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"Cumhuriyet"-Chefredakteur warnt vor Erdogans "Hexenjagd" (EXKLUSIV)

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CAN DNDAR
"Cumhuriyet"-Chefredakteur warnt vor Erdogans "Hexenjagd" (EXKLUSIV) | dpa
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  • In der Türkei muss der regierungskritische Journalist Can Dündar um sein Leben fürchten
  • Wegen eines Berichts über vermeintliche Waffenlieferungen der Türkei wurde er zu sechs Jahren Haft verurteilt
  • Die Huffington Post hat mit ihm über die Türkei nach dem Putsch-Versuch, Erdogans Machtspiele und Versäumnisse der Bundesregierung gesprochen

Wo er sich gerade aufhält, ist geheim: Wenn Can Dündar über die Situation in seiner Heimat spricht, muss er aufpassen, mit wem er spricht - und vor allem: wer mithört. Dündar ist Chefredakteur der Zeitung "Cumhuriyet", vielleicht das bekannteste Oppositionsblatt in der Türkei.

Dündar ist in den Augen von Präsident Recep Tayyip Erdogan so etwas wie ein Staatsfeind. Eine wirklich freie, kritische Berichterstattung ist unter Erdogan schon lange nicht mehr vorgesehen. Das bekommen Dündar und sein Reporter-Team in Istanbul und Ankara besonders zu spüren.

Dündar berichtete über Waffengeschäfte - und steht dafür vor Gericht

Dündar wurde im Mai dieses Jahres wegen der Veröffentlichung geheimer Dokumente zu sechs Jahren Haft verurteilt. Im vergangenen Jahr hatte er über angebliche Pläne der Türkei zu Waffenlieferungen an syrische Oppositionsgruppen berichtet. Ein Thema, das Erdogan ganz offensichtlich nicht beleuchtet haben will. Kritiker vermuten jedenfalls, dass er Terrorgruppen unterstützt, die von westlichen Ländern bekämpft werden.

Für die Dauer seines Berufungsverfahrens bleibt Dündar auf freiem Fuß. Aber sicher ist er nicht. Im Mai entging er in Istanbul nur knapp einem Attentat. Wie es beruflich weitergehen soll, weiß er nicht.

Schweigen will er dennoch nicht. Der Huffington Post berichtet er, was derzeit in der Türkei nach dem gescheiterten Putschversuch gegen Erdogan passiert.

Der türkische Präsident sehe in dem gescheiterten Staatsstreich ein “Geschenk Gottes”, sagt Dündar. "Es ist klar, dass Erdogan dieses 'Geschenk' ausschlachten und eine Hexenjagd starten wird auf all seine Gegner. Er wird sie als Straftäter beschuldigen, die Unterdrückung in der Türkei wird zunehmen."

Als Dündar über die regierungskritischen Proteste in Ägypten schreibt, wird er entlassen

Dündar weiß, wovon er spricht: Schon in seiner Zeit vor "Cumhuriyet" ließ die Regierung ihn spüren, wie Journalismus in der Türkei auszusehen habe: unkritisch, regimetreu und vom Staat kontrolliert.

(Text geht unter dem Video weiter)

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Als er 2014 für die liberale Tageszeitung "Milliyet“ eine Artikel-Serie über die regierungskritischen Proteste in Ägypten veröffentlichte, schmiss man Dündar raus. "Sie sagten mir, 'Wir wollen keine Geschichten in dieser Zeitung, die den Premierminister verärgern'", berichtete Dündar damals nach seiner Entlassung.

Anfang 2015 übernahm Dündar dann den Chefredakteurs-Posten bei der "Cumhuriyet" - da war der 55-Jährige schon längst im Visier der türkischen Behörden. Nachdem das Blatt über die angeblichen Waffenlieferungen nach Syrien berichtet hatte, drohte Erdogan Dündar öffentlich, dieser werde "einen hohen Preis" bezahlen.

"Die Zeit für Erdogans persönlichen Staatsstreich ist gekommen"

An diesem Dienstag, vier Tage nach dem gescheiterten Putschversuch gegen Erdogan, sagt Dündar: "Unabhängiger Journalismus wird in der Türkei zunehmend zu einem Feld, in dem nur noch diejenigen arbeiten, die es riskieren, entlassen, verhaftet oder gar getötet zu werden. 48 Stunden nach dem versuchten Staatsstreich kursierte unter regierungstreuen Journalisten bereits eine Liste von Kollegen, die verhaftet werden sollen."

Und nicht nur Medienvertreter sieht Dündar in akuter Gefahr - Erdogans Machtgebaren nach dem gescheiterten Militäraufstand hält er wie viele politische Beobachter dieser Tage für den Beginn einer neuen, noch finsteren Ära in seiner Heimat. "Die Verhaftungen von fast 3000 Richtern und Staatsanwälten, also rund einem Fünftel der Justizbeamten im Land, zeigt: Die Zeit für Erdogans persönlichen Staatsstreich ist gekommen."

Als sich Dündar im Juni für einige Tage in Berlin aufhielt, traf er Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) und Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU). Sein Vorwurf damals: Die EU opfere ihre Werte wie die Pressefreiheit und die Menschenrechte für den Flüchtlingsdeal mit der türkischen Regierung.

"Können nur hoffen, dass Merkel und andere Politiker keine Tritthocker unter die Galgen stellen"

Heute bekräftigt Dündar seinen Vorwurf und fordet Berlin und Brüssel auf, nach den Ereignissen vom vergangenen Wochenende genauer bei Erdogans politischer Unterdrückung gegen Regierungskritiker hinzusehen: "Wenn europäische und deutsche Politiker einen Putschversuch des Militärs verurteilen, gleichzeitig aber bei einem Aufstand des Staates schweigen, offenbart das eine Doppelmoral", sagt Dündar.

Indem Erdogan offen über die Wiedereinführung der Todesstrafe spreche, verkörpere der türkische Präsident einen Autoritarismus, den selbst Kanzlerin Angela Merkel (CDU) nicht mehr ignorieren könne, sagt Dündar. "Wir können nur hoffen, dass Merkel und andere EU-Politiker jetzt keine Tritthocker unter die Galgen in der Türkei stellen, indem sie sagen ‘Der Flüchtlings-Deal ist uns aber äußerst wichtig’.”

Schon im Juni hatte Dündar kritisiert, dass die Bundesregierung die Menschenrechtsproblematik in der Türkei nicht ernst genug nehme - so drastisch wie jetzt hatte er sich damals jedoch nicht geäußert.

Dündar: Erdogan hat die Chance für einen weiteren Schritt in Richtung Unterdrückungs-Regime genutzt

Fragt man Dündar nach der Zukunft der Türkei, klingt durch, wie wenig Hoffnung der regimekritische Journalist auf einen baldigen politischen Wandel in seiner Heimat hat.

"Die Verwandlung der Türkei von einem säkularen Staat, der nach Demokratie und einer Anbindung an den Westen strebt, in ein antidemokratisches Unterdrückungs-Regime, das sich über alle westlichen Werte und Prinzipien empört, ist noch längt nicht abgeschlossen", sagt Dündar.

Nach dem jüngsten Putschversuch habe Erdogan die Chance für einen weiteren Schritt in diese Richtung ergriffen, sagt er.

Am Dienstagmorgen wurde bekannt, dass Dündar zu den diesjährigen Preisträgern des International Press Freedom Award gehört - einer der prestigeträchtigsten Auszeichnungen für Journalisten. Geehrt wurde Dündar für besondere Verdienste für die Pressefreiheit.

Man wird das Gefühl nicht los, dass Dündar derzeit andere Dinge im Kopf hat.

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