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Vielleicht sind Menschen mit extremen politischen Ansichten einfach nur gelangweilt

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Der amerikanische Präsidentschaftswahlkampf und Donald Trump, das Brexit-Referendum oder der Aufstieg des selbsternannten Islamischen Staats und radikalisierte Jugendliche: Wo man auch hinsieht, dreht sich alles um politische Extremisten.

Es macht den Eindruck, als würden viele Menschen wieder vermehrt auf ihren eigenen, festgefahrenen Ansichten beharren, über die sie unermüdlich diskutieren. Die Meinungen anderer lehnen sie vehement ab. Das erweckt beinahe den Eindruck, als hätten sie nichts Besseres zu tun als dagegen zu sein.

Und das könnte sogar tatsächlich der Fall sein. Nach Aussage von Wissenschaftlern neigen wir zu extremeren politischen Ansichten, wenn wir uns langweilen.

Studien zu den psychologischen Auswirkungen von Langeweile – einem Gefühl, das wir fast jeden Tag verspüren, über das wir jedoch so gut wie nichts wissen – lassen darauf schließen, dass dieser frustrierende Gefühlszustand das Bedürfnis in uns wachsen lässt, unserem Leben einen Sinn zu geben.

Und während wir unsere Existenz hinterfragen, versteifen wir uns oft auch stärker auf unsere politischen Ansichten.

Bist du liberal eingestellt? Dann kann es gut sein, dass du noch ein bisschen liberaler bist, nachdem du dir die ganzen 200 Fotos vom letzten Strandurlaub deines Kumpels ansehen musstest.

Ist dein verrückter Onkel in letzter Zeit noch rassistischer geworden als Trump selbst? Dann solltest du ihm vielleicht einen Netflix-Account besorgen.

Selbstverständlich kann man die komplexe Frage nach politischem Extremismus in verschiedenen Kulturen und Ländern nicht einfach nur auf eine einzige Emotion reduzieren.

Die Fachzeitschrift ”European Journal of Social Psychology” veröffentlichte jedoch kürzlich drei verblüffende Belege dafür, dass Langeweile beim Bilden unserer politischen Meinung ihre ganz eigene Rolle spielt – ob diese nun stark ausgeprägt ist oder nicht, sei dahingestellt.

“Wenn Menschen Langeweile haben, wird ihnen ganz besonders stark bewusst, dass das, was sie gerade im Moment tun, völlig sinnlos ist”, sagt Wijnand van Tilburg, Wissenschaftler am King's College London und Co-Autor der Studie. “Ihre politische Meinung zum Ausdruck zu bringen oder sich einer bestimmten politischen Gruppierung anzuschließen, bietet diesen Menschen die Gelegenheit, ihrem Leben wieder mehr Sinn zu geben.”

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Anaheim, Kalifornien, 25. Mai 2016: Demonstranten gegen Donald Trump und Anhänger von Trump geraten bei einer Wahlkampfveranstaltung des republikanischen Präsidentschaftskandidaten aneinander. Bildcredit: Getty

Der Zusammenhang zwischen Langeweile und politischer Orientierung

Um zu untersuchen, ob möglicherweise eine Verbindung zwischen Langeweile und politischem Extremismus besteht, führten Van Tilburg und sein Kollege Eric Igou von der irischen University of Limerick einen Versuch mit 97 Universitätsstudenten durch.

Zunächst mussten die Teilnehmer angeben, ob sie sich selbst eher als liberal oder als konservativ einstufen würden.

Danach wurden sie per Zufallsverfahren in eine von zwei Gruppen eingeteilt, in der sie entweder einem hohen Grad an Langeweile oder einem weniger hohen Grad an Langeweile ausgesetzt wurden.

Die Gruppe, die einem weniger hohen Grad an Langeweile ausgesetzt wurde, musste zwei Kapitel aus einem Buch über das Mischen von Beton abschreiben, wohingegen die unglückseligen Teilnehmer der Gruppe, die einem hohen Grad an Langeweile ausgesetzt wurde, 10 Kapitel aus dem Buch abschreiben mussten.

Nachdem die Teilnehmer diese Aufgabe erfüllt hatten, baten die Wissenschaftlern sie, ihre politische Orientierung auf einer Skala von eins bis sieben einzuordnen. Eins bedeutete dabei eine sehr liberale oder linksgerichtete Einstellung, wohingegen sieben eine sehr konservative oder rechtsgerichtete Orientierung bezeichnete.

Die liberal eingestellten Teilnehmer der Gruppe mit dem hohen Grad an Langeweile stuften ihre eigene politische Orientierung als extremer ein als die liberal eingestellten Teilnehmer der Gruppe mit dem weniger hohen Grad an Langeweile.

Bei den konservativ eingestellten Teilnehmern zeichnete sich ein ähnlicher Trend ab (dieser Trend war jedoch statistisch nicht signifikant, was nach Aussage der Wissenschaftler vermutlich daran lag, dass diese Gruppe insgesamt nur 26 Personen umfasste).

Eine weitere Studie mit einer größeren Teilnehmerzahl kam zum gleichen Ergebnis. Die Wissenschaftler führten eine Befragung mit 859 Teilnehmern durch.

Dabei kamen sie zu dem Schluss, dass sowohl die Teilnehmer, die sich selbst als konservativ bezeichneten, als auch die Teilnehmer, die sich selbst als liberal einstuften, eher zu extremeren politischen Ansichten tendierten, wenn ihre Antworten in der Befragung darauf schließen ließen, dass sie auch zu Langeweile neigten.

Zugegebenermaßen könne man die politische Einstellung eines Menschen auf einer Skala von eins bis sieben nur grob umfassen, gibt Van Tilburg zu. Doch die Antworten der Teilnehmer an beiden Versuchen zeigten, dass man sogar an dieser ungenauen Skala sehen konnte, wie Langeweile bei Menschen zu radikaleren Vorstellungen führen kann.

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Vielleicht braucht dieser Mann einfach nur einen neuen Job? Bildcredit: Gettystock

Langeweile hat auch Vorteile

Viele Wissenschaftler und Philosophen haben bereits versucht, diesen eigenartigen Gemütszustand zu begreifen - von Arthur Schopenhauer, der Langeweile als direkten Beweis für die Bedeutungslosigkeit einer Existenz sah, bis hin zu Bertrand Russell, der glaubte, dass man lernen muss, Langeweile auszuhalten, wenn man ein glückliches Leben führen will.

Die zentralen Frage sind: Wofür braucht man Langeweile? Erfüllt Langeweile ebenso wie andere Gefühle auch einen Zweck, wie es beispielsweise bei Schmerz, Angst oder Wut der Fall ist?

“Langeweile erfüllt durchaus einige Funktionen”, sagt Van Tilburg. “Obwohl Langweile in der Literatur zumeist als etwas Unangenehmes und Negatives beschrieben wird.”

Studien haben ergeben, dass langfristige Langeweile zu Depressionen, Angstzuständen, einem ungesunden Essverhalten und Spielsucht führen kann und dass sie viele weitere unerwünschte Auswirkungen mit sich bringen kann. Die meisten Menschen würden buchstäblich alles tun, um ihrer Langeweile zu entfliehen. Sie würden sich dafür sogar selbst Elektroschocks verpassen.

Langeweile sei jedoch fester Bestandteil unseres Lebens und diese Art von Gefühlen beinhalte zumeist eine bestimmte psychologische Funktion, erklärt Van Tilburg.

“Wir werden wütend, weil es uns dabei hilft, unsere Ziele zu erreichen. Wir verspüren Angst, weil wir dadurch Gefahren vermeiden wollen. Das bedeutet, dass diese unliebsamen Emotionen einem bestimmten Zweck dienen.“

In früheren Untersuchungen kam Van Tilburg zu dem Ergebnis, dass Langeweile sich im Gegensatz zu anderen negativen Emotionen dadurch auszeichnet, dass sie untrennbar mit dem starken Bedürfnis verbunden ist, sich für etwas Sinnvolleres einzusetzen.

Langweile weist uns also darauf hin, dass das, was wir gerade tun, nicht lohnenswert genug ist. Und deshalb begeben wir uns auf die Suche nach größeren Herausforderungen und entwickeln mehr Kreativität.

“Langeweile ist nicht angenehm und auf lange Sicht kann sie sich auch negativ auf uns auswirken. Doch im Grunde genommen ist Langeweile keine dysfunktionale Emotion, da sie einen psychologischen Nutzen erfüllt”, so Van Tilburg.

Van Tilburg und Igou überprüften diese Erkenntnis in einer dritten Studie mit 300 Teilnehmern. Dieses Mal wurde auch der Wunsch der Teilnehmer bewertet, ihre Zeit in bedeutungsvolle Aktivitäten zu investieren und den Sinn ihres Handels zu hinterfragen.

Die Wissenschaftler konnten ihre Hypothese bestätigen: Die Teilnehmer, die sagten, dass sie immer den Sinn von allem hinterfragten, neigten auch zu extremeren politischen Anschauungen sowie zu Langeweile.

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Orland, Florida, 05. März 2016: Diese Archivaufnahme zeigt, wie Donald Trump seine Unterstützer bei einer Wahlkampfveranstaltung darauf schwören lässt, dass sie bei der Wahl für ihn stimmen werden. Bildcredit: Getty

Erzeugt Langeweile politischen Extremismus?

Wer sehr konservative oder besonders liberale Ansichten vertritt, wird deshalb jedoch nicht gleich zum Extremisten und verlässt sein Heimatland, um sich dem IS anzuschließen.

Diese neuen Erkenntnisse werfen jedoch eine interessante Frage auf: Welche Rolle spielt Langeweile, wenn westliche Jugendliche sich dazu entschließen, sich einer radikalen Gruppierung anzuschließen, die sich tausende Kilometer von ihrem Zuhause entfernt befindet?

Die Vermutung, dass der IS möglicherweise die Langeweile von Jugendlichen ausnutzt, um diese für seinen Kampf zu rekrutieren, wurde bereits früher schon einmal angestellt.

Entgegen der gängigen Vorstellung, dass konvertierte IS-Kämpfer zumeist gegen wirtschaftliche Ungerechtigkeit rebellieren, stammen einige dieser Kämpfer aus relativ privilegierten Familien.

Dies war erwiesenermaßen bei den Terrorattentätern von Paris und Dhaka der Fall. Diese IS-Rekruten waren alle jung und wohlhabend und hatten höhere Schulen besucht. Menschen aus dieser Bevölkerungsschicht zeichnen sich oftmals dadurch aus, dass sie sich schnell langweilen und das unstillbare Verlangen besitzen, den Sinn ihres Daseins zu hinterfragen.

Frühere Untersuchungen haben ergeben, dass Langeweile zu einem feindseligeren Verhalten gegenüber Menschen mit anderen Ansichten führen kann und dass sie uns dazu verleitet, dass wir uns stärker bestimmten Gruppen zugehörig fühlen und andere Gruppen negativer bewerten.

“In diesem Fall behandeln wir Menschen, die nicht zur unserer eigenen Gruppe gehören, schlechter und wir diskriminieren andere“, so Van Tilburg.

Menschen, die sich bestimmten Gruppen anschließen, gehen vermutlich davon aus, dass sie einen wertvollen Beitrag leisten – und zwar, dass sie ihre eigene Weltanschauung gegenüber der Andersdenkender verteidigen.

Und vielleicht ist ja sogar auch unsere ganze Gesellschaft einfach nur gelangweilt.

Obwohl eine Theorie besagt, dass es durch die technologischen Neuerungen der vergangenen zehn Jahre gar keinen Platz für Langeweile mehr gibt, ist es ebenso gut möglich, dass durch die ständige Stimulation durch neue Dinge alles seinen gewissen Reiz verliert und dass unser Leben dadurch langweilig und eintönig wird.

“Das Problem ist, dass zum Thema Langeweile noch nicht besonders viel geforscht wurde und dass wir tatsächlich keine Ahnung haben, was Langeweile eigentlich bedeutet“, sagt Van Tilburg. “Soweit ich weiß, gibt es bisher keine Studien, die sich mit Langeweile im Laufe der Zeit oder mit kulturübergreifenden Unterschieden befasst haben.“

Es sei zwar durchaus möglich, dass Langeweile bei der in allen Facetten auftretenden und weit verbreiteten politischen Polarisierung eine Rolle spielt. Und dennoch sei Langeweile nur ein Aspekt des überaus komplexen menschlichen Lebens, so der Forscher.

Um soziale und politische Trends auszulösen, werden noch viele weitere Faktoren benötigt. Ein gutes Beispiel hierfür sind die Sozialen Medien.

Langeweile kann sich jedoch auch positiv auswirken. Wie bereits vermutet und durch wissenschaftliche Studien belegt wurde, erzeugt Langeweile mehr Kreativität und führt dazu, dass wir uns aktiver dafür einsetzen, unserem Handeln einen Sinn zu geben, so Van Tilburg.

Ob Langeweile nun etwas Gutes oder etwas Schlechtes ist, hängt von der jeweiligen Situation ab, in der man sich gerade befindet – und von der Frage, wie man damit umgeht.

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei der Huffington Post Australien und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

(lk)

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