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An die hysterischen "Asylkritiker": Merkels besonnene Reaktion ist das Richtige für Deutschland

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MERKEL
Merkels Reaktion nach dem Attentat dauerte - war aber besonnen | Getty Images
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Was ist eigentlich gerade los mit diesem Deutschland? Mit dem allseits geschätzten "Nation der Ingenieure“, die von anderen so gern als Hort von Gründlichkeit, Präzision und Besonnenheit gesehen wird?

Menschen von China bis Mexiko sind sich immer noch sicher: Wenn die Welt stehen bliebe, dann würde ein Deutscher in deren Getriebe kriechen, um sie wieder in Gang zu bringen.

Wenn die mal wüssten.

Denn wenn es etwas gibt, in dem die Deutschen derzeit Weltniveau erreichen, dann ist das die Hysterie, mit der die Debatte um öffentliche Sicherheit geführt wird. Und mittendrin die Kanzlerin. Angela Merkel wurde vorgeworfen, sie äußere sich nicht in ausreichend zu den Gewalttaten, die derzeit dieses Land erschüttern.

Gewaltfantasien gegen die Kanzlerin im Netz

Die Wahnwichtel sind wieder auf den Zinnen. Das ganze Programm läuft gerade ab. Vergewaltigungs-Montagen auf Twitter; Hassbotschaften auf Facebook; digital in Szene gesetzte Gewaltfantasien gegen die Kanzlerin.

Man hat fast das Gefühl, da entlädt sich gerade angestaute Wut: Über Medienberichte etwa, die geglückte Integrationsprojekte feiern. Über Politiker, die nicht schwarz gemalt, sondern angepackt haben. Oder vielleicht einfach über die von gewissen Kreisen herbeigefieberte, aber am Ende doch ausgebliebene Apokalypse durch die Zuwanderung von Flüchtlingen.

Und mittendrin die Kanzlerin. Die Hassfigur aller "Asylkritiker“. Sie befindet sich gerade im Urlaub.

Und, ja: Sie hätte sich nach dem Amoklauf von München ein wenig schneller an die Öffentlichkeit wenden können. Und sei es nur, um ihr Mitgefühl zum Ausdruck zu bringen. Um zu zeigen, dass sie als Kanzlerin für ihre Bürger in Zeiten von schlechten Nachrichten da ist.

Die Kanzlerin handelt richtig

In Großen und Ganzen jedoch handelt die Kanzlerin genau richtig. So lange die Ermittlungen zu den Hintergründen der Gewalttaten laufen, kann sie inhaltlich gar nicht Stellung beziehen. Und da können die Aufgescheuchten im Netz tausendmal von den "offensichtlichen Fakten" und sonstigen angeblich so naheliegenden Schlüssen twittern.

Sachsen-Anhalts AfD-Chef André Poggenburg etwa. Als Rechtsausleger in einer rechtsradikalen Partei war er sich schon Stunden nach dem Amoklauf in München fälschlicherweise sicher, dass Merkel und ihre Anhänger an dem "Terroranschlag“ vom Münchner Olympia-Einkaufszentrum schuldig seien.

Nun haut Poggenburg den nächsten dollen Otto raus. Mit zweifelhafter Interpunktion schrieb er nach dem Bomben-Attentat von Ansbach auf Twitter: "widerlich + ekelhaft + unverantwortlich sind alle die dieses Multi-Kulti wollen!“

Poggenburg hat nichts gelernt. Denn zum Zeitpunkt seines Tweets stand nicht fest, ob der Täter von Ansbach tatsächlich politische Motive für seine Tat hatte. Zwar sieht es mittlerweile so aus, dass die Tat wahrscheinlich aus extremistischen Motiven verübt wurde. Doch klar ist auch: Der Täter hatte psychische Probleme.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) schloss zwar noch am Montagnachmittag einen terroristischen Anschlag in Ansbach mit Bezug zum Islamischen Staat nicht aus. Es sei auch möglich, dass eine psychische Störung beim Täter vorliege. Es könne auch eine Kombination aus beidem sein. Doch das hinderte die Rechten nicht an ihren Vorverurteilungen.

Wie wohltuend ist dagegen die Zurückhaltung von Angela Merkel. Sie lässt sich nicht dazu hinreißen, in die hysterische Debatte mit einzustimmen. Damit leistet sie in diesem aufgeschreckten Meinungsklima ihrem Land einen wichtigen Dienst. Und sie beweist Führungsstärke.

Eines jedoch sollte auch klar sein: Der Grat zwischen Besonnenheit und Nichtstun ist sehr schmal. Schweigen ist auf Dauer keine Form des Regierens.

Unsere Angst ist der erste Sieg der Islamisten

Sobald die Hintergründe zu den Taten in Reutlingen und Ansbach vollständig aufgeklärt sind, würde man gerne mal von der Kanzlerin hören, wie sie zu dieser Welle der Gewalt steht.

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Und das könnte tatsächlich einer der wichtigsten Momente ihrer Kanzlerschaft werden. Wenn sie Mut hat, dann sagt Angela Merkel den Bürgern, dass man sich gegen Terror nicht schützen kann. Nicht durch Zäune, nicht durch Überwachung, nicht durch Repressionen.

Und womöglich fügt sie an, dass die Hysterie nach den Gewalttaten der erste Sieg der Extremisten war. Egal, ob die Taten in Süddeutschland nun einen islamistischen Hintergrund hatten oder nicht. Allein die Angst davor hat gezeigt, wie sehr der Terror unsere Gedanken beherrscht.

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