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Mireille Mathieu: "Spatz von Avignon" wird 70

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MIREILLE MATHIEU
Mireille Mathieu feiert am Freitag ihren 70. Geburtstag | Sergei Karpukhin / Reuters
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Es hat sich nichts verändert. Die Haare nicht, das Make-up nicht, die Stimme nicht. Seit über einem halben Jahrhundert trägt sie die immergleiche Frisur. Pagenschnitt, weniger charmant Bubikopf genannt. "Als hätte sie ein Leben lang dieselbe Perücke getragen", schrieb ein Kritiker.

Über 50 Jahre steht Mireille Mathieu nun auf der Bühne. Und würde sie heute, an ihrem 70. Geburtstag auftreten, wäre ihre optische Erscheinung garantiert fast so wie beim allerersten Mal. Porzellanweißer Teint, dunkle Augen unter stark ausgeprägten Brauen, signalrote Lippen - und der schwarze Pagenkopf.

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Na ja, erfahrene Stylisten, die es ja schon über 50 Jahren gab, werden anmerken, dass die junge Mireille eine Frisur trug, die im Nacken etwas kürzer war und Ansätze der Ohren erkennen ließ. Auch der Gesichtsausdruck hat sich verändert. In den 70er- Jahren blickte sie, die Lippen leicht geöffnet, frech, herausfordernd, ja fast frivol, vom Cover ihrer Platte "Mon impossible amour". Ein Hauch von femme fatale, der mit der Zeit einer nonnenhaften Freundlichkeit gewichen ist.

Ansonsten ist alles gleich. Die kraftvolle Stimme, ihr glockenklares Timbre, das melodramatische Vibrato, ihre Gestik. Sie hebt beschwörend die Hände und den Kopf leicht nach oben, wenn sich ihr Lied dem inhaltlichen und musikalischen Höhepunkt nähert. Das machte sie schon vor 51 Jahren perfekt.

Rückblende:

Der Anfang war schwer, wenn nicht gar unmöglich. Die älteste Tochter eines Steinmetzes, der sich für Musik interessierte und viel lieber Sänger geworden wäre, wuchs in ihrer Heimatstadt Avignon in ärmlichsten Verhältnissen auf. Die Familie lebte mit ihren 14 Kindern - beim jüngsten hatte der französische Staatspräsident Francois de Gaulle die Patenschaft übernommen - in einer Wellblechhütte, ohne Bad, ohne Heizung. Fünf Kinder teilten sich ein Bett, zwei am Kopf-, drei am Fußende.

Mireille musste der Mutter helfen und sich um die 13 jüngeren Geschwister kümmern, in der Grundschule saß sie ganz hinten und kam nicht mehr mit. Als sie 14 war, steckten sie die Eltern ohne Schulabschluss in eine Papierfabrik. Sie musste dazu verdienen und faltete Briefumschläge. Das ging am besten, wenn sie dazu sang mit ihrer hellen Kinderstimme.

Es war die Zeit, als in Paris eine kleine, zierliche, aber ziemlich kaputte Frau mit ihren Chansons die Musikwelt eroberte. Édith Giovanna Gassion, die wegen ihrer mickrigen Körpergröße von 1,47 Meter "Piaf" (Spatz) genannt wurde, kam auch von ganz unten. Doch der "Spatz von Paris" wurde mit seinen Liedern ein französisches Nationalheiligtum. Und wenn im fernen Avignon die kleine Mireille (1,53 Meter) in ihrer Papierfabrik die Kuverts faltete und dabei den Piaf-Hit "La vie en rose" trällerte, schaffte sie locker 500 am Tag.

"Spatz von Avignon"

Irgendwann fand ihr Vater, dass seine kleine Mireille mindestens so gut war wie die große Piaf. Er schleppte sie zu einem Nachwuchswettbewerb - und Mireille gewann. Der "Spatz von Avignon" war geboren.

Mit 19 siegte sie in der TV-Sendung "Télé-Dimanche", einer frühen Castingshow, wieder mit einem Lied von Édith Piaf, und einige Monate später durfte sie im Vorprogramm des legendären Stars Sascha Distel im berühmten Pariser "Olympia" auftreten. Sie sang das Piaf-Chanson "Jézabel". Das war im Dezember 1965, die vergötterte Piaf war gerade mal ein Jahr tot.

Da stand eine 19-jährige Wiedergeburt auf der Bühne, die nicht nur sang wie die Piaf, sondern auch so aussah. Klein, zierlich, schwarzes Kleid, beschwörende Gestik. Am nächsten Tag schrieb ein Kritiker im "Figaro": "Sie ist das lebende Gespenst der Piaf."

Mireille - eine Ikone französischer Musik

Was folgt ist Musikgeschichte. Mireille Mathieu, der "Spatz von Avignon" wurde mit 190 Millionen verkaufter Tonträger die erfolgreichste französischsprachige Gesangskünstlerin der Geschichte und mit Schallplatten in Gold und Platin überschüttet. 1999 ernannte man sie zum Ritter der Ehrenlegion und 2011 sogar zum Offizier. Mireille ist ein nationales Kulturerbe Frankreichs und lieh 1978 sogar der französischen Nationalfigur "Marianne" ihr Gesicht. Mireille - eine Ikone französischer Musik.

Doch da sind auch andere Stimmen zu vernehmen. Die Mathieu habe erfolgreich die Lücke gefüllt, die Édith Piaf hinterlassen hat - doch sie werde immer im Schatten ihres Vorbilds bleiben. Das "Süddeutsche Zeitung Magazin" sah 2014 in Mireille Mathieu eine Künstlerin, die zur "Dienstleisterin wurde. Sie sang, was die Zuschauer hören wollten. Die Elite nahm ihr das übel."

Das typische Mireille Mathieu-Lied ist meist nur die äußere musikalische Hülle eines Chansons. Inhaltlich trieft es vor Schmalz, all dem Gefühlszucker, den das breite Publikum so liebt. Alles untermalt von cremigen Geigenklängen.

Das hatte die Piaf nie gemacht, die sang, was sie singen wollte. "Sie ist angetreten, um Nachfolgerin der Piaf zu werden", schimpfte der Philosoph Jean Cau: "Sie hat mit ihr so viel gemeinsam wie eine kostbare Kommode mit einem Nachbau." Mireille tat so, als sei ihr so ein Urteil egal. Sie sang weiter ihre Schlager, das Geld sprudelte, und sie kaufte ihren Eltern ein Haus mit 14 Zimmern.

Deutschland liebt die Mathieu

Diese Geschichten von der sozialen Verantwortung und dem Familiengefühl einer Künstlerin kommen vor allen in Deutschland gut an. Die Deutschen sind das wohl treueste Publikum der kleinen Französin. Das deutsche Herz öffnet sich gemeinhin bei Mathieu-Titeln wie "Tarata-Ting, Tarata-Tong", "Das Wunder aller Wunder ist die Liebe", "Ganz Paris ist ein Theater", "An einem Sonntag in Avignon", "Heidschi Bumbeidschi", "Der Clochard", "Der Wind hat mir ein Lied erzählt" und natürlich: "Hinter den Kulissen von Paris" (... ist das Leben noch einmal so süß) besonders weit.

Wenn sie solche Texte auf Englisch, Italienisch, Spanisch, Katalanisch, Okzitanisch, Russisch, Finnisch, Japanisch und Chinesisch singt, klingt das zwar besser, doch inhaltlich bleibt sie damit Lichtjahre hinter der Kunst einer Piaf zurück. Daran ändert auch ihre Freundschaft zum deutschen Volkssänger Florian Silbereisen nichts.

Mireille und die Mächtigen dieser Welt

In ihrer Heimat wird sie auch immer wieder für ihre auffällige Nähe zu den Mächtigen dieser Welt kritisiert. Mireille sang im Kreml vor Wladimir Putin und trank mit dem libanesischen Diktator Muammar al-Gaddafi in einem Beduinenzelt Tee. Auch mit dem ehemaligen französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy verbindet sie politische Nähe. Am Abend seines triumphalen Wahlsieges von 2007 schmetterte "MM" bei der großen Siegesfeier auf der Place de la Concorde die "Marseillaise". Er revanchierte sich und verlieh ihr im Rahmen einer denkwürdigen Feierstunde im Elysée-Palast die goldene Verdienstmedaille. Und bei dem Justizskandal um die russische Punkband "Pussy Riots", die zu Lagerhaft verurteilt wurde, kritisierte Mireille den umstrittenen Auftritt der Sängerinnen in einer Kirche, um gleichzeitig Milde für die Band zu fordern.

Bei allen Erfolgen, bei allem Lob und aller Kritik - eigentlich führt die Ikone Mireille Mathieu ein zurückgezogenes, eher tristes Leben. Sie wohnt mit einer jüngeren Schwester im Pariser Nobelvorort Neuilly, sie isst stets im selben China-Restaurant, wo sich die Leute zwar nach ihr umdrehen, sie aber sonst in Ruhe lassen.

Im Frühjahr ist ihre Mutter Marcelle-Sophie (94), die sie auf viele Konzerte begleitet hat, gestorben. Und Mireille spürte wieder dieses Gefühl der Verzweiflung. Das hatte sie schon einmal, vor ein paar Jahren. Da sprach sie ausnahmsweise mal von ihrem "jardin secret", ihrem geheimen Garten, der allerdings kein Ort der Blumen und Blüten, sondern eher eine kleine Hölle war. Sie redete von ihrer Einsamkeit seit der Kinderzeit, von ihrer kranken Seele. "Es war der Druck, der mich krankmachte", so zitierte sie die "Freizeit Revue".

"Ich musste nur noch funktionieren. Der Wechsel vom umjubelten Star auf der Bühne zur Privatperson, um die sich keiner kümmert, hat mich immer sehr traurig gemacht... Ich fühlte eine große Leere, es kam mir vor wie ein böser Traum."

"Ich habe keine große Liebe erlebt"

Mireille Mathieu besitzt an die 2.000 Lippenstifte, doch für wen sie sich anmalt, weiß sie selbst nicht. Eine große Liebe, die sie aus ihrem psychischen Abgrund hätte retten können, gab es nicht. Sie hatte wohl einige Sexualbeziehungen und sagt: "Es waren durchaus Männer in meinem Leben. Aber ich habe keine große Liebe erlebt." Richtig glücklich sei sie nur auf der Bühne. "Dort fühle ich mich frei. Das ist wie eine Liebesbeziehung zum Publikum - ich gebe alles von Herzen und es kommt sofort etwas zurück. Das ist etwas, was ich im normalen Leben leider nicht erlebe."

Es gab mal Gerüchte, dass ihr übermächtiger Manager und Impressario Johnny Stark, der 1989 starb, auch ihr geheimer Lebensgefährte war. Er habe sie gezwungen, für ihre Karriere zölibatär zu leben, zumindest öffentlich. Die Journalistin Marion Detjen schrieb in ihrem Blog: "Johnny Stark hatte nicht bedacht, dass die von ihm geschneiderte Burka sie eines Tages als alte Jungfer nackt aussehen lassen könnte."

Auf ihrer Homepage nennt sich Mireille Mathieu demonstrativ "La Demoiselle d'Avignon". Das Fräulein von Avignon. Man könnte auch Jungfer sagen. Das tut der Demoiselle von Avignon aber niemand an.