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Zug-Attacke bei Würzburg: Die 6 wichtigsten Fragen und Antworten zum Attentat

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  • Ein afghanischer Flüchtling hat Zugreisende bei Würzburg mit einer Axt angegriffen
  • Vier Menschen wurden schwer verletzt, die Polizei hat Verdächtigen erschossen
  • Die Polizei prüft nun einen islamistischen Hintergrund der Tat
  • Im Video oben erfahrt ihr, was bisher zum Täter bekannt ist

Reisende in einem Regionalzug von Treuchtlingen nach Würzburg erlebten am Montagabend einen Albtraum. Ein junger Mann aus Afghanistan griff Fahrgäste mit einer Axt und einem Messer an.

Vier Menschen wurden schwer verletzt, ein weiterer leicht. 14 Menschen erlitten einen Schock. Der Verdächtige wurde von der Polizei verfolgt und erschossen.

Hier sind die wichtigsten Fragen und Antworten zu dem Attentat:

1. Was ist genau geschehen?

"Es war gegen 21.15 Uhr, als uns der Notruf aus einer Regionalbahn erreicht hat", sagt der Sprecher des Polizeipräsidiums Unterfranken, Michael Zimmer.

Etwa 25 bis 30 Menschen sitzen nach Angaben der Bundespolizei zu diesem Zeitpunkt in dem Zug - er ist kurz vor dem Ziel, als der Angreifer die Reisenden attackierte.

Der Angreifer hat während der Tat "Allahu akbar" ("Gott ist groß") gerufen. Auf dem Handy-Notruf einer Zeugin, der von der Polizei aufgezeichnet wurde, sei dieser Ausruf "deutlich zu verstehen", sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Erik Ohlenschlager am Dienstagnachmittag.

Per Nothalt kommt die Bahn zum Stehen. Wer die Notbremse gezogen hat, ist bisher unklar. Der Angreifer springt etwa einen halben Meter tief auf den Bahndamm und flüchtet zu Fuß.

"Wie in einem Schlachthof" habe es in dem Zug ausgesehen, berichtet ein Augenzeuge, der nebenan wohnt. Erste Bilder aus dem Inneren des Waggons belegen dies. Auf dem Boden des Abteils ist Blut zu sehen, daneben liegt zerknüllt eine Rettungsdecke und Verbandsmaterial.

Die Angriffe seien "mit Vernichtungswillen geführt" worden, sagte der leitenden Staatsanwalt Erik Ohlenschlager später.

Der Zeuge berichtet, wie mehrere Passagiere nach der Bluttat aus dem Zug kletterten und ihn nach einem Verbandskasten fragten. Drinnen hätten noch Verletzte gelegen, so der Mann, der seinen Namen nicht nennen möchte.

Die Zuginsassen wurden laut Gerhard Kallert, Polizeipräsident im Polizeipräsidium Unterfranken, in eine Betreuungsstelle gebracht.

Dort hätten Notfallseelsorger die Menschen betreut. Währenddessen seien die Polizeikräfte mit der Fahndung nach dem Täter und der Sicherung des Tatorts befasst gewesen.

2. Wie verlief der Polizeieinsatz?

Die Polizei erfährt durch einen Notruf aus dem Zug von der Tat. Dieser soll von einer Mitarbeiterin eines Heims für Asylbewerber ausgegangen sein, den der Angreifer im Zug getroffen habe.

Ein Sondereinsatzkommando, das zufällig in der Nähe gewesen sei, habe die Verfolgung aufgenommen, so Herrmann.

Als der Verdächtige mit seinen Waffen auf die Einsatzkräfte losgegangen sei, hätten diese das Feuer eröffnet. Der junge Mann wird getötet.

Die Ermittler gehen davon aus, die Polizisten hätten in einer Notwehrsituation auf den mutmaßlichen Täter geschossen und "in höchster Not keine andere Möglichkeit gehabt".

Der Täter sei auf der Flucht unvermittelt aus einem Gestrüpp aufgetaucht und sei mit erhobener Axt auf zwei SEK-Polizeibeamte, die nach ihm suchten, zugelaufen.

"Wir haben die Situation eines ummittelbar bevorstehenden Angriffs." Wie viele Schüsse genau abgegeben worden seien, sei noch nicht geklärt, weil die Obduktion noch laufe. Mindestes vier Schüsse seien abgegeben worden.

Er sei froh, dass geübte Beamte eines Spezialeinsatzkommandos vor Ort gewesen seien. Es sei nicht auszudenken, was sonst passiert wäre.

Der Tatort wird weiträumig abgesperrt, ein Hubschrauber überfliegt das Gebiet. Nachdem offensichtlich ist, dass es sich um die Tat eines Einzeltäters handelt, gibt der Innenminister Entwarnung: Die Menschen in Bayern könnten Dienstagfrüh sicher Züge besteigen.

Inzwischen hat das bayerische Landeskriminalamt (LKA) die Ermittlungen übernommen. LKA-Beamte waren am frühen Dienstagmorgen in Würzburg, sagte ein Sprecher des Polizeipräsidiums Unterfranken.

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Feuerwehrautos und Polizei am Ort der Zug-Attacke; Bild: dpa

3. Was ist über den Täter bekannt?

Laut Herrmann war der mutmaßliche Angreifer als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling nach Deutschland gekommen. Das berichtet der Innenminister schon kurz nach der Tat in mehreren Fernsehinterviews.

Der 17-Jährige, der ohne Eltern nach Deutschland gekommen sei, habe seit einiger Zeit im Landkreis Würzburg gelebt, in einer Einrichtung in Ochsenfurt. Zuletzt habe er bei einer Pflegefamilie gewohnt.

In einer Pressekonferenz am Dienstagnachmittag wurden dann weitere Details zum Täter bekanntgegeben. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft war er ein gläubiger Muslim, der bisher nicht strafrechtlich in Erscheinung getreten war.

Der Angreifer ist laut LKA gläubiger Sunnit gewesen, aber nicht regelmäßig in die Moschee gegangen. Er habe privat gebetet.

Der Jugendliche sei bislang laut Zeugen nicht als aggressive, reizbare Person aufgefallen, sagte Lothar Köhler vom bayerischen Landeskriminalamt. Er sei ein "polizeilich ein völlig unbeschriebenes Blatt" gewesen, so der Ermittler.

Die Axt-Attacke war nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft nicht vorhersehbar. "Im vorliegenden Fall haben wir keine Erkenntnisse, dass irgendjemand - sei es das Jugendamt oder die Betreuer - hätten gegensteuern können, weil die Signale nicht da waren", sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Erik Ohlenschlager. "Es fehlten die Voranzeichen."

Der Angreifer habe seiner Pflegefamilie gesagt, er wolle Fahrrad fahren, als er das Haus verließ, teilte das Landeskriminalamt mit.

Zwei Tage vor der Tat seien Veränderungen an seinem Verhalten festgestellt worden. Das sei eine sehr kurze Vorlaufzeit gewesen, sagte Kriminaldirektor Lothar Köhler.

Manche Fragen könnten laut Oberstaatsanwalt Ohlenschlager vielleicht nie beantwortet werden. "Wir können ihn nicht fragen, damit fehlt eine wichtige Erkenntnisquelle", sagte er mit Blick auf den Täter. So seien die Ermittlungen nun "ein mühsamer Weg"

4. Wer sind die Opfer?

Die vier Schwerverletzten stammen aus Hongkong. Es handele sich um eine Familie und einen Freund, berichtete die Hongkonger Zeitung"South China Morning Post" am Dienstag unter Hinweis auf die Behörden in der asiatischen Wirtschaftsmetropole.

Das bestätigte der Hongkonger Regierungschef Leung Chun-Ying am Dienstag. Er verurteilte den Angriff und sprach den Opfern und ihren Angehörigen sein Mitgefühl aus. Repräsentanten der Hongkonger Wirtschaftsvertretung in Berlin besuchten die Opfer im Krankenhaus in Würzburg.

Die vier Verletzten seien ein Vater (62) und die Mutter (58) einer Tochter (27) und deren Freund (31) gewesen. Der Vater und der Freund hätten versucht, die anderen Mitglieder in der Gruppe vor dem Angreifer zu schützen. Ein fünfter Mitreisender, der 17-jährige Sohn, sei unverletzt davon gekommen, berichtete das Blatt.

5. Hatte die Tat einen islamistischen Hintergrund?

Nach dem den Angriff kam der Verdacht auf, dass es sich um ein islamistisches Attentat handeln könnte.

"Das ist jedenfalls nicht auszuschließen", sagt der CSU-Politiker am frühen Dienstagmorgen der Deutschen Presse-Agentur. Es gebe eine Aussage, wonach der Angreifer "Allahu Akbar" (arabisch für: Gott ist groß) gerufen habe, sagte Herrmann im "Nachtmagazin" der ARD.

Zudem hätten Ermittler eine handgemalte IS-Flagge im Zimmer des Jugendlichen gefunden, sagte der Minister im "Morgenmagazin" des ZDF.

Am Dienstagnachmittag teilte die Staatsanwaltschaft mehr zur Motivation des Täters mit. Die Tat sei "wohl politisch motiviert", sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Erik Ohlenschlager. Daher ermittle die für Staatsschutzsachen zuständige Staatsanwaltschaft Bamberg.

Im Zimmer des Angreifers sei ein Block gefunden worden, auf dem handschriftlich gemalt das Symbol des Islamischen Staates zu sehen gewesen sei, teilten die Ermittler mit.

Außerdem seien verschiedene Texte auf dem Block gefunden worden, darunter eine Passage, die die Ermittler als Abschiedsbrief an seinen Vater werteten.

Im Abschiedsbrief an den Vater heißt es laut Kriminaldirektor Lothar Köhler: "Und jetzt bete für mich, dass ich mich an diesen Ungläubigen rächen kann, und dass ich in den Himmel komme."

Es gebe allerdings keine Beweise, dass der Täter sich bereits vor seiner Einreise nach Deutschland radikalisiert habe. Auch seien Verbindungen zum IS nicht belegt, auch wenn der Angreifer offenbar eine Sympathie für die Terrorgruppe gehabt habe, sagte Oberstaatsanwalt Erik Ohlenschlager.

Eine IS-nahe Agentur veröffentlichte inzwischen ein Drohvideo, das angeblich den Täter von Würzburg zeigen soll. Die Staatsanwaltschaft konnte die Authentizität dieses Videos zunächst nicht bestätigen.

Am vergangenen Samstag habe der 17-Jährige erfahren, dass ein Freund von ihm in Afghanistan ums Leben gekommen war, so die Behörden.

Die Polizei hat das Handy des Axt-Angreifers von Würzburg zwischen dem Main-Ufer und dem Nothalt des Zugs gefunden. Es müsse nun ausgewertet werden, sagte der Kriminaldirektor Lothar Köhler.

Der junge Mann habe am vergangenen Samstag viel telefoniert, nachdem er vom Tod eines Freundes in Afghanistan erfahren habe. "Diese Nachricht hat wohl nachhaltig Eindruck auf ihn gemacht", sagte Köhler. Bisher sei nicht bekannt, mit wem er telefoniert habe.

Der Täter von Würzburg habe sich an "Ungläubigen" rächen wollen, die seinen muslimischen Freunden Leid angetan hätten, sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Erik Ohlenschlager.

Der 17-Jährige sei mit dem vorgefassten Entschluss in den Zug gestiegen, ihm unbekannte Menschen umzubringen. Seinen eigenen Tod soll er in Kauf genommen haben.

Herrmann stellte auch einen möglichen Zusammenhang mit dem Anschlag von Nizza her. Dass es immer Nachahmer von solchen Taten geben könne, sei bekannt. Die Hintergründe des Angriffs in Bayern müssten nun aber sorgfältig ermittelt werden.

Um diese Frage zu klären, beginnt die Polizei mit umfangreichen Ermittlungen: "Was hat er in den letzten Tagen und Wochen unternommen, was ist aus seinem Umfeld bekannt, was findet sich in seinem Zimmer - das muss genau ermittelt werden, damit man sich ein Bild machen kann", sagt Herrmann gegenüber der dpa.

6. Wie ist die Lage unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge in Bayern?

Fast jeder zweite unbegleitete junge Flüchtlinge in Bayern stammte zuletzt aus Afghanistan. 17,5 Prozent der 2015 registrierten minderjährigen Flüchtlinge im Freistaat kamen aus Syrien, 10 Prozent aus Eritrea und 7,5 Prozent aus Somalia. Ende März dieses Jahres waren nach Angaben des Sozialministeriums mehr als 15.500 minderjährige Flüchtlinge in Bayern untergebracht.

Zuständig für sie sind die Jugendämter. Im Rahmen eines sogenannten Clearingverfahrens stellen Fachleute zunächst fest, welche Art von Hilfe der jeweilige Jugendliche baucht und wo er untergebracht werden kann. Das kann ein Heim, eine Wohngruppe oder Pflegefamilie sein.

Noch 2012 und 2013 hatten nur wenige hundert minderjährige Flüchtlinge ohne Begleitung im Freistaat Schutz gesucht. Dann stieg die Zahl stark an. Seit vergangenem Herbst werden sie wie erwachsene Asylbewerber nach einem festgelegten Schüssel auf die Bundesländer verteilt.

Zur Einordnung: 96.000 Kinder - das ist etwa ein Viertel aller Kinder, die 2015 in Europa um Asyl suchten - waren laut dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (Unicef) unbegleitet.

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(lk)