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An alle unverantwortlichen Eltern, die ihre Kinder verwöhnen

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BABY VERWOEHNT
Baby mit seinen Eltern | iStock
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“Du verwöhnst dein Baby ja total!”

Hände hoch, wer noch nie mit diesem Vorwurf konfrontiert wurde.

Es gibt immer Schwiegereltern, Freunde, Mamis aus der Krabbelgruppe, besserwisserische Nachbarn und - das ist immer besonders schön - Kinderlose, die ganz genau wissen, dass du dein Kind verwöhnst.

Dein Kind wird immer gestillt, wenn es Hunger hat?

Du nimmst es hoch, wenn es schreit?

Ständig trägst du es herum?

Und dann darf es auch noch in dein Bett?

SCHANDE! SCHANDE! SCHANDE! - Um es mit der hier durchaus angebrachten Game-of-Thrones-Dramatik auszudrücken.

Zu viel Liebe gibt es nicht

Im Grunde weißt du, dass du gar nichts falsch machen kannst, wenn du dich auf deinen Instinkt verlässt. Aber falls der eine oder andere Nörgler doch einen Weg findet, dich zu verunsichern - lass dich beruhigen:

“Das Prinzip Verwöhnen für Babys gibt es nicht”, sagte Nicola Schmidt, Autorin des Buchs "artgerecht - Das andere Babybuch”, im Gespräch mit der Huffington Post.

“Kinder unter zwei Jahren kann man nicht verwöhnen, denn zu viel Liebe gibt es nicht.”

BÄM!

So einfach ist das. Und doch machen wir es uns immer so schwer. Wir lassen uns einreden, dass wir falsch empfinden, wenn wir unseren Babys die Aufmerksamkeit schenken, die sie einfordern.

Warum vertrauen wir so selten auf unseren Instinkt? Gerade wenn es um Babys und Erziehung geht, kehren so viele Menschen der Natur den Rücken. Seit Millionen Jahren bringen Menschen Babys zur Welt, ziehen sie groß, ernähren, pflegen und lieben sie.

Verwöhnte Kinder scheinen aber eher eine Neuzeiterscheinung zu sein. Vielleicht sollten wir also wieder dazu übergehen, so mit unseren Kindern umzugehen, wie es sich am besten anfühlt.

Steinzeitbabys im 21. Jahrhundert

Denn auch wenn wir inzwischen das Jahr 2016 schreiben, gibt es ein paar Dinge, die sich seit der Steinzeit nicht verändert haben.

Dazu gehört auch das frühkindliche Verhalten, das auch heute noch von Instinkten geprägt ist und das sehr viel Sinn ergibt - wenn man sich einmal damit befasst.

Warum Babys Nähe zum Überleben brauchen

Babys wollen getragen und gefüttert werden und ein enges Band zu ihren Eltern aufbauen, weil es in ihrer Natur liegt. Anders hätten sie früher gar nicht überlebt. Sie suchen den engen Kontakt zu Bezugspersonen, damit sie nicht auskühlen oder überhitzen, gefressen oder vergessen werden und damit sie immer genug Milch haben.

Wer seinem Baby Nähe schenkt, es also beispielsweise viel auf dem Arm trägt, verwöhnt es nicht. “Nähe bedeutet Schutz”, schreibt Kinderarzt Herbert Renz-Polster aus Baden-Württemberg.

“Dass Kinder durch das Gewähren von Nähe verwöhnt würden, ist aus Sicht der Evolution nicht plausibel.”

Mehr noch: Nähe trägt zu einer gesunden Entwicklung der Kinder bei. Untersuchungen haben gezeigt, dass früher Hautkontakt den Babys hilft, ihren Stoffwechsel anzupassen, nachdem sie den Mutterleib verlassen haben. Körperkontakt trägt außerdem dazu bei, dass Körpertemperatur und Atem stabilisiert werden.

“Die Nähe scheint aber nicht nur dem Körper gut zu tun, sondern auch der Seele”, schreibt Renz-Polster.

“Babys, die verlässlich getröstet werden, schreien später eben nicht mehr, sondern weniger als solche, die ‘warten’ mussten.”

Säuglinge, die regelmäßig am Körper getragen werden, seien zudem ausgeglichener: “Sie weinen insgesamt weniger und fühlen sich, wie Tests von Entwicklungspsychologen zeigen, in ihrer Beziehung zu den Eltern sicherer.”

Warum Babys in der Nähe der Eltern schlafen sollten

Dieses Bedürfnis nach körperlicher Nähe wird sogar noch intensiver, wenn Babys müde werden, denn dann wird ihr Bindungssystem aktiviert.

Das Bedürfnis, in der Nähe von anderen Menschen zu schlafen, ist ebenfalls ein Überbleibsel der Evolution und sogar ein sehr Wichtiges!

Denn in der Nähe der Eltern schlafen Kinder nicht nur ruhiger, sondern auch sicherer, wenn alle bekannten Risikofaktoren für das gemeinsame Schlafen vermieden werden.

Halten Eltern sich an die Sicherheitsregeln zum Co-Sleeping, besteht neueren Untersuchungen zufolge kein höheres Risiko für plötzlichen Kindstod.

Wenn Kinder neben ihren Eltern auf festen Matratzen (nicht Wasserbetten!), ohne dicke Kissen und im eigenen Schlafsack schlafen, und wenn die Eltern nicht unter Alkohol- oder Drogeneinfluss stehen, Medikamente einnehmen, Depressionen haben oder übergewichtig sind, schlafen Kinder im Elternbett sogar sicherer als im eigenen Zimmer.

“Es ist besser, wenn die Babys - so wie es in den letzten 120.000 Jahren der Menschheitsgeschichte auch war - mit anderen zusammen schlafen, damit ihr Nervensystem in der Nacht nachreifen kann und es durch die Pheromone, die Gerüche, den Atem und die Bewegungen der Eltern geschützt wird”, sagt Schmidt.

Die Sorge, das Kind durch das Familienbett zu verwöhnen sei unbegründet:

“Verwöhnen bedeutet ja, dass ich etwas tue, was das Kind auch selber könnte. Sicher schlafen kann das Kind nicht selbst und das heißt, wenn ich dafür sorge, dass das Kind sicher schläft, verwöhne ich das Kind nicht.”

Mehr zum Thema: 7 Vorteile, die Co-Sleeping-Kinder genießen

Warum man ein Baby füttern sollte, wenn es Hunger hat

Gleiches gilt für Mütter, die ihre Babys stillen, sobald sie Hunger haben.

Abgesehen davon, dass es völlig absurd ist, zu glauben, dass ein wenige Monate altes Baby geistig in der Lage wäre, logische Schlussfolgerungen aus irgendwelchen Erziehungsmaßnahmen zu ziehen, ist es auch schädlich, ihnen die Nahrung zu verweigern.

Im Idealfall werden Babys sogar schon gestillt, bevor sie durch Schreien signalisieren, dass sie Hunger haben.

“Wenn die Mutter Hunger vermutet, wird bei den ersten Hungerzeichen angelegt. Bei Neugeborenen schon, sobald sie sich regen. Eventuell muss das Kind in den ersten Tagen sogar geweckt werden”, erklärt Still-Beraterin Elisabeth Kurth auf ihrer Website.

Häufiges Stillen wirkt sich zudem auf die geistige Entwicklung des Kindes aus: “Kinder, die häufig und lange gestillt werden, haben nach aktueller Studienlage einen bis zu zehn Punkte höheren IQ. Wir wissen nicht genau warum, aber es ist so”, sagt Autorin Schmidt der Huffington Post.

Das wollt ihr doch nicht verhindern, oder?

Mehr zum Thema: "Wer sein Kind im eigenen Bett schlafen lässt, spart sich später die Nachhilfe"

Warum es überhaupt nicht hilfreich ist, ein Baby schreien zu lassen

Babys, die zum Beispiel durch Schreienlassen “trainiert” werden, damit sie alleine im eigenen Bett einschlafen, können ein Leben lang unter den Folgen leiden - und das ist nicht übertrieben.

“Messungen des Stresshormons Cortisol deuten tatsächlich daraufhin, dass Babys, die sich in den Schlaf schreien müssen, auch während der weiteren Nacht ‘unter Strom’ stehen”, schreiben Kinderarzt Renz-Polster und Journalistin Nora Imlau in ihrem Buch “Schlaf gut, Baby!”.

Es sei außerdem anzunehmen, dass die Anspannung des Schreiens die Kinder mit in den Schlaf begleite. “Schließlich nehmen sie ja gerade auf der ersten Strecke des Schlafes die Welt noch mit einem halben Auge wahr”

Und überhaupt: Warum sollte man ein Baby - ein wenige Monate altes, völlig unselbstständiges Wesen - schreien lassen? Was soll es daraus lernen?

Mit dem Schreien will das Kind etwas mitteilen. Vielleicht hat es Hunger, Schmerzen oder Angst. Vielleicht sehnt es sich nach Nähe. Klar ist: Es schreit nicht, um seinen Eltern auf die Nerven zu gehen.

Kinder, deren Eltern sie schreien lassen, “lernen früh, auf ein Notfallprogramm im Gehirn umzuschalten, das analog dem Totstellreflex bei Tieren dem Überleben in absoluter Todesbedrohung dient", sagte Karl Heinz Brisch, Chef der Psychosomatik am Haunerschen Kinderspital der Universität München der “Süddeutschen Zeitung”. Darunter leide die Gehirnentwicklung und die Kinder lernten nicht, mit Stress umzugehen.

Auch psychische Auswirkungen sind möglich, denn die fehlende Rückmeldung der Eltern signalisiert ihnen: “Du kannst so lange schreien wie du willst, es hilft dir ja doch keiner.”

Die Folge können Schlafstörungen, Angststörungen, Abhängigkeiten, sowie Depressionen sein.

Mehr zum Thema: Was mit der Seele von Kindern passiert, die angeschrien werden

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"Verwöhnte” Kinder sind später sogar selbstständiger

Niemand kann dir sagen, was für dein Kind und deine Familie richtig ist. Doch habe Mut, auf dein Gefühl zu hören. Dein Kind wird es dir danken. Je mehr wir im Einklang mit unserer eigenen Natur leben, desto entspannter wachsen unsere Kinder auf.

Das lässt sich beispielsweise in Afrika und Asien beobachten. Renz-Polster findet einen sehr anschaulichen Vergleich:

“In [Afrika und Asien] werden die kleinen Menschlein gestillt, sobald sie einen Mucks machen. Wenn sie weinen, ist immer gleich jemand zur Stelle. Sie schlafen nachts an der Seite ihrer Mutter. Und getragen werden sie so ziemlich die ganze Zeit. Das volle Verwöhn-Programm! Und doch fehlt von verwöhnten Kindern jede Spur, im Gegenteil: die Kinder sind relativ früh selbstständig, übernehmen als Jugendliche Aufgaben für die Familie und kommen mit dem Leben gut klar.”

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Kindern helfen

Seit Jahren schon warnen Experten, dass allein in Deutschland jedes fünfte Kind in Armut lebt. Viel schwieriger noch die Situation von Kindern in Südeuropa, Afrika oder Südasien. Doch was fehlt ihnen wirklich? Wie kann man ihnen wirkungsvoll helfen?

Zusammen mit der Spendenplattform betterplace.org nennt die Huffington Post einige spannende Projekte, die jeder unterstützen kann.

Die Initiative Anderes Sehen e.V. etwa kümmert sich um die frühkindliche Förderung von blinden Kindern - ein Bereich, den die beiden Gründer zuvor als zutiefst vernachlässigt erfahren haben.

Nun setzen sie sich für Chancengleichheit für blinde Kinder ein. Anderes Sehen e.V. bietet Blindenstöcke für Kinder, die ihre ersten Schritte wagen, und entwickelt liebevoll gestaltete Tast-Bilderbücher.

Zudem hat die Initiative die Echoortungsmethode Klicksonar nach Deutschland geholt und bietet hierfür Schulungen an. Auch die Aufklärung von Betreuungspersonen und die Bereitstellung von Vorschulmaterialien gehören zum Angebot von Anderes Sehen e.V.

Unterstütze das Projekt jetzt und spende auf betterplace.org.

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Mit dieser Methode hören Babys innerhalb von Sekunden auf zu schreien

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