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Würzburg-Täter galt als friedlich - doch eine Nachricht änderte alles

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  • Nach dem Axt-Angriff in Würzburg stehen die Ermittler vor einem Rätsel
  • Der Selbstmordattentäter galt als gut integriert und friedlich
  • Doch eine Nachricht aus Afghanistan soll ihn plötzlich verändert haben

Die Verwunderung steht den Ermittlern bei der Pressekonferenz gestern Nachmittag ins Gesicht geschrieben. Der Attentäter, der in einem Regionalzug bei Würzburg fünf Menschen teils schwer verletzte, gibt Ermittlern Rätsel auf.

Bisher sei der 17-Jährige strafrechtlich nicht in Erscheinung getreten, erklärte Kriminaldirektor Lothar Köhler vom bayerischen LKA gestern in Würzburg. Er sei "polizeilich ein völlig unbeschriebenes Blatt" gewesen, so Köhler. Auch die Nachrichtendienste hätten ihn nicht registriert. Die Tat gebe "Rätsel" auf.

"Nicht als aggressive Person in Erscheinung getreten"

Auch Zeugen fiel er bisher nicht als unangenehm auf. Nach den bisherigen Zeugenaussagen sei er zuvor "nicht als aggressive oder reizbare Person in Erscheinung getreten", sagte Köhler. Nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft war die Tat daher somit nicht vorhersehbar.

Ein junger Flüchtling, der gute Zukunftsaussichten in Deutschland hatte, als gut integriert, psychisch stabil und als nicht radikalisiert galt, beschließt plötzlich, andere Menschen umzubringen. Wie konnte das geschehen?

Der 17-Jährige reist am 30.06.2015 ohne Familie über Passau nach Deutschland ein. Danach ist er in das Flüchtlingslager Kolpingheim nach Ochsenfurt gekommen, was nach Aussagen der bayerischen Innenminister Joachim Herrmann als "sehr gute Einrichtung" gilt.

Spekulationen, dass eine plötzliche Änderung seines Aufenthaltsstatus zu der Tat geführt haben könnte, bestätigen sich nicht: Er hatte Ende März seine Aufenthaltserlaubnis bekommen.

Er lernt Deutsch, spielt Fußball und macht ein Praktikum

Der junge Mann kommt zu einer Pflegefamilie, die auf einem Bauernhof in der 2500-Einwohner-Gemeinde Gaukönigshofen lebt. "Die Familie hat sich im Ort sehr für Flüchtlinge engagiert", sagte eine Nachbarin der "Bild"-Zeitung. Auch der Pfarrer der Gemeinde sei tolerant gewesen und habe in der Kirche einen Gebetsraum für Muslime eingerichtet.

Auf seinem Facebook-Konto veröffentlicht er nichts, was auf eine Radikalisierung hindeutet: ein Bild, das in lächelnd in der Regionalbahn zeigt. Eines anderes zeigt ihn mit einer rosafarbenen Perücke zu Fasching. Er schreibt seiner Mutter, dass er sie vermisst. Nach Angaben der "Bild"-Zeitung lernt er Deutsch, spielte bei einem örtlichen Fußballverein mit und machte ein Praktikum in einer Bäckerei. Er habe sogar eine Aussicht auf eine Lehrstelle gehabt.

Die Ermittler sind sich sicher: Er ist nicht als Terrorist nach Deutschland eingereist. Stattdessen habe er sich in Deutschland plötzlich radikalisiert. Doch was kann einen gut integrierten Flüchtling zu einem Terroristen machen?

Eine Nachricht aus Afghanistan veränderte etwas in ihm

Der leitende Oberstaatsanwalt Erik Ohlenschlager hat einen Verdacht. Möglicher Auslöser für den Angriff im Zug könnte gewesen sein, dass der Jugendliche am vergangenen Samstag vom Tod eines Freundes in der Heimat erfahren habe. Er habe sich danach an Nicht-Muslimen rächen wollen, die seinen Glaubensbrüdern Leid angetan hätten.

Diese Nachricht habe großen Eindruck auf ihn gemacht und ihn nachhaltig verändert, sagte auch Köhler vom bayerischen Landeskriminalamt. Der junge Mann habe danach sehr viel telefoniert. Mit wem, sei noch unklar, denn das Handy müsse erst noch ausgewertet werden.

Vor der Tat verabschiedet er sich noch von seinen Pflegeeltern. Er wolle noch Fahrrad fahren. Es könne länger dauern, soll er gesagt haben. Mit sich nahm er eine Axt und ein Messer.

Wenige Stunde später wird der 17-Jährige von SEK-Beamten erschossen, nachdem er fünf Menschen in einem Regionalzug schwer verletzt hat. Die Beamten strecken ihn mit mehreren Schüssen nieder, als er mit erhobener Axt auf sie zuläuft. Zuvor hat er noch zwei Frauen auf der Straße mit den deutschen Worten "Ich mach dich, fertig, du Schlampe" angegriffen.

Sicher ist, dass die Tat ein geplantes Selbstmordattentat war. Nach der Attacke fanden die Ermittler im Zimmer des Afghanen einen Collegeblock mit einem handgemalten Symbol des IS darauf. Außerdem fanden sie Texte in arabischer und lateinischer Schrift, darunter ein Abschiedsbrief, den der 17-Jährige wohl für seinen Vater verfasst hat. Darin heißt es laut Kriminaldirektor Lothar Köhler: "Und jetzt bete für mich, dass ich mich an diesen Ungläubigen rächen kann, und dass ich in den Himmel komme."

Auch ein Video hatte der Mann in seinem Zimmer bei der Pflegefamilie aufgenommen. Der kurze Film wird später von der IS-Nachrichtenagentur Amak im Internet veröffentlicht.

"Im Namen Gottes, ich bin ein Soldat des IS und beginne eine heilige Operation in Deutschland", sagt er darin und fuchtelt mit einem Küchenmesser herum.

Das bayerische Innenministerium hat die Echtheit des Bekennervideos bestätigt. "Der Mann auf dem Video ist der Täter von Würzburg", sagte ein Sprecher von Innenminister Joachim Herrmann (CSU) am Dienstagabend der Deutschen Presse-Agentur in München.

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(vr)