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Erdogans langer Arm: Warum Kritiker des türkischen Präsidenten auch in Deutschland gefährlich leben

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ERDOWAHN
Erdogans langer Arm: Warum Kritiker des türkischen Präsidenten auch in Deutschland gefährlich leben | Getty/AP/HuffPost
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  • HuffPost-Blogger von Erdogan-Anhängern bedroht
  • Das zeigt: Erdogans Arm reicht bis nach Deutschland
  • Politiker warnen vor "systematischen Gewaltdrohungen"

Bei der Huffington Post sind in den vergangenen Tagen Texte verschwunden - aus einem traurigen Grund.

Kurz nach dem Scheitern des Putsches in der Türkei haben zahlreiche Türken in der Huffington Post darüber geschrieben, wie sie die Nacht von Freitag auf Samstag erlebt haben.

Sie bloggten über ihre Sorgen, ihre Zukunft, und sie kritisierten mit teils harten Worten das Regime Erdogans. Es waren faszinierende Einblicke in die Gedankenwelt oft junger, liberaler Türken.

Doch einige von ihnen bereuen nun, dass sie sich überhaupt geäußert haben.

Seit Sonntagabend wenden sich Blogger in Mails und Anrufen mit der Bitte an die HuffPost-Redaktion, Statements zu ändern, Zitate zu löschen oder gleich ganze Blogs von der Seite zu nehmen.

Um diese Menschen zu schützen haben wir entschieden, einige besonders kritische Augenzeugen-Blogs aus dem Netz zu nehmen.

Einige hatten einfach nur Angst vor den Folgen ihrer Texte, andere erhielten konkrete Hinweise von “gut vernetzten” Freunden oder Bekannten, wonach ihnen Ärger droht.

Anlass genug, der Sache nachzugehen: Wie gefährdet sind Menschen, die Erdogan kritisieren? In der Türkei? Aber auch in Deutschland?

Es ist eine Entwicklung, die sich weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit abspielt.

Vermeintliche Erdogan-Gegner werden in Deutschland zunehmend zur Zielscheibe von Erdogans-Fans. Sie sind plötzlich Drohungen-Mails und Hass-SMS ausgesetzt - viele wollen am liebsten gar nicht darüber sprechen.

"Die Lage für Deutschtürken hat sich zugespitzt"

Kazim Erdogan bekommt diese Geschichten beinahe täglich mit. Der Psychologe leitet Beratungsgruppen für deutsch-türkische Väter in Berlin-Neukölln. Viele von ihnen berichten von einem zunehmenden Psychokrieg gegen Erdogan-Kritiker.

Über Einzelschicksale will er nicht sprechen. Aus Angst, seine Patienten zu gefährden.

Doch für ihn ist völlig klar: “Seit dem vergangenen Wochenende hat sich die Lage für viele Deutschtürken zugespitzt". Viele von ihnen leben jetzt in Angst, sagt der 63-Jährige.

Er hat es selbst schon erlebt. Nach einem Interview mit "Spiegel Online" fluteten Erdogan-Anhänger sein Postfach mit Droh-Mails, sagt er. "Dabei bin ich in keiner politischen Organisation Mitglied".

Bundestagsabgeordnete beobachten diese Entwicklung mit Sorge.

Sevim Dagdelen, Bundestagsabgeordnete der Linken, wurde selbst nach der umstrittenen Armenien-Resolution des Bundestages bedroht.

Seit Tagen kursieren Droh-SMS gegen Erdogan-Kritiker

Sie ist sich sicher: "Erdogan will auch hierzulande Kritiker einschüchtern. Es ist kein Zufall, dass es bei den Demonstrationen für Erdogan in Europa auch zu gewalttätigen Übergriffen unter anderem auch auf Kurden gekommen ist", sagt Dagdelen.

Seit Tagen kursieren Droh-SMS gegen Erdogan-Kritiker durch die türkische Community. "Das reicht von Beleidigungen bis hin zu systematischen Gewaltdrohungen", sagt Dagdelen.

Wie das aussehen kann, hat Grünen-Chef Cem Özdemir bereits vor der Armenien-Resolution gemerkt. Er sei von Erdogan-Anhängern als “Verräter, Armenienschwein, Hurensohn, armenischer Terrorist und sogar Nazi” beschimpft worden, sagte er damals.

"Ernsthaftes Problem für die innere Sicherheit in Deutschland"

Auch die Kurden in Deutschland beklagen eine neue Hetzjagd. "Das Klima vergiftet sich immer mehr", sagt Mehmet Tanriverdi, stellvertretender Vorsitzender der Kurdischen Gemeinde in Deutschland. Seine Gemeinde werde gerade mit Droh-Mails überschüttet.

"Erdogan nimmt immer mehr Einfluss auf türkischstämmige Menschen in Deutschland", sagt Tanriverdi. Seine klare Botschaft: “Die Lage spitzt sich zu. Die Machtspiele von Ankara sind ein ernsthaftes Problem für die innere Sicherheit in Deutschland".

Wie ernst es Erdogan zu meinen scheint, zeigen Berichte über Aufrufe, die derzeit in den sozialen Netzwerken kursieren.

Wie die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" am Dienstag berichtete, erhielten türkischstämmige Bürger in Deutschland kurz nach dem Putschversuch in der Türkei die Aufforderung, Anhänger der Gülen-Bewegung zu denunzieren.

Boykott-Aufrufe gegen Firmen in Deutschland

Gleich mitgeliefert: die Telefonnummer des Präsidialamtes in Ankara. Ob der Aufruf tatsächlich von türkischen Behörden stammt, ist unklar.

Über den Messenger WhatsApp haben Unbekannte diese Woche zudem zum Boykott von Firmen in Deutschland aufgerufen, die der Gülen-Bewegung nahe stehen.

Auch hier wurde wieder aufgerufen, das Präsidialamt in der Türkei anzurufen.

"Mit den Attacken sollen Menschen eingeschüchtert und zum Schweigen gebracht werden. Genau das dürfen wir nicht zulassen", sagt die Grünen-Bundestagsabgeordnete Ekin Deligöz. "Denn dann würde das Grundrecht auf Meinungsfreiheit, eine tragende Säule der Demokratie, auf der Strecke bleiben.“

In Deutschland leben etwa 1,5 Millionen Türken, dazu kommen Deutsche mit türkischen Wurzeln. Dass politische Konflikte aus der Türkei auch in Deutschland ausgetragen werden, wäre nicht neu. In den 1990er-Jahren kam es immer wieder zu Zusammenstößen zwischen Kurden und Türken.

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