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Wie ein Rucksack eine Million Menschen mit Trinkwasser versorgt

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PAUL
Die Wasserfilteranlage "Paul" versorgt hunderttausende Menschen auf der Welt mit Frischwasser. Dieses Archvibild aus dem Jahr 2005 zeigt ein Familie, die Frischwasser von einer Pumpe in ihrem Dorf in Mozambique gewinnt | Getty
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Fast 15 Jahre ist es her, dass die Idee zu Paul geboren wurde - einem Rucksack, der mittlerweile wohl rund eine Million Menschen in größter Not mit Trinkwasser versorgt hat.

"Wie alle Dinge, die am Ende ganz einfach funktionieren sollen, hat auch Paul diese Zeit gebraucht", sagt Wernfried Schier vom Institut für Siedlungswissenschaft der Universität Kassel im Interview mit der Huffington Post.

Er und seine Kollegen forschten ursprünglich an Membrantechnologie für den Bereich Abwasser. "Doch dann fragten wir uns: Könnten wir diese Technik nicht auch für die Trinkwasserversorgung von Menschen in Katastrophengebieten einsetzen?", erinnert sich Schier.

Sie konnten. Als Endprodukt von über zehn Jahren Forschung ist Paul entstanden.

Paul funktioniert einfach, ohne Strom und ohne Chemie

Paul, das steht für Portable Aqua Unit for Lifesaving. Dabei handelt es sich um einen mobilen "Wasserrucksack", der wie von Zauberhand verschmutztes Wasser in sauberes Trinkwasser verwandelt.

paul rucksack

Dass Paul so einfach funktioniert, war essentiell für das Forschungsteam der Universität Kassel unter der Leitung von Schiers Kollegen Franz-Bernd Frechen.

Drei Ansprüche habe man von Anfang an an das Produkt gehabt, erklärt Schier: Es sollte einfach zu bedienen sein, keinen Strom verbrauchen und es keine Chemie benötigen.

Damit ist Paul der Rucksack heute perfekt auf Krisensituationen vorbereitet.

Bakterien und Viren werden zu fast 100 Prozent entfernt

Statt einer geschriebenen Bedienungsanleitung, findet sich auf dem Gerät so jetzt eine Anleitung in Bildersprache – so sollen Menschen unabhängig von Sprachkenntnissen und Bildungsstand Paul im Notfall bedienen können.

Der Wasserfilter ist zudem nicht auf Strom oder chemische Zusatzmittel angewiesen – ein weiterer Punkt, der im Chaos nach einer Katastrophe ausschlaggebend sein kann.

Im Inneren von Paul steckt die "Magie" (oder vielmehr die Technologie), die all das ermöglicht: Ein Membranfilter, der nicht nur Schmutz, sondern nachweislich auch Bakterien und Viren zu jeweils 99,9 Prozent aus dem Wasser entfernt.

Der Druck des eingefüllten Wassers presst das Rohwasser durch die Membran und filtriert es somit. Danach kann man sofort am Ablaufschlauch gereinigtes Wasser entnehmen.

Über 2200 Pauls im Einsatz

Einfacher geht es kaum - und genau das macht Paul so wertvoll. "Man kann Paul theoretisch alleine in ein Krisengebiet ablassen - und er kann von jedem Menschen ohne jegliche Vorkenntnisse sofort verwendet werden", erklärt Schier.

Ein Paul kann laut seinen Erfindern rund 400 Menschen in Katastrophengebieten ausreichend mit gefiltertem Wasser versorgen. Die tägliche Filtermenge liegt demnach bei circa 1200 Litern Wasser.

paul

Was in den Forschungsräumen der Universität Kassel begann, schlägt mittlerweile weltweit Wellen. Inzwischen seien über 2.200 Pauls in über 60 Ländern im Einsatz gewesen, sagt Schier.

"Vermutlich erreichen wir bald die Millionengrenze bei der Anzahl Menschen, denen wir bisher helfen konnten", schätzt der Forscher.

In Nepal versorgte Paul letztes Jahr 20.000 Menschen

Einen größeren Einsatz hatte die Wasseraufbereitungsanlage 2013, als der Taifun Haiyan auf den Phillipinen wütete. Tausende Menschen starben, ebenso viele wurden obdachlos. Über 150 Pauls kamen damals zum Einsatz, mehr als 60.000 Menschen konnten so mit Trinkwasser versorgt werden, schätzt das Institut.

Auch in Nepal versorgte Paul nach den Erdbeben im vergangenen Jahr 20.000 Menschen mit Wasser.

Pauls Einfluss bleibt nicht unbemerkt. Erst dieses Jahr wurde der Wasserrucksack mit dem renommierten Green Tech Award, einem Umweltpreis mit internationaler Tragweite, in der Kategorie Wasser und Abwasser ausgezeichnet.

Die Zukunft: Feste Paul-Stationen

Auch das Feedback aus den Einsatzgebieten sei bisher durchweg positiv gewesen, sagt Schier. "Von Gebieten in denen Paul zum Einsatz gekommen ist, haben wir erfahren, dass dort die Zahl der Magendarmerkrankungen dramatisch gesunken oder ganz verschwunden ist".

Das habe unter anderem auch zur Folge, dass Kinder in diesen Gebieten häufiger zur Schule gehen könnten, weil sie seltener krank seien.

An den Erfolg vom Wasserrucksack Paul sollen in Zukunft deshalb feste Paul-Stationen anknüpfen, die langfristig Gebiete, die mit Trinkwasserversorgung kämpfen, helfen könnten. Laut Schier sind bereits sechs solcher Stationen (in Ghana, Nepal und Indien) im Einsatz - mehr sollen folgen.

"Eine Geschichte dieser Art gibt es nicht oft"

Auch wenn das Forschungsprojekt mittlerweile zu einem echten Mamutprojekt gewachsen ist - bisher läuft alles weiterhin über die Universität Kassel. Allein die Produktion passiert mittlerweile extern - die "Kassler Werkstatt", eine lokale Behindertenwerkstatt, hat diese übernommen.

"Eine Geschichte dieser Art gibt es nicht oft", sagt Schier stolz.

Für Paul schiebe er auch gern die ein oder andere Überstunde - neben seiner Arbeit als Dozent. "Wenn man sieht, dass man so in der Praxis tatsächlich so vielen Menschen helfen kann, dann macht das auch Spaß", sagt der Forscher.

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(lk)