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IOC duckt sich vor Russland weg: Aufhebung der Olympia-Sperre sorgt für massive Kritik

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THOMAS BACH PUTIN
IOC-Präsident Thomas Bach und der russische Präsident Wladimir Putin | ASSOCIATED PRESS
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  • Russische Sportler dürfen an den Olympischen Spielen in Rio teilnehmen, sofern sie nachweisen können, dass sie sauber sind
  • Diese Entscheidung traf das Internationale Olympische Komitee (IOC)
  • Die Entscheidung des IOC stößt außerhalb Russlands auf massive Kritik

Nun dürfen die russischen Olympioniken also doch in Rio starten. Zumindest sofern sie nachweisen können, dass sie sauber sind. Das gab das Internationale Olympische Komitee (IOC) am Sonntag bekannt.

Der deutsche IOC-Präsident Thomas Bach sagte in einer Telefonschalte mit Journalisten: "Unser Ergebnis heute respektiert die Regeln des Rechts und das Recht aller sauberen Athleten weltweit." Für russische Sportler müsse es die Chance geben, ihre Unschuld zu beweisen. Die Athleten müssten aber strenge Auflagen erfüllen, um in Rio antreten zu dürfen.

Beifall nur von russischer Seite

Mit seiner Entscheidung stößt das IOC – außer bei den Russen – auf massive Kritik. Das Komitee, das durch Intransparenz und mangelnden Reformwillen sowieso zunehmend an Glaubwürdigkeit verliert, entfernt sich damit noch weiter von den Sport-Fans.

Der WDR-Journalist Hajo Seppelt, der durch seine Recherchen maßgeblich an der Aufdeckung der russischen Doping-Skandale beteiligt war, kommentierte die Entscheidung des IOC in den ARD-Tagesthemen spitzzüngig: "Seht her, ihr könnt noch so schlimm betrügen – ob mit Hormoncocktails oder Blutdoping –, trotzdem: Herzlich Willkommen bei Olympia!"

Auch Jörg Schild, Präsident von Swiss Olympic, zeigte sich enttäuscht. "Nach dem jetzigen Entscheid des IOC bin ich erstaunt, enttäuscht und verärgert", zitierte die Schweizer Nachrichtenagentur sda den Chef des Sport-Dachverbandes. "Ich bin enttäuscht, dass das IOC in dieser Sache jegliche Führungsstärke vermissen lässt."

Duckt sich der IOC-Präsident von Putin weg?

Besonders IOC-Präsident Bach bringt sich nun in Misskredit. Ihm wird vorgeworfen, sich vor dem russichen Präsidenten Wladimir Putin und den russischen Sportverbänden wegzuducken.

Mit der Entscheidung gibt er die heikelste Aufgabe – den Nachweis, dass die Athleten sauber oder nicht sind – in die Hände der einzelnen internationalen Sommersportverbänden und des Sportgerichtshofs CAS. Wer bezeugen kann, dass er nicht Teil des Staatsdopings war, dürfe demnach zu Olympia.

Die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA zeigt sich enttäuscht darüber. "Ein Ausschluss der russischen Athleten hätte eine ganz klare, zukunftsorientierte Linie aufgezeigt", gab WADA-Chef Craig Reedie in einem Statement am Sonntagnachmittag bekannt.

Lob für Bach gab es hingegen vom Chef des russischen Olympia-Komitees, Alexander Schukow. Dieser sagte, Bach habe dem Druck der westlichen Presse widerstanden und eine vernünftige Entscheidung getroffen.

Im Eilverfahren zu Olympia

Allerdings tickt nun die Uhr für saubere russische Athleten: Die ersten Sommerspiele in Südamerika beginnen schon am 5. August. Der Leichtathletik-Weltverband IAAF bot Hilfe wegen des kleinen Zeitfensters Hilfe beim Auswahlverfahren an. Zuvor hatte genau dieser Verband das russische Team noch wegen systematischen Dopings suspendiert.

Generell besteht Zweifel daran, dass die Verbände und der Sportgerichtshof innerhalb von zwölf Tagen seriös nachweisen können, welche Sportler Teil des russischen Doping-Systems waren oder sind.

"Auch Thomas Bach müsste das wissen", sagt Dopingexperte Seppelt in den Tagesthemen, und fügt hinzu: "So ist die Entscheidung eine Mogelpackung und ein Freifahrtschein für Doper aus Russland." Mit Gerechtigkeit und dem Schutz sauberer Athleten hätte die Entscheidung von "Putin-Freund" Bach nichts zu tun.

Russische Whitsleblowerin darf nicht teilnehmen

Eine Athletin trifft die Entscheidung besonders hart: Die Whistleblowerin und russische Athletin Julia Stepanowa, die durch ihre Enthüllungen das System ins Wanken brachte, war bereits zuvor durch das Internationale Olympische Komitee (IOC) gesperrt worden. Stepanowa wollte als "neutrale" Athletin und nicht unter russischer Flagge antreten.

Aber auch dies bejubelten die Russen. "Sie zu einer Heldin zu machen, damit spuckt man uns ins Gesicht. Deshalb ist es richtig, sie nicht an den Olympischen Spielen teilnehmen zu lassen", sagte die russische Stabhochspringerin Jelena Issinbajewa am Sonntag der russischen Agentur R-Sport.

Durch den Ausschluss von Stepanowa und die Zulassung russicher Athleten, die im Eilverfahren zugelassen werden, wird das IOC weiter an Glaubwürdigkeit einbüßen. Seppelt sagt abschließend: "Der einflussreichste Strippenzieher des Weltsports hat heute die Bankrotterklärung des Anti-Doping-Kampfes unterschrieben."

Weltschwimmverband schließt drei Athleten aus

Schneller als sonst üblich reagierte der Weltschwimmverband am Montagnachmittag bereits auf die IOC-Entscheidung vom Sonntag.

Sieben russischen Schwimmern bleibt demnach die Olympia-Teilnahme in Rio verwehrt. Zu den vier von Russland bereits zurückgezogenen Schwimmern, unter ihnen Weltmeisterin Julija Jefimowa, kommen drei Athleten, die im McLaren-Report der Welt-Anti-Doping-Agentur genannt werden.

Unter ihnen ist Nikita Lobinzew, einer von Paul Biedermanns Konkurrenten über 200 Meter Freistil. Auch Wladimir Morosow darf nicht starten, teilte die FINA am Montag mit. Beide Schwimmer gewannen 2012 mit der russischen vier mal 100 Meter Freistil-Staffel Olympia-Bronze.

Zudem wird Junioren-Weltrekordlerin Daria Ustinowa in Rio fehlen. Zugleich betonte die FINA, dass es keine Hinweise auf Doping im Synchronschwimmen, Wasserspringen oder Wasserball gebe. Gleichwohl würden alle Dopingproben russischer Teilnehmer der WM 2015 in Kasan noch einmal nachgetestet.

Jefimowa wolle vor dem Internationalen Sportgerichtshof CAS gegen den Olympia-Ausschluss klagen, sagte Nationaltrainer Sergej Kolmogorow der Agentur Tass. Morosow und Lobinzew hätten niemals gegen die Anti-Doping-Vorschriften verstoßen, betonte er. Wann und wo das Trio positiv getestet worden sei, ließ die FINA offen.

Mit Material der dpa

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