Huffpost Germany

Die Vergleiche von Erdogan und Hitler im Netz: Was ist daran Unsinn? Und was vielleicht nicht?

Veröffentlicht: Aktualisiert:
ERDOHITLER
Die Vergleiche von Erdogan und Hitler im Netz: Was ist daran Unsinn? Und was vielleicht nicht? | Getty
Drucken

Es dürfte kaum noch ein Zweifel daran bestehen, dass der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan gerade versucht, die Demokratie in der Türkei auszuhebeln.

Massenverhaftungen von tausenden Menschen, die Forderung nach Wiedereinführung der Todesstrafe, die Repressalien gegen Journalisten, das Ausreiseverbot für Akademiker, die Entlassung von zehntausenden Staatsbediensteten – politisch gesehen nutzt die türkische Regierung derzeit eine sehr eindeutige Sprache.

Manch einem kommen dabei böse Erinnerungen in den Sinn.

Im Netz kursieren seit einigen Tagen viel beachtete Memes, in denen Erdogan mit Hitler verglichen wird. Dieses zum Beispiel.

Am Jahrestag des Hitler-Attentates vom 20. Juli wurden Sätze wie diese hier verbreitet:

Auch dieses Video aus den USA fand sich in den vergangenen Tagen wiederholt in den Facebook-Timelines – mit Kommentaren, die Bezug auf Erdogan nahmen.

Nicht zuletzt hatte Erdogan die Parallelen zu Nazi-Deutschland selbst ins Spiel gebracht. Auf die Frage, ob sich Zentralstaat und Präsidialsystem nicht ausschließen würden, antwortete er vor einigen Monaten: "Es gibt aktuell Beispiele in der Welt und auch Beispiele in der Vergangenheit. Wenn Sie an Hitler-Deutschland denken, haben Sie eines. In anderen Staaten werden Sie ähnliche Beispiele finden.“ Die Links dazu werden im Netz immer noch verbreitet.

Was aber reizt nun Millionen von Menschen in diesem Land, Parallelen zwischen der Nazi-Diktatur und der Türkei unter Erdogan zu ziehen? Ist das völliger Unsinn? Oder spricht daraus einfach nur Sorge? Neun Thesen zur dieser Debatte.

1. Recep Tayyip Erdogan ist nicht Adolf Hitler

Es mag sein, dass den Deutschen mit Blick auf den Aufbau einer Diktatur zuerst die eigene Vergangenheit in den Sinn kommt. Aber der Vergleich mit Hitler ist unangebracht. Schon vor der Ernennung des NSDAP-Politikers zum Reichskanzler im Jahr 1933 lag Hitlers politisches Programm in Form der Propagandaschrift "Mein Kampf“ vor.

Wer sich informieren wollte, der wusste, dass Hitler "Lebensraum im Osten“ suchte und die Auslöschung der jüdischen Bevölkerung plante. Der "Rassenkampf“ war dabei Hitlers Gegenentwurf zum "Klassenkampf“ der Kommunisten.

Viele Deutsche haben damals einen Mann gewählt, der nach eigenen Aussagen einen Völkermord begehen wollte. Das war keine krude Ahnung, sondern Hitlers eigenes Programm. Und genau in dieser Blindheit für das Offensichtliche lag das Totalversagen der deutschen Gesellschaft.

Erdogan dagegen galt einst selbst im Westen als Hoffnungsträger. Er schaffte als Ministerpräsident im Jahr 2004 die Todesstrafe ab und betrieb anfangs eine Entspannungspolitik gegenüber den Kurden und den Armeniern. Der türkischen Bevölkerung ein ähnliches Totalversagen zu unterstellen, wäre bösartig.

Die "Zeit“ schrieb noch 2013 rückblickend auf den "frühen Erdogan“ der Nullerjahre: "Wer Erdogan für einen religiösen Dogmatiker hält, sucht vergeblich nach Beweisen. An der Macht kehrt er den Pragmatiker heraus und wird zum Helden von Konservativen, Liberalen und Modernisierern. Wenn er überhaupt einer Ideologie huldigt, dann der wirtschaftsliberalen Vorstellung vom ungebremsten Wachstum.“

2. Erdogan war einmal Teil des demokratischen Establishments

Hitler machte schon lange vor seiner "Machtergreifung“ Wahlkampf mit der Forderung, die Demokratie restlos zu beseitigen.

In "Mein Kampf“ etwa skizzierte er, was er später in die Tat umsetzte - den Aufbau eines "germanischen Führerstaats“ als Gegenentwurf zur, wie er sagte, "jüdischen Idee“ der Demokratie.

Dabei berief er sich unter anderem auf die abscheuliche antisemitische Hetzschrift "Die Protokolle der Weisen von Zion“. Dahinter steckte also auch ein ideologisches Fundament. Hitler war eben auch von Beginn an ein leidenschaftlicher Antidemokrat.

All das kann man über Erdogan nun wirklich nicht behaupten. Dagegen spricht zum Beispiel, dass er als Ministerpräsident keineswegs die planmäßige Abschaffung des demokratischen Systems im Sinn hatte. Er näherte sich sogar der Europäischen Union an.

Erdogans Weg zu der Rolle, die er im Jahr 2016 spielt, ist jedenfalls um einiges komplizierter, als es die Analogien mit Hitler implizieren. Es ist die Geschichte einer schrittweisen Radikalisierung im Amt.

3. Wahr ist jedoch auch: Erdogan hat schon früher ein gestörtes Verhältnis zu demokratischen Werten

Schon vor Jahren beschimpfte Erdogan seine politischen Gegner als "blutsaugende Vampire“, "Atheisten“ oder "Terroristen“.

Beobachter stellten nach seiner ersten Wiederwahl als Ministerpräsident im Jahr 2007 zunehmende Radikalisierungstendenzen fest.

Er trieb maßgeblich die Spaltung des Landes voran, die in die jetzt offen erkennbare Aufpeitschung ganzer Bevölkerungsschichten geführt hat. Das Freund-Feind-Denken in der türkischen Politik ist ein Ergebnis von Erdogans gewachsener Überzeugung, der zufolge nur er in der Lage sei, das Interesse des türkischen Volkes zu vertreten.

"Spiegel Online“ schrieb im Jahr 2014 über Erdogan: "Bei der zweiten Wiederwahl 2011 erhielt die AK-Partei fast 50 Prozent der Wählerstimmen und verfehlte wegen der Zehn-Prozent-Hürde, an der andere Parteien scheiterten, nur knapp die Zweidrittelmehrheit im Parlament. Erdogan glaubt seither, er habe die Legitimation, zu tun und zu lassen, was er will.“

4. Was derzeit entsteht, ist eine Diktatur

Das System Erdogan ist schon vor langer Zeit aus den Fugen geraten. Schon bei der Parlamentswahl 2011 strebte die AKP ein Referendum über eine "Verfassungsreform“ an, um ein Präsidialsystem zu installieren.

Die Proteste im Gezi-Park ließ er 2013 brutal niederwalzen. Mindestens sechs Demonstranten starben dabei. Schon damals war für die Weltöffentlichkeit offen sichtbar, dass sich Erdogan zum Despoten wandelte. Das zeigte sich auch an der zunehmenden Einschränkung der Pressefreiheit in der Türkei. "Reporter ohne Grenzen“ führt die Türkei mittlerweile auf Platz 151 von 180 in ihrem Pressefreiheits-Ranking.

Sein brutales Vorgehen gegenüber den Kurden, seine zweifelhafte Rolle im Syrien-Konflikt, und auch Erdogans hysterische Reaktion gegenüber Kritkern waren Indizien dafür, dass es der türkische Präsident schon lange nicht mehr mit demokratischen Werten hält.

Und nun baut er den Staat zu einem Instrument seiner totalitären Ideen um.

5. Die "Säuberungen“ in der Türkei erinnern viele Deutsche an das Dritte Reich

Erschreckend ist, wie planvoll Erdogan nun gegen seine vermeintlichen Gegner vorgeht. Vermutlich lagen die Pläne für die groß angelegte Säuberung schon lange in der Schublade. Wie wollte Erdogan sonst binnen Stunden 3.000 „staatsfeindlich“ gesinnte Richter identifizieren, die auf seine Anordnung noch am Samstag nach dem fehlgeschlagenen Putsch entlassen wurden?

Mit Rechtsstaatlichkeit hat das nichts mehr zu tun.

Mittlerweile haben mehr als 50.000 Staatsbedienstete ihren Job verloren. Lehrer, Professoren, Offiziere, Juristen. Die akademische Elite des Landes wurde mit einem pauschalen Ausreiseverbot belegt.

Es gibt für solche Vorgänge einen Begriff aus der deutschen Geschichte: "Gleichschaltung“. In den frühen Jahren der NS-Diktatur brachte Hitler das öffentliche Leben in Deutschland beinahe vollständig unter nationalsozialistische Kontrolle. Parteien wurden verboten, Verbandsvorstände mit NS-Schergen besetzt und ganze Berufsgruppen durch die Zwangsmitgliedschaft in Verbänden auf Linie gebracht.

Wer etwa nach 1933 in Deutschland Journalist werden wollte, musste Mitglied in der "Reichspressekammer“ werden und war damit auf die Politik der nationalsozialistischen Diktatur verpflichtet.

Die "Säuberungen“, die derzeit in der Türkei stattfinden, verlaufen zwar offensichtlich weit weniger systematisiert. Daher hinkt der Vergleich ein wenig. Doch das Ziel dürfte das gleiche sein: Die komplette Kontrolle über zentrale Schaltstellen des öffentlichen Lebens in der Türkei.

Bei allen historischen Parallelen, die diesbezüglich gezogen werden, sollte jedoch nicht vergessen werden: Die „Säuberung“ von öffentlichen Institutionen ist weniger ein klassisches Merkmal des Faschismus, sondern eher ein Vorgang, der überall beim Aufbau von Diktaturen stattfindet.

6. Die Radikalisierung von Erdogans Anhängern ist erschreckend

Immer noch ziehen Gruppen von Erdogan-Anhängern durch die Straßen von türkischen Städten und demonstrieren für "ihren“ Präsidenten.

Am Tag des Putsches kam es laut verschiedenen Berichten zu brutalen Vergeltungsmaßnahmen gegen die am Aufstand beteiligten Soldaten. Einem Mann soll die Kehle durchgeschnitten worden sein, ein anderer wurde womöglich von einer der Istanbuler Bosporus-Brücken geworfen.

Das ist umso tragischer, als viele der beteiligten Soldaten offensichtlich keine Ahnung hatten, zu was sie da an diesem Abend befohlen wurden. Interviews zeigten, dass zahlreiche junge Soldaten von einer ganz normalen Übung ausgingen.

Diese Gewalt wird Folgen haben. Sowohl im Verhältnis zum Militär als auch zur sich abzeichnenden weiteren Radikalisierung der Gesellschaft. Auch das löst in vielen Deutschen ungute Erinnerungen an den Straßenterror der Jahre 1932 und 1933 aus.

7. Der andauernde Notstand war auch Teil von Hitlers Herrschaftssystem

Nach dem Reichstagsbrand im Jahr 1933 setzte Präsident Paul von Hindenburg die "Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutze des deutschen Volkes“ in Kraft. Sie gab der Regierung Hitler weitreichende Vollmachten und wurde erst 1947 vollständig außer Kraft gesetzt.

Historiker sagen deshalb heute, dass der andauernde Notstand ein zentrales Charakteristikum nationalsozialistischer Herrschaft gewesen sei.

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

Auch in dieser Hinsicht weckt der von Erdogan verhängte und vorerst auf drei Monate befristete Notstand in der Türkei böse Assoziationen in Deutschland: Schließlich gibt es hierzulande nicht umsonst eine ganze Reihe von Mechanismen, die einen Zustand von staatlich verhängter Willkür verhindern sollen.

8. Niemand weiß, wie weit sich Erdogan noch radikalisieren wird

Der Notstandspräsident Recep Tayyip Erdogan hat zusammen mit der ihm ergebenen Regierung nun weitreichende Möglichkeiten, um das Land auf seine Linie zu zwingen. Darüber dürfen auch die Beteuerungen Erdogans nicht hinwegtäuschen, er wolle die "freiheitliche Grundordnung“ der Türkei schützen.

Er selbst sagt, dass der Staatsstreich "vielleicht noch nicht vorbei“ sei. Letztlich drückt Erdogan damit aus, dass er darüber entscheidet, wann die Ordnung seiner Meinung nach wieder hergestellt ist.

Und genau das ist die Gefahr: Die Türkei mit ihren 78 Millionen Einwohnern wird nun von einem Präsidenten regiert, der offenbar willens ist, das Land nach seinem Gusto umzubauen. Wohin Erdogans Weg der Selbstradikalisierung führt, das weiß derzeit womöglich noch nicht einmal der Präsident selbst.

9. Kann es womöglich sein, dass das Jahr 2016 unsere Vorstellungskraft sprengt?

Nein, Recep Tayip Erdogan ist nicht Adolf Hitler, das dürfte jeder nach zwei drei klaren Gedankengängen erkennen. Und doch gibt es ja die Memes und das Raunen in den sozialen Netzwerken. Nicht nur von Menschen, die den politischen Gegnern Erdogans nahe stehen. Sondern auch von Leuten, die sich einfach Sorgen darüber machen, dass sich Europas zweitgrößte Demokratie gerade vor unseren Augen auflöst.

Eine mögliche Erklärung: Mit dem Hitler-Vergleich stecken wir unseren eigenen Erfahrungsrahmen ab.

Das Phänomen ist beispielsweise auch aus den Einsatzländern der Bundeswehr bekannt. Nach Gefechten in Afghanistan sprachen Soldaten darüber, dass bestimmte Situationen "so wie 44/45“ gewesen wären. Nicht, weil das tatsächlich auch so stimmte. Sondern weil die Soldaten die Brutalität eines lang andauernden Feuerwechsels kaum im Begriffe fassen konnten.

Die historische Erfahrung des Nationalsozialismus ist auf unserer inneren Skala das Schlimmste, was wir uns vorstellen können. Und weil wir nicht fassen können, was derzeit in der Türkei passiert, gleichen wir Ereignisse mit diesem Extrem ab.

Auch auf HuffPost:

Dieses Gerücht wirft ein neues Licht auf Erdogan

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2016-07-11-1468249306-1333267-umfrage.jpg

Hier geht es zur Umfrage.


Jedes Kind braucht die Chance auf Bildung

Egal wo auf der Welt: Ohne Bildung haben Kinder aus armen Familien in der Regel keine Chance. Doch die ist mitunter teuer - und so vergrößert sich vielerorts das Ungleichgewicht. Dieses Problem versuchen Organisationen in aller Welt zu lösen.

Eine ebenso simple wie geniale Idee steckt hinter dem Projekt World Bicycle Relief. Diese nämlich lautet: "Fahrrad = Mobilität = Bildung". So einfach kann Hilfe tatsächlich sein.

World Bicycle Relief stellt Menschen in Entwicklungsländern Fahrräder zur Verfügung, damit sie ihr Leben aus eigener Kraft verändern können. Denn in ländlichen Regionen Afrikas bedeutet ein Fahrrad ein großes Maß an Lebensqualität: Es verkürzt die Transportwege und erleichtert seinem Besitzer den Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung.

Mit über 200.000 Fahrrädern, die in Afrika montiert werden, und 1000 ausgebildeten Mechanikern hilft WorldBicycleRelief vor Ort dabei, Armut zu bekämpfen und fördert Bildung und die wirtschaftliche Entwicklung in Gegenden, die sonst von der Infrastruktur abgeschnitten wären.

Unterstütze sie jetzt bei dieser Arbeit und spende auf betterplace.org.

Willst auch Du Spenden für Dein soziales gemeinnütziges Projekt sammeln? Dann registriere Dich und Dein Projekt jetzt auf betterplace.org.

(lp)