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"Die Türkei braucht Russland": Wie Putin vom Militärputsch in der Türkei profitiert

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ERDOGAN PUTIN
"Die Türkei braucht Russland": Wie Putin vom Militärputsch in der Türkei profitiert | Osman Orsal / Reuters
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  • Die radikale Reaktion Erdogans auf den Militäraufstand hat die Türkei weiter vom Westen isoliert
  • Russland wird somit zu einem immer wichtigeren Partner für Ankara
  • Am Ende könnte vor allem Putin profitieren, Experten erwarten eine "ungleiche Partnerschaft"

Nach dem niederschlagenden Putschversuch geht die Türkei auf Konfrontationskurs mit dem Westen. Führende AKP-Politiker kokettierten mit der Wiedereinführung der Todesstrafe, Erdogan entließ tausende Beamte und rief den Ausnahmezustand aus.

Kritik aus der EU an seiner repressiven Politik schmetterte der Präsident ab: "Die Welt ist nicht nur die EU. (...) Wir haben 53 Jahre lang an die Tür der EU geklopft und die EU hat uns warten gelassen."

Weil das Verhältnis zwischen Brüssel und Ankara weiter abkühlt, tut sich Russland als zentraler Partner der Türkei hervor. Nach dem Abschuss eines russischen Jets durch das türkische Militär herrschte Eiszeit zwischen den eng verbundenen Ländern. Die könnte nun vorüber sein. Für Erdogan ist das aber nur bedingt eine gute Nachricht.

Russland-Experte: "Die Türkei braucht im Moment Russland mehr"

Denn Russland könnte von der gezwungenen Kooperation der beiden Mächte deutlich stärker profitieren als die Türkei. "Die Türkei braucht im Moment Russland mehr“, sagt Stefan Meister, Russland-Experte bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, im Gespräch mit der Huffington Post.

Putin und Erdogan sollen bereits am Wochenende des Putsches telefoniert haben. Der russische Präsident versicherte seinem türkischen Amtskollegen, er lehne den Aufstand ab. Putin soll den Anruf initiiert haben – vielleicht mit einem Hintergedanken.

Russland will von prekärer Lage in der Türkei profitieren

Denn glaubt man der Analyse des Russland-Experten Jeffrey Mankoff im US-Magazin "Foreign Affairs“, will Putin Profit aus der Instabilität in der Türkei schlagen. Er ist sicher: "Weil die Türkei der größten Unsicherheit entgegenblickt, die sie seit Dekaden erlebt hat, ist Erdogan nicht in der Lage, den Einfluss Moskaus zurückzudrängen.“

Moskaus Einfluss besteht aus mehreren Ebenen. Zum einen kooperieren die beiden Länder wirtschaftlich - seit Ende Juni wieder verstärkt. Meister erklärt: "Beidseitig wurden alle Sanktionen in kürzester Zeit abgeschafft. Wie es immer in der türkisch-russischen Beziehung ist, bleibt es aber ein rein interessengeleitetes Bündnis.“

Passend zum Thema: Wie es zu der Annäherung zwischen Putin und Erdogan kam

Wirtschaftlich ist Ankara abhängig

Im vergangenen Jahr war Russland der drittstärkste Handelspartner der Türkei, nur aus China und Deutschland importierte die Türkei mehr Waren. Besonders auf russisches Erdgas ist Ankara angewiesen.

Es ist eine schmerzhafte Abhängigkeit. Um fast ein Prozent wäre das Bruttoinlandsprodukt der Türkei im Jahr 2016 gesunken, wenn Russland an den im November in Kraft getretenen Sanktionen gegen Ankara über das gesamte Jahr festgehalten hätte. Dann entschuldigte sich Erdogan für den Abschuss eines russischen Militärflugzeugs.

Erdogan isoliert sich selbst - und braucht deshalb Moskau

Ein Schritt, dessen Tragweite erst heute zu erkennen ist. Meister erklärt: "Nach dem Putsch braucht Erdogan umso dringender Partner außerhalb des Westens.“ Der türkische Präsident habe sich nach dem Putsch entschieden, innenpolitisch Tabula Rasa zu machen. "Das leitet eine völlig neue Phase der Beziehungen mit den USA und der EU ein.“

Weil diese also mittelfristig als enge Partner in den Hintergrund rücken, ist Putin gewillt, die Lücke einzunehmen. Nach seinen Spielregeln. "Die Isolation der Türkei verbessert natürlich die Verhandlungssituation Putins“, sagt Meister. Konkret könnte sich das bei den Pipeline-Projekten Southstream und Turkstream zeigen. Noch liegen diese auf Eis, sie könnten aber jederzeit reaktiviert werden.

Die Pipelines sollen russisches Erdgas über das Schwarze Meer – unter Umgehung der Ukraine – in die EU transportieren. Auch die Türkei will vom neuen Transportweg und den sinkenden Preisen profitieren. Es sei nun jedoch möglich, "dass die Türkei jetzt einen höheren Preis zahlen muss“, spekuliert Meister.

Außenpolitisch vertreten Erdogan und Putin andere Interessen

Auch außenpolitisch hat der Militärcoup in der Türkei Putin gestärkt. Russland und die Türkei teilen ein ähnliches Interessengebiet. Dieses ergibt sich zum einen aus der Lage beider Mächte am Schwarzen Meer, zum Anderen aus ihrem Einsatz in Syrien.

In vielen Regionen vertreten Putin und Erdogan – trotz ihrer jüngsten Versöhnung – gegenläufige Interessen.

In Syrien kämpft Erdogan gegen den syrischen Machthaber Bashar Al-Assad, den Putin stützt. Russland unterstützt zudem die kurdische PYD in Syrien, während Erdogan die Kurden weiterhin vehement bekämpft.

Die Ukraine ist ein weiteres Konfliktfeld: Während Putin versucht, diese weiter zu isolieren, intensiviert Ankara die Verbindung nach Kiew. Armenien (von Russland unterstützt) und Aserbaidschan (von der Türkei unterstützt) gerieten gar militärisch wieder aneinander.

Umschwenken Erdogans scheint möglich

Mankoff glaubt: "Russland wird seinen Einfluss in der gemeinsamen Nachbarregion mit der Türkei ausweiten – und Ankara nur die Aussicht auf eine ungleiche Partnerschaft lassen.“

Auch Meister glaubt an außenpolitische Implikationen der derzeitigen Lage, sagt aber auch: "In der türkischen Außenpolitik ist Russland nur ein Faktor.“ Auch die USA und die Nato hätten noch einen großen Einfluss sowie Dynamiken im Nahen Osten.

Dennoch zeige sich: "Die Türkei braucht im Moment Russland mehr.“ Ein Umschwenken Ankaras in einigen geopolitischen Fragen scheint somit möglich. Bereits vor etwa einer Woche verwirrte der türkische Premierminister mit der Aussage, man wolle die Wogen mit dem syrischen Regime glätten, ruderte dann aber zurück.

Dabei muss es nicht bleiben. Das Zweckbündnis zwischen Russland und der Türkei scheint unausweichlich – aber auch logisch. Meister erklärt hinsichtlich der innenpolitischen Pläne Erdogans: "Die Türkei bewegt sich, was die Staatsform betrifft, gerade in Richtung Russland. Auch hier könnte es zu Annäherungen kommen. Erdogan geht derzeit den Weg Putins und darüber hinaus.“

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(jkl)