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Lieber Erik ... Ein Brief an meinen Sohn

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ERIK
Erik Matthes | MATTHES
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Lieber Erik

Während ich diese Zeilen schreibe, liegst Du schon im Bett. Die Sirenen der Münchner Polizei sind verklungen und mit ihnen die knatternden Hubschrauber-Rotoren. Mir scheint fast so, als sei es draußen gerade stiller als sonst.

Gestern Abend erlebte die Stadt, in der Du vor einem Jahr geboren wurdest, einen Schock. Ein psychisch kranker 18-Jähriger erschoss in einem Einkaufszentrum neun Menschen und später sich selbst.

Das passierte nur wenige Tage, nachdem ein junger Mann in einem Regionalzug mit einer Axt auf Mitreisende losgegangen war. Kurz davor tötete ein anderer Irrer in Nizza mit einem Lastwagen mehr als 80 Menschen. Ähnliches ereignete sich auch in Brüssel und Istanbul.

In dieser Zeit verabschiedeten sich auch die Briten aus der Europäischen Union, die Türkei erlebt einen Putsch. Und die US-Republikaner machten einen Wahnsinnigen zu ihrem Präsidentschafts-Kandidaten.

Lieber Erik, die Welt da draußen, die Du gerade für Dich entdeckst, ist in Aufruhr.

Mein Smartphone, nach dem Du so gerne greifst, vibriert alle paar Stunden mit neuen Breaking News, deren Folgen uns noch Jahre lang beschäftigen werden.

Die meisten dieser Ereignisse haben völlig unterschiedliche Ursachen. Doch all jene Menschen in Deutschland, Frankreich und Amerika, die Märsche auf Straßen organisieren und zornige Parteien gründen, versuchen, diese Ereignisse zusammenzuführen zu einer großen Erzählung von einer Welt, die aus den Fugen geraten ist, die nur mit viel schärferen Regeln zu bändigen sei, mit Grenzen, Zäunen - und Ausschluss alles Fremden.

Lieber Erik, diese Kräfte wollen die Welt abschaffen, durch die Du möglich geworden bist, als Kind einer indischen Britin und eines Deutschen aus Hamburg.

Noch verstehst Du all die Schlagzeilen nicht. Du kannst noch nicht viel mehr sagen als “Hi” und “Dschü”. Was ich sicher sagen kann, ist, dass Du Grenzen nicht magst. Wie alle Kinder bist Du viel zu neugierig.

Grenzen zu überwinden ist Dein Tagesprogramm. Denn nichts ist größer als Dein Wille, diese Welt mit all ihren Schaufeln, Förmchen und Sandkästen zu entdecken. Wenn ich morgens nicht schnell genug bin, stehst Du schon mit Deinen Schuhen an der größten Grenze Deines Lebens: Unserer Wohnungstür.

Doch die Welt auf der anderen Seite der Tür ist plötzlich eine andere als die, in der ich aufgewachsen bin.

Ich bin mir sicher, dass ihr über das Jahr 2016 sprechen werdet, wenn Du in einigen Jahren in der Schule mit dem Geschichtsunterricht beginnst.

Manchmal fühlt es sich so an, als ob sich die Welt gerade so schnell erhitzt wie der Teekessel in unserer Küche, den Du jeden Morgen aufs Neue bewunderst. An manchen Tagen habe ich dann die Sorge, dass dieser Kessel platzen könnte.

Im Internet schreiben Menschen hasserfüllte Texte über andere Menschen und stacheln sich gegenseitig an. Manche zünden sogar Häuser an, weil dort Menschen leben sollen, die eine dunklere Haut haben. So wie Du.

Was mich am meisten bedrückt, ist, dass es in dieser Welt, die sich nun viele wünschen, Dich gar nicht geben würde.

Du bist das Kind einer britisch-indischen Mutter und eines deutschen Vaters. Deine Großeltern kamen in den Achtzigerjahren nach England, weil dort dringend Ärzte gesucht wurden. Eigentlich sollte es für deinen Großvater nur eine vorübergehende Station werden - doch er blieb. Sein Sohn und seine Tochter sind britischer als viele Briten.

Zum Beispiel reisen sie viel. Und so lernte ich Deine Mutter kennen: bei einem Sprachkurs in Ecuador. Jahrelang pendelten wir dann zwischen Deutschland und England. Es war aufregend. Wir lebten an zwei Orten zugleich.

Dann kamst Du, lieber Erik, mit Deinem britischen und deutschen Pass bist Du so etwas wie der Inbegriff der Welt, die gerade in Frage gestellt wird.

Doch in einem Europa mit hermetischen Grenzen, das keine Fremden aufnimmt, hätten Deine Großeltern niemals neu anfangen können. Dann hätte ich Deine Mutter niemals kennengelernt.

Aber genau so eine Welt wünschen sich jetzt viele.

Im Geschichtsunterricht werdet ihr in einigen Jahren diskutieren, warum diese Menschen so eine große Angst hatten. Wie diese Welt dann aussehen wird, das weiß ich nicht, lieber Erik. Ob die Menschen mit ihrer Angst sie dann verändert haben werden.

Was ich aber jetzt schon weiß, wir werden, wenn es nicht gut ausgeht, mitschuld sein. Deine Eltern, Deine Großeltern und die all Deiner Freunde - weil es uns dann nicht gelungen sein wird, die Angst vor den falschen Dingen zu besiegen. Denn viele Menschen haben ja wirklich Angst heute.

Weißt Du, lieber Erik, Deine Mutter und ich, hatten großes Glück in dieser Welt mit offenen Grenzen. Wir haben in verschiedenen Ländern gelebt, haben Freunde in unterschiedlichsten Winkeln dieser Welt und sind viel gereist.

Aber es gibt auch viele Menschen in unserem Land, die glauben, nichts von dieser offenen Welt zu haben. Die Angst haben, dass Menschen in anderen Ländern ihnen die Arbeit wegnehmen oder, dass diese Menschen hierher kommen und ihnen hier etwas nehmen.

Wir, also Menschen wie Deine Mutter und ich, werden in den nächsten Jahren lernen müssen, den Ängstlichen, die wirklich etwas verloren haben, noch mehr abzugeben. Und wir müssen lernen, ihnen zu zeigen, dass die Welt auch für sie viel besser geworden ist.

Viele Menschen haben heute aber auch Ängste, für die es keinen Grund gibt. Ängste vor Menschen wie Deiner Mama und Dir, lieber Erik. Und dagegen müssen wir kämpfen.

Diejenigen, die gegen das Zusammenrücken der Welt sind, die Grenzen und Zäune fordern, die kämpfen nämlich. Sie wollen das abschaffen, was uns glücklich gemacht hat: Die freie Welt, durch die Du möglich geworden bist.

Es ist schwer, diese Menschen zu verstehen, lieber Erik, weil sie in einem reichen Land leben zu einer Zeit, in der es vielen Menschen dort besser geht als jemals zuvor. Aber irgendwie muss es uns, also mir und Deiner Mama und Menschen, die denken wie wir, gelingen. Wenn sie dann nicht mit uns sprechen wollen, werden aber auch wir kämpfen müssen, auch wenn wir das etwas verlernt haben. Ich möchte nämlich, dass die Welt für Dich genauso frei sein wird, wie sie es für Deine Mama und mich war.

Aber, lieber Erik, ich will ehrlich sein. Ich weiß noch nicht, wie das funktionieren soll, weil die Menschen, die diese offene Welt so hassen, niemandem zuhören wollen.

Vielleicht müssen wir etwas finden, auf das sich alle Menschen wieder gemeinsam freuen. Erwachsene würde das vielleicht eine Idee nennen, wie unser Land aussehen soll, eine gemeinsame Vision der Zukunft. Denn aktuell - so scheint es - leben wir im gleichen Land, aber doch in unterschiedlichen Welten.

Ich hoffe nur, dass wir ein paar Antworten gefunden haben, wenn Du diese Zeilen lesen kannst.

Dein Vater.

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