Huffpost Germany

"Soll ich jetzt gehen?": Erdogan-Vertreter sorgt für Eklat bei "Maybrit Illner"

Veröffentlicht: Aktualisiert:
Drucken
  • Bei "Maybrit Illner" ging es um die Folgen des Militärputsch in der Türkei
  • Die aufgeladene Sendung zeigte, wie tief gespalten die Türkei ist
  • Schließlich kam es zum Showdown zwischen einem Erdogan-Vertreter und der Moderatorin
  • Die wichtigsten Ausschnitte der Sendung seht ihr im Video oben

Was für ein Krawall.

Wenn man eine Erkenntnis aus der gestrigen "Maybrit Illner"-Sendung ziehen kann, dann die, dass eine sachliche Auseinandersetzung zwischen Anhängern des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan und jedem mit einer anderen Meinung nicht mehr möglich ist.

Beleidigungen, Unterstellungen, Anschuldigungen und Wortunterbrechungen prägten diese Sendung mit dem Titel "Erdogans -Rache - ist die Türkei noch unser Partner?".

Während Illner am Anfang noch amüsiert auf die ständigen Wortunterbrechungen reagierte, wurde sie im Laufe der Sendung sichtlich wütend - bis sie sogar damit drohte, die Sendung zu verlassen.

"Gestern haben Sie mir etwas anderes erzählt!"

Man konnte sich noch nicht einmal darauf einigen, was in der fraglichen Putsch-Nacht eigentlich vorgefallen war. Der türkischstämmige "Welt"-Journalist Deniz Yücel und Mustafa Yeneroglu, der Vorsitzende des Menschenrechtsausschusses des türkischen Parlaments, beschrieben beide ihre Erlebnisse während der Putsch-Nacht.

Yeneroglu schilderte eine Heldengeschichte: Wie die Abgeordneten angesichts ihres möglichen Todes im Parlament ausharrten, während die Bomben einschlugen, um ein Zeichen gegen den Putsch zu setzen.

Yücel präsentierte eine ganz andere Sicht. Es sei auffällig gewesen, dass er von dem Putsch durch die Regierung erfahren habe - und nicht durch die Putschisten, sagte er. Am Flughafen habe er Übergriffe auf die entwaffneten Soldaten gesehen und war sich nicht sicher, von wem die Gewalt ausgegangen sei.

Prompt warf ihm Yeneroglu vor, zu lügen: "Gestern haben Sie mir etwas anderes erzählt!" Yücel wolle den Putsch als Inszenierung darstellen.

"Ich schildere nur, was ich gesehen habe, alles andere läuft in ihrem Kopf ab", verteidigte sich Yücel.

Scheuer will "Erdogan-Flüchtlinge" aufnehmen

Die Stimmung für die Sendung war gesetzt. CSU-Mann Andreas Scheuer heizte weiter ein. Das "kleine Zwiegespräch" zwischen Yücel und Yeneroglu habe gezeigt, wie zerrissen die Türkei sei. Zu Yeneroglu sagte er, er sei "enttäuscht, wie er das Bild der Türkei so ins Negative" ziehe.

"Wenn sie Vorsitzender des Menschenrechtsausschusses sind, dann weiß ich, warum sie heute Abend Zeit haben, weil die Menschenrechte in der Türkei ausgesetzt sind."

"Eine Erdogan-Türkei kann keinen Platz in der europäischen Familie haben", schloss er. Er erwartet, dass Menschen kommen, die von der Herrschaft von Erdogan und seiner Partei verfolgt werden - und zeigt sich bereit, diese "Erdogan-Flüchtlinge“ aufzunehmen, natürlich nur nach einem rechtsstaatlichen Verfahren. Solche Worte hörte man von Scheuer nicht oft.

Eine sachliche Debatte war jetzt nicht mehr zu erwarten. Nun fehlte eigentlich nur noch der Hitler-Vergleich, um die Fronten endgültig zu verhärten.

"Totale Machtergreifung nach dem Lehrbuch der Geschichte"

Den brachte ausgerechnet ein Historiker. "Alles, was wir erleben, ist eine totale Machtergreifung nach dem Lehrbuch der Geschichte", sage Michael Wolffsohn, Professor an der Bundeswehruniversität München.

Angesichts dessen verglich er tatsächlich die Putschisten mit dem Widerstand vom 20. Juli und lobte den türkischen Putsch von 1980, weil er einen Bürgerkrieg beendet habe. "Militärputsch ist nicht gleich Militärputsch." Beängstigend, was an Bundeswehruniversitäten anscheinend so herumläuft.

Da war man dankbar, dass die Linken-Politiker Sevim Dagdelen dem entgegnete, sie sei "froh, dass der Putsch gescheitert ist" und dass "jeder Putsch unakzeptabel" ist. Doch auch sie kam um den Nazi-Vergleich nicht herum: "Wenn es einen Vergleich gibt, dann ist es das Dritte Reich - aber das möchte ich nicht tun."

Verständlich, dass Yeneroglu hier der Hut hochging. Er zeigte das offensichtlich reflexhafte Reaktionsmuster jedes Erdogan-Vertreters angesichts von Daðdelen: Als PKK-Unterstützerin müsse sie ganz still sein. "Sie lügen hier, beweisen Sie das Mal", schnaubte sie. "Das ist keine Lüge, und das wissen Sie auch", fauchte er zurück.

"Wenn Sie mich nicht reden lassen, dann gehe ich jetzt"

Dann geht es um die Gülen-Bewegung, die Erdogan als Drahtzieher des Putsches sieht. Dagdelen bezeichnet sie als "Sekte", welche die Unterwanderung staatlicher Institutionen zum Ziel habe.

Wobei das bis 2013 noch von Erdogan und der AKP unterstützt worden war, wie Yücel anmerkt: "Das waren ihre alten Kumpel, ihre alten Betbrüder", sagt er. Jetzt würde die Gülen-Bewegung von einem paranoiden Präsidenten als Rechtfertigung für seine Repressionen benutzt. "Ein besseres Feinbild kann es nicht geben."

"Schwachsinn", sagt Yeneroglu nur. Irgendwann beginnt er, Ultimaten an Illner zu stellen. "Wenn Sie mich nicht reden lassen, dann gehe ich jetzt." Als die Moderatorin ihn auf die Rechtsstaatlichkeit der zu erwartenden Prozesse gegen die Putschisten anspricht, antwortet er: "Frau Illner, Sie haben von der türkischen Situation doch überhaupt keine Ahnung."

Illner erwidert sichtbar vergrätzt: "Soll ich jetzt gehen?"

Yeneroglu erklärt die ganze Sendung zum "Machtdiskurs"

Zugegeben, Yeneroglu hatte es schwer. Aber er zog sich auch in das paranoide Weltbild der Erdogan-Anhänger zurück – alle haben sich gegen ihn verschworen, unter der Führung der Moderatorin: "Bei der Konstellation, die sie eingeladen haben, wenn hier eine Person gegen fünf antritt - wenn das Demokratie ist ...", sagte er. Einen "Machtdiskurs" nannte er die ganze Sendung.

Das letzte Wort hatte Sebastian Fiedler vom Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK). Bei ihm sei die Sorge "sehr, sehr groß", dass der Konflikt in der Türkei auch in Deutschland ausgetragen werde. In Deutschland gebe es mehrere hunderttausend Erdogan-Anhänger, aber rechts- und linksextreme türkische Gruppen.

"Es reicht ein Fingerschnippen von Erdogan, um die Leute hier sehr emotional gegeneinander auf die Straßen zu bringen", warnte er.

Mehr zum Thema Militärputsch in der Türkei findet ihr hier.

Auch auf HuffPost:

Hat Erdogan den Putsch selbst inszeniert? Das sagen Experten

(lk)