohne Grenzen (JoG) kennen. Die ehemaligen jungen Asylsuchende helfen Neuankömmlingen in ganz Deutschland. Jassin hatte sein Bleiberecht gerade erhalten, als er JoG beitrat. Sofort engagierte er sich: “Bei JoG habe ich mich entwickelt und gemeinsam mit anderen für unsere Rechte gekämpft.”

Heute, viereinhalb Jahre später, hilft er anderen Flüchtlingen Deutsch zu lernen, Asylanträge auszufüllen oder einen Fußballverein zu finden.

Neben Kindern und Jugendlichen, die mit der Familie nach Deutschland kommen, betreut er aber auch UMF, wie er sie nennt, unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen.

Doppelleben, doppelte Belastung

Viele Deutsche glauben, diese Jugendlichen hätten es besonders schwer. Schließlich fehle ihnen der familiäre Rückhalt, die Liebe und Zuneigung.

Jassin stimmt dem nicht ganz zu: “Auch mit den Eltern ist die Integration sehr schwierig, denn auch sie sind traumatisiert, haben meist keine Bildung und benötigen Zeit, um anzukommen.” Dazu komme das Doppelleben, die doppelte Belastung: Herausforderungen für die Familie hier in Deutschland, Problem von Freunden und Bekannten zuhause, in den Kriegsgebieten.

Dieser psychische Druck macht die Integration schwierig. Je länger der Prozess andauere, desto größer werde die Verzweiflung: “Viele Erwachsene in den Unterkünften greifen dann zu Alkohol oder anderen Drogen und werden zu einer Gefahr für die Kinder.”

Auch in den oft überfüllten und unhygienischen Heimen, wie er sie erlebte, finde keine ausreichende Betreuung statt. Jedes Kind hat andere Erfahrungen und Erwartungen. Die Erlebnisse, die sie traumatisieren, sind unterschiedlich und komplex.

"Isolation statt Integration"

Leben viele solcher Minderjähriger zusammen auf engem Raum, schaukeln sich die Problem hoch. In seinen ersten Monate in Deutschland fragte sich Jassin immer wieder: “Kann ich auch mit ‘normalen Menschen’ zusammen sein?” Er wollte gleich zur Schule, mit Jugendlichen spielen, denen es gut geht, die ihn aufmuntern, nicht an der Vergangenheit leiden.

“Isolation statt Integration”, betont Jassin deshalb immer wieder. Das klingt zuerst nach einer Pegida-Parole, aber was er damit sagen möchte: Isolation ist das Kernproblem. Und leider auch meist der Status Quo. Das bereitet ihm Sorgen.

Aus diesem Grund nimmt er Flüchtlingen bereits bei ihrer Ankunft in Deutschland – oder sogar zuvor, wenn er etwa in Idomeni oder auf Lesbos humanitäre Hilfe leistete – einige ihrer Illusionen und Wünsche. “Leute in den Herkunftsländern denken, im Westen sei es wie in einem Hollywood-Film”, sagt er.

Es kursieren Gerüchte, in Deutschland bekäme man sofort eine schöne Wohnung, einen Job, mehrere tausend Euro pro Monat. Umso größer sei die Ernüchterung, wenn man in einer Turnhalle leben muss. Monatelang.

Probleme "am Arsch der Welt"

“Für viele spielt die Freiheit und Sicherheit deshalb schon nach kurzer Zeit keine Rolle mehr. Was sie dann beschäftigt, sind die Freunde in ihrer Heimat und die aussichtslose Zukunft.” Immer wieder bekomme er zu hören, dass es in Afghanistan oder dem Irak doch besser sei. Auf einstigen Optimismus folgt Angst, Frust, Resignation.

Das sei in ländlichen Regionen – “am Arsch der Welt”, wie Jassin sagt – noch stärker zu beobachten. Gerade aus Dörfern, etwa in der bayerischen Provinz, wird immer wieder von Integrationserfolgen berichtet.

Für Jassin sind das Einzelfälle: “Die Schulen und Behörden sind auf dem Land oft weit entfernt, die Berührungsängste groß und die Leute sprechen nur Dialekt.” Auch das Angebot für die Kinder, sich selbst einzubringen und zu engagieren, sei auf dem Land nicht vorhanden. Die Möglichkeit, in einer Theatergruppe für Flüchtlinge zu spielen oder ein Helfer von JoG zu werden, hätte er auf dem Dorf nicht bekommen.

"Fair play" zwischen Kulturen und Reigionen

So sehr Jassin die Asylpolitk in Deutschland auch kritisiert, sieht er nicht nur darin ein Problem. Die gebe es auch unter den Flüchtlingen. “Allein die Tatsache, dass jemand Flüchtling ist, bedeutet nicht, dass er sich mit anderen Flüchtlingen versteht”, merkt er an. Gerade wenn Personen verschiedener Nationen, Kulturen und Glaubensrichtungen auf engstem Raum aufeinandertreffen, entstehe Konfliktpotential. Die Leidtragenden davon seien, wie so oft, die Kinder.

Mit JoG möchte er auch diese Streits verhindern oder lösen: “Wir vermitteln nicht nur zwischen Institutionen und Flüchtlingen, sondern auch von Mensch zu Mensch.”

Es dürfe keine Rolle spielen, ob jemand aus Syrien, Pakistan, dem Oman oder Tschetschenien kommt. Was zähle, sei Solidarität und “fair play”, wie er es auch als Schiedsrichter beim Fußball fordert. Und das entstehe nur, wenn man den Menschen die Angst und Unsicherheit nimmt, und ihnen dafür schnell eine Perspektive bietet. So wie Jassin.

Deshalb gibt er seine Erfahrungen und sein Wissen weiter – um anderen nicht nur Mut zuzusprechen, sondern Herausforderungen aktiv und entschlossen anzugehen. In der Hoffnung, dass auch sie bald mit einem Lachen behaupten können, ein “Vorzeige-Flüchtling” zu sein.

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